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Zu dem historischen Vortrag waren viele Besucher gekommen. Barbara Brüll (re.) ist Übersetzerin mit Schwerpunkt Kulturwissenschaften und absolvierte ein berufsbegleitendes Studium der Geschichtswissenschaften in München.

Historische Arzt-Berichte amüsieren Publikum in Benediktbeuern

Besser zum Scharfrichter als zum Arzt

Wie waren sie so, die Menschen, die im 19. Jahrhundert hier lebten? Einblicke geben die so genannten Physikatsberichte, die Ärzte damals verfassten. In Benediktbeuern wurden nun zwei dieser Berichte vorgestellt. Es war ein Abend voller Kuriositäten und interessanter Fakten.

Benediktbeuern Die Sitten sind rau und grob. Das Wesen ist widerspenstig, und der Hang zum Aberglauben groß. Ebenso die Kindersterblichkeit und die „Putzsucht“ bei Frauen. Und aus den Mooren rund um Benediktbeuern steigen schädliche Dämpfe auf, die krankmachen: So beschreibt der Landgerichtsarzt Jakob Kriechbammer in seinem 1806 verfassten Bericht das Leben in Isarwinkel und Loisachtal.

Über Details aus einem Physikatsbericht erzählte die Tölzerin Barbara Brüll am Freitag auf Einladung des Benediktbeurer Förderkreises für Brauchtum und Kultur im Hotel Friedenseiche. Ein Physikat war im 19. Jahrhundert ein Landgerichtsbezirk, dem je ein Landgerichtsarzt zugeteilt war. Ziel war die Neuordnung des Medizinalwesens.

In den Berichten sollte der Arzt den „ethnografischen und topografischen Zustand“ in seinem Bezirk festhalten und an die Regierung übermitteln. Diese Berichte sind laut Brüll bis heute erhalten und geben mal kuriose, mal aufschlussreiche Einblicke: Etwa in das herrschende Klima, in Sitten und Gebräuche, in Krankheiten oder Essgewohnheiten. „246 solcher Berichte wurden aus ganz Bayern eingereicht, 38 davon aus Oberbayern“, berichtete Brüll. Zwei davon habe der Historische Verein Bad Tölz ediert.

Der erste aus dem Landgerichtsbezirk Tölz stammt von Jakob Kriechbammer. Darin schreibt er von dem ungesunden Klima in den „Mösern“ (Mooren), die „mit schädlichen Ausdünstungen geschwängert“ seien. Er kritisiert den zu üppigen Verzehr von Schmalz und Quark. Außerdem werde in den deutschen Tänzen – anders als bei den französischen Schreit-Tänzen – „bis zur Ungesundheit ausgeschweift“. Diese Beschreibung sorgte bei den Zuhörern für viel Erheiterung – wie so manch andere aus heutiger Sicht sonderbare Notiz dieser Berichte.

Wie Barbara Brüll erläuterte, waren die akademischen Ärzte jener Zeit alles andere als moderne Mediziner. Stattdessen stellten sie allein über Pulsmessen und Urinbeschau ihre Diagnosen. „Darüber lachte die Bevölkerung“, sagte Brüll. Kranke kamen also kaum zu ihnen, sondern zogen den Besuch bei Chirurg, Wundheiler oder Bader vor. Sogar der Scharfrichter hatte mehr anatomische Kenntnisse als ein Arzt, erläuterte Brüll. „Er musste die Gefolterten ja immer wieder einrenken, um sie weiter foltern zu können.“

Dennoch finden sich einige interessante Fakten in den Berichten: So zeugen die darin notierten verstorbenen Säuglinge von der hohen Kindersterblichkeit, und man erfährt, wie ungesund viele Babys ernährt wurden, nämlich mit dickem Mehlbrei.

Dem zweiten Tölzer Physikatsbericht, den der Arzt Gustav Höfler 1860 verfasste, ist zu entnehmen, dass auch Mädchen und Frauen in dieser Zeit als Flößer gearbeitet haben, was er für „moralisch ungünstig“ hielt. Außerdem schreibt er von Schwefelquellen, die es damals in Benediktbeuern gegeben haben soll und davon, dass die Tölzer täglich Fleisch aßen, während das die Landbevölkerung nur viermal im Jahr tat. „Nämlich an Ostern, Pfingsten, Weihnachten und Kirchweih.“

Kurioses gibt es freilich auch bei Höfler zu lesen: So beschreibt er die Männer als schöner als die Frauen und den Stil der Häuser als Spiegel der Einfalt und Gutmütigkeit ihrer Bewohner. Außerdem schreibt er von einem „eigentümlichen Tanz“: dem Schuhplattler.

Nächster Vortrag: Am Freitag, 27. Oktober, wird die Geschichte der Salesianer Don Boscos im Kloster Benediktbeuern thematisiert. Beginn: 19.30 Uhr; Gasthof Herzogstand. (Franziska Seliger)

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