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Abschied von den Kindern: Mitte März kehrten Dr. Jutta Reuter und ihr Mann Dr. Henning Reuter nach mehreren Wochen Aufenthalt in Sierra Leone wieder nach Benediktbeuern zurück – kurz, bevor in dem westafrikanischen Land die ersten Corona-Fälle gemeldet wurden.

Hilfe für Straßenkinder

Helfer aus Benediktbeuern in Sorge um die geschundenen Kinder von Sierra Leone

  • Silke Scheder
    vonSilke Scheder
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Das Herz eines Ärzte-Ehepaars aus Benediktbeuern schlägt für Sierra Leone. Jetzt aber haben sie große Sorge um die Kinder in ihrem dortigen Hilfsprojekt. 

Benediktbeuern/Freetown – Gewalt, Misshandlung, Vergewaltigung. „Dieses Schicksal trifft oft schon kleine Mädchen unter drei Jahren“, sagt Dr. Jutta Reuter. Die Gynäkologin im Ruhestand spricht vom traurigen Alltag in Sierra Leone. Mehrere Monate im Jahr verlassen sie und ihr Mann Henning Benediktbeuern, um in dem westafrikanischem Land im Dienste der Salesianer Don Boscos Gutes zu tun. 

Wegen der Corona-Pandemie geht das aktuell nicht. Und schlimmer noch: Die Pandemie verschärft die ohnehin schon schwierige Situation für die Mädchen und Buben vor Ort weiter. Die Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten ist ungewiss, die Preise könnten explodieren. „Wir bitten im Namen der Kinder und Jugendlichen um Unterstützung“, sagt Jutta Reuter.

Ordensmann aus Benediktbeuern leitete soziale Einrichtung in Freetown

Der Bezug zum fernen Westafrika liegt nahe: Der Benediktbeurer Ordensmann Lothar Wagner hat acht Jahre lang das „Don Bosco Fambul“ in der Millionenstadt Freetown geleitet. Wie berichtet handelt es sich dabei um eine Einrichtung für Straßenkinder, sexuell ausgebeutete Mädchen und jugendliche Straftäter. Hier erhalten sie Nahrung, Kleidung, Medizin und Unterricht. Drei Priester, drei Brüder und etwa 120 Mitarbeiter aus Sierra Leone selbst versuchen, die Kinder in ein normales Leben zu begleiten.

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Die Nachfrage ist groß. Im sogenannten „Girl Shelter“, einem Schutzraum für Mädchen, leben zum Teil mehr als 50 Mädchen auf engstem Raum zusammen. „Immer sind einige Babys dabei, denn die vergewaltigten und missbrauchten Mädchen kommen nicht selten schwanger bei Don Bosco Fambul an“, sagt Dr. Henning Reuter. Bruder Lothar Wagner suchte seinerzeit nach einer Erweiterungsmöglichkeit – und fand in der Umgebung von Freetown ein 2,7 Hektar großes Stück Land. 

Ärzte-Ehepaar will im Ruhestand mit seinem Wissen in Sierra Leone helfen

Mit Geld von Spendern aus verschiedenen Ländern entstanden hier in den vergangenen beiden Jahren vier große Gebäude für jeweils 40 Personen: eines für Straßenjungen, eines für misshandelte Mädchen, eines für minderjährige Prostituierte, die aussteigen wollen, und eines für junge Straftäter mit nicht allzu schweren Vergehen. Außerdem gibt es eine Schule und eine kleine Klinik – mit einem OP-Tisch aus Benediktbeuern. „Der ist zwar nicht mehr modern“, sagt Allgemeinmediziner Reuter. „Aber er funktioniert.“

Das neue Rehabilitationszentrum mit Klinik und Fußballfeld im Vordergrund, im Hintergrund eines der vier Häuser für die Jugendlichen auf dem 2,7 Hektar großen Gelände.

Der 73-Jährige betrieb vor der Rente wie seine Frau eine Praxis in München. „Wir haben uns immer gewünscht, im Ruhestand im Rahmen der Kirche unser Wissen zur Verfügung zu stellen“, sagt Jutta Reuter. Durch den Umzug nach Benediktbeuern lernten sie Lothar Wagner kennen, der ihnen 2015 die Arbeit der Salesianer in Sierra Leone zeigte. Seitdem gehört das Paar zu den salesianischen Mitarbeitern und kümmert sich vor allem um die medizische Versorgung von Straßenjungen und Gefangenen des berüchtigten Pademba-Gefängnises.

Täglich viel Leid, Tränen, Krankheit und Unverständnis

„Dass es nicht nur Erfolgsgeschichten gibt und viel Leid, Tränen, Krankheit sowie Unverständnis von den Mitarbeitern täglich zu schultern sind, muss wohl nicht ausführlich erwähnt werden“, sagt Jutta Reuter. Aber es gebe eben auch Fälle wie den eines ehemaligen Häftlings, der dank der Unterstützung der Salesianer eine Ausbildung zum Schlosser geschafft hat. Sein erstes Gehalt – umgerechnet 30 Euro – spendete er dem Don Bosco Fambul, erzählt Jutta Reuter. Inzwischen engagiert er sich selbst für Strafgefangene, hat eine Frau und ein kleines Kind.

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Von so einer geordneten Zukunft träumen viele der „geschundenen Kinder und Jugendlichen Sierra Leones“, wie sie die Reuters nennen. Diese Träume allerdings sind eng verbunden mit dem neuen Rehabilitationszentrum. „Das wird jedoch nur bestehen können, wenn die Salesianer unterstützt werden“, sagt Henning Reuter und fügt hinzu: „In einer Zeit, in der auch wir Einschränkungen hinnehmen müssen, ist vielleicht auch das Verständnis für Kinder in Ländern größer, die schon ohne Corona täglich am Abgrund stehen und um ihr Leben kämpfen müssen.“

Spenden erbeten

Wer die Arbeit der Salesianer in Sierra Leone unterstützen möchte, kann das mit einer Spende tun, nämlich an die „Don Bosco Mission Bonn“, IBAN: DE 92 3706 0193 0022 3780 15, Verwendungszweck: Fambul Freetown.

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