Helfen in Sierra Leone: Dr. Jutta Reuter (68) und ihr Mann Dr. Henning Reuter (73). 
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Helfen in Sierra Leone: Dr. Jutta Reuter (68) und ihr Mann Dr. Henning Reuter (73). 

Bericht aus Afrika

Eine Zukunft für Kinder und Jugendliche in Sierra Leone: Benediktbeurer Ärztepaar engagiert sich stark

  • Veronika Ahn-Tauchnitz
    vonVeronika Ahn-Tauchnitz
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Vor wenigen Wochen sind Dr. Jutta Reuter und ihr Mann Dr. Henning Reuter aus Sierra Leone zurückgekehrt. Mit Begeisterung berichten die beiden Ärzte im Ruhestand, welche Fortschritte im Rehabilitationszentrum der Salesianer Don Boscos gemacht wurden.

Benediktbeuern/Freetown – Dr. Jutta Reuter (68) ist Gynäkologin, ihr Mann Henning (73) Allgemeinmediziner. Beide könnten längst ihren Ruhestand in Benediktbeuern genießen. Doch als sie 2015 den Salesianerbruder Lothar Wagner und dessen Arbeit in Sierra Leone kennenlernten, wollten auch sie sich für die Menschen in dem westafrikanische Land engagieren. Der Benediktbeurer Ordensmann leitete acht Jahre lang das „Don Bosco Fambul“ in der Millionenstadt Freetown, das Kindern und Jugendlichen eine Heimat und vor allem eine Perspektive gibt. Neu aufgebaut wurde nun etwa 60 Kilometer entfernt ein Rehabilitationszentrum.

Reuters verbringen jedes Jahr viele Wochen im Dienste der Salesianer in Sierra Leone. Als sie im Frühjahr 2020 wegen der Corona-Pandemie abreisen mussten, standen noch nicht alle Gebäude des neuen Zentrums. Als sie nun im Herbst erneut vor Ort waren, gab es große Fortschritte. „Im September waren vier Häuser fertiggestellt und eingerichtet“, berichtet Jutta Reuter. In einem Gebäude sind minderjährige Mädchen untergebracht, die sich bislang mit Prostitution über Wasser halten mussten. „Zum Teil wohnen sie dort mit ihren Babys“, sagt die 68-Jährige. Im zweiten Gebäude leben Mädchen, die Opfer von Misshandlung oder sexueller Gewalt geworden sind. „Einige sind erst vier oder fünf Jahre alt.“ Einige Eltern würden ihre Kinder mit drakonischen Methoden erziehen, sagt Jutta Reuter. „Ich habe ein Kind mit schlimmen Verbrennungen gesehen. Seine Tante hatte seine Hand in siedendes Öl getaucht, weil es etwas gestohlen hatte“, berichtet die Gynäkologin.

Pater Jorge, Direktor des „Don Bosco Fambul“, beim morgendlichen Schulbeginn. 

Gebäude Nummer drei ist für Straßenjungen reserviert. Die Acht- bis 14-Jährigen seien oft bereits in Kontakt mit Drogen gekommen. „Keiner ist zur Schule gegangen.“ Hier würden die Salesianer und ihre Mitarbeiter versuchen, Kontakt zu den Familien herzustellen, und diesen helfen – mit Nahrung, Geld oder auch Schulmaterial. So soll erreicht werden, dass die Kinder wieder nach Hause zurückkehren können.

Ältere Jungen, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind, finden im vierten Haus eine Heimat. „Sie wickeln jeden um den Finger“, sagt Jutta Reuter und lächelt. Zum Teil hätten die Minderjährigen „wegen läppischer Vergehen“ Haftstrafen verbüßt. Beispielsweise, weil sie ein Handy geklaut hätten. Ihnen wird bei den Salesianern eine Perspektive aufgezeigt. Nach der Schule wird versucht, sie in Handwerksbetrieben unterzubringen, wo sie Ausbildungen als Schlosser, Schreiner oder Zimmerer absolvieren. Außerdem gebe es seit Kurzem einen Stall. „Jetzt kümmern sich die Halbstarken um Ziegen und Schafe“, sagt die Ärztin.

Auch für die Mädchen geht es um eine bessere Zukunft. Sie lernen kochen, nähen und schneidern. Die Kleider verkaufen sie auf dem Markt. Lothar Wagners Nachfolger Pater Jorge sage den Jugendlichen immer: „Eure Zukunft liegt in Euren Händen und in Eurem Kopf“, zitiert Jutta Reuter.

Auch über eine Klinik, eine Kirche, ein Logistikzentrum mit Küche, Bäckerei und Autowerkstatt, eine Schule und – ganz wichtig – ein Fußballfeld verfügt die Einrichtung. Die Jungs kicken in gespendeten Trikots vom FC Bayern, die Mädchen in denen von Real Madrid, berichtet Henning Reuter.

In Kursen lernen die Mädchen, die oft Opfer von Misshandlung oder sexueller Gewalt waren, beispielsweise nähen und schneidern. 

Der Strom kommt neuerdings von einer Solaranlage. Auch erste landwirtschaftliche Versuche gebe es. 2000 Obstbäume wurden beispielsweise gepflanzt, Gemüse konnte zum ersten Mal geerntet werden. Geplant ist nun noch ein Gebäude mit Therapieräumen und Forschungslabor. Zudem sei noch ein Hotel angedacht, um sanften Tourismus zu etablieren, aber auch um Konferenzen abhalten zu können, sagt Henning Reuter.

Das Engagement der Salesianer verändere die gesamte Umgebung des Areals. Wo früher Savanne war, „werden Häuser gebaut, auch ein kleiner Supermarkt ist entstanden“, sagt Jutta Reuter.

Wie bei jedem Besuch waren sie und ihr Mann auch wieder in den Gefängnissen in Freetown. Gerade im Zentralgefängnis seien die Zustände infernalisch. „Es wurde 1914 von den Engländern für 300 Häftlinge gebaut. 1400 Männer sind dort jetzt untergebracht“, sagt Jutta Reuter. Sie und ihr Mann bieten medizinische Beratung. Die Salesianer versorgen die Häftlinge zudem mit Hygieneartikeln wie Seife oder Zahnpasta, aber auch mit Essen. „Viele sind unterernährt“, sagt Jutta Reuter. „Die Salesianer haben auch einen Brunnen im Gefängnis gebohrt, damit es Wasser gibt.“

Seit November sind die beiden Ärzte zurück in Benediktbeuern. Sollte es die Corona-Pandemie zulassen, ist der nächste Besuch in Sierra Leone aber schon fest geplant.

Unterstützung: Wer die Arbeit der Salesianer in Sierra Leone unterstützen möchte, kann das mit einer Spende tun, nämlich an die „Don Bosco Mission Bonn“, IBAN: DE 92 3706 0193 0022 3780 15, Verwendungszweck: Don Bosco Fambul Freetown.

Lesen Sie auch: Der Südarkadentrakt im Kloster Benediktbeuern wird 2021 umfangreich saniert

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