Gleich beim Betreten der Ausstellung steht man dem weltberühmten „Turm der blauen Pferde“ gegenüber. Die Kopie von Künstler Erwin Pecho ist ein bisschen kleiner als das Original. Aber man bekommt einen guten Eindruck von der Aussagekraft des Gemäldes, das als verschollen gilt. Foto: Pröhl

Mit der Handschrift von Franz Marc

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Benediktbeuern - Erwin Pecho malt mit beeindruckender Präzision die weltberühmten Werke von Franz Marc nach. Derzeit läuft seine erste große Ausstellung in Benedikteuern.

Welcher Kunstfreund träumt nicht davon, einmal vor dem „Turm der blauen Pferde“ zu stehen?! Das weltberühmte Bild von Franz Marc wurde im Zweiten Weltkrieg als entartete Kunst eingestuft und ist seither verschollen. Gut möglich, dass es in einigen Jahren wieder auftaucht – die Gerüchte, es würde sich in einem Schweizer Banksafe befinden, sind nie verstummt. 

Einen Eindruck davon, wie dieses Gemälde wirkt, bekommen derzeit die Besucher in der Galerie der Alten Apotheke in Benediktbeuern. Dort nämlich stellt Erwin Pecho seine Werke aus. Er hat die Originale von Franz Marc mit beeindruckender Präzision nachgemalt. Einziger Unterschied: das Format. Alle seine Bilder hat Pecho entweder ein bisschen vergrößert oder ein bisschen verkleinert dargestellt, aber stets in den richtigen Proportionen. Unten rechts signiert er dezent mit „Pecho“, aber auf der Rückseite stehen immer Originaltitel und -größe. „Ich will ja nicht als Fälscher in die Annalen eingehen“, sagt Pecho schmunzelnd.

 Es ist das erste Mal, dass der Benediktbeurer seine Bilder in größerem Stil präsentiert – und es ist zu hoffen, dass er noch andernorts Gelegenheit dazu bekommt. Die ausgestellten 19 Werke sind freilich nur ein kleiner Teil seines Schaffens. Und es wird sicherlich einige Benediktbeurer überraschen, diese künstlerische Seite ihres ehemaligen Kirchenpflegers und Gemeinderats kennenzulernen. 

Pech (74) ist gelernter Schriftsetzer. Der Beruf war seine Leidenschaft. „Die Ausbildung hatte noch viel mit Kunst und Gestaltung zu  tun“, sagt Pecho. Als Geschäftsführer einer Druckerei in Geretsried ging er in Ruhestand – und hat seither Zeit für die Malerei. Pecho verbrachte seine Kindheit am Walchensee und seine Jugend in Kochel. Dort erzählte ihm als etwa 20-Jähriger eine alte Kochlerin von Franz Marc – und der Funke sprang über. „Diese Begeisterung hat mich nicht mehr losgelassen“, sagt Pecho, der sich 1966 in Benediktbeuern niederließ. An Marcs Kunst liebt er die Farbigkeit und die Flächen. „Wenn man beginnt, ihn nachzumalen, merkt man, wie sehr sich Marc aber auch mit der Anatomie der Tierkörper beschäftigt hat“, sagt Pecho. Was oftmals „aussehe wie zufällig hingetupft“, sei in Wahrheit eine präzise Pinselführung, der Dutzende Studienblätter vorausgegangen seien. Mit seiner Ausstellung möchte Pecho auch zeigen, wie sich Marcs Kunst innerhalb seiner letzten vier Lebensjahre stark verändert hat. 

War es zuerst das Gegenständliche (etwa der „Liegende Hund im Schnee“ ; 1910/11), so malte Marc vier Jahre später in seinem Haus in Ried völlig abstrakte Formen. Pecho dokumentiert das mit den „Zerbrochenen Formen“ aus dem Jahr 1914. Dazwischen sieht man unter anderem anhand vom „Affenfries“ (1911), den „zwei Katzen in blau und gelb“ (1912) und den „Füchsen“ (1913), wie sich Farbe und Formen immer unabhängiger von der Natur entwickelten. Wie kam es dazu? Pecho hat seine ganz eigene Schlussfolgerung gezogen: 1907 erfanden die Brüder Lumière in Frankreich die Farbfotografie. „Damit brach für die Landschaftsmaler ein Geschäftsfeld weg, denn ein Foto war schneller entwickelt als ein Bild gemalen“, sagt Pecho. Kreative Köpfe wie Franz Marc hätte die Erfindung der Farbfotografie zu ganz neuen, künstlerischen Ideen angeregt. „Ich glaube, es hat sie inspiriert, dann auch Landschaft und Tiere farbig zu malen.“ 

Bei seiner präzisen Betrachtung der Marc-Originale fielen Pecho noch einige regionale Bezüge auf. „Ich bin mir sicher, dass im Hintergrund der ,Gelben Kuh‘ Rabenkopf und Jochberg zu sehen sind.“ Denn stünde man auf der Staffelalm, könnte man diese Perspektive erkennen. 

Für die Fertigstellung eines Bildes braucht Pecho etwa 20 Stunden. Nichts wird dem Zufall überlassen. Damit die Proportionen passen, führt Pecho Berechnungen durch. Dann zieht er sich in den Keller zurück und konzentriert sich ganz aufs Malen. Einige seiner Bilder sind im Wechsel in der Benediktbeurer Bücherei zu sehen. Pecho hat allerdings so viele gemalt, dass er über Jahre hinweg immer wieder neue Bilder wird zeigen können. Und weitere sind schon in Arbeit. 

Die Bilder sind bis 7. August jeden Freitag, Samstag und Sonntag jeweils von 15 bis 17 Uhr in der Alten Apotheke zu sehen. Der Eintritt ist frei. Für Schulklassen gibt es Führungen nach Absprache.


 

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