Pater Reinhard Gesing war zwei Jahre lang Direktor des Klosters Benediktbeuern. Unser Foto zeigt ihn vor der Don-Bosco-Büste. Foto: Pröhl/A

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Auf dem Weg zu einem neuen Hirtenamt

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Pater Reinhard Gesing verlässt Benediktbeuern: Der bisherige Klosterdirektor wird oberster Salesianer Deutschlands.

Benediktbeuern – In wenigen Tagen, genauer gesagt an Mariä Himmelfahrt, wird der Benediktbeurer Klosterdirektor Pater Reinhard Gesing (54) in München in sein neues Amt als oberster Salesianer Deutschlands eingeführt. Als Provinzial der Deutschen Provinz ist er verantwortlich für 260 Mitbrüder und rund 2000 Angestellte in der ganzen Republik sowie in der Schweiz und in der Türkei. Was erwartet ihn in dieser Aufgabe, wie möchte er dieses Amt ausfüllen? Unsere Zeitung hat sich mit ihm zum Gespräch getroffen.

Nochmals herzlichen Glückwunsch zur Wahl, Pater Gesing! In der Wirtschaft würde man jetzt von einer Bilderbuchkarriere sprechen.

Pater Reinhard Gesing: (schmunzelt) Danke! Der Begriff Bilderbuchkarriere passt aber gar nicht in die Denk- und Sprachweise einer Ordensgemeinschaft. Hier strebt man keine Karriere an. Das Amt des Provinzials wurde mir voller Vertrauen angetragen. Es ist ein Dienstamt, ja, ein Hirtenamt, und das Evangelium ist die oberste Richtschnur. Papst Franziskus gibt uns Gläubigen immer wieder Hinweise darauf. Gerade in Zeiten, in denen man erlebt, wie Menschen ihre Macht missbrauchen, finde ich das sehr wichtig, ebenso die kritische Selbstreflexion.

Sie waren im Juli in Rom – haben Sie da Papst Franziskus kennengelernt?

Pater Gesing: Nein, nicht in diesem Zusammenhang. Ich habe den Papst bei einem Generalkapitel erlebt. Der Papst ernennt zwar die Bischöfe, aber bei ordensinternen Entscheidungen ist er nicht eingebunden.

Wie haben Sie sich denn in den vergangenen Monaten auf das neue Amt vorbereitet?

Pater Gesing: Da gab es viel zu tun – im Prinzip ist es wie ein fahrender Zug, in den man steigt. Ich habe mich bemüht, auch meiner Verantwortung hier in Benediktbeuern voll und ganz gerecht zu werden. In München gab es Treffen mit verschiedenen Personen, vor allem mit meinem Vorgänger P. Josef Grünner, und ich habe einen Einblick in meinen neuen Tätigkeitsbereich bekommen, inklusive wichtiger Impulse und Denkanstöße. Im Winter werde ich nochmals für zwei Wochen in Rom sein, auch da stehen Gespräche im Mittelpunkt. Wichtig ist aber auch die geistliche Vorbereitung auf dieses Amt – und auch hierzu hatte ich Gelegenheit.

Gibt es in Benediktbeuern eine Abschiedsfeier für Sie?

Pater Gesing: Ich bin ja erst seit zwei Jahren Klosterdirektor, und da schien es mir übertrieben, eine große Abschiedsfeier zu halten. Beim traditionellen Sommerfest unserer Gemeinschaft und unserer Mitarbeiter habe ich eine kleine Ansprache gehalten und mich bei allen für die gute Zusammenarbeit bedankt. Zudem konnte ich mich bei verschiedenen Gottesdiensten und Pfarrfesten von den Gläubigen verabschieden. Das war eine schöne Erfahrung, für die ich dankbar bin.

Fällt Ihnen der Abschied aus Benediktbeuern schwer?

Pater Gesing: Nun, ich lebe seit 19 Jahren in Benediktbeuern, das ist genauso lang wie in meiner Heimat in Nordrhein-Westfalen. Ich habe also auch hier Wurzeln geschlagen. Heimat ist aber überall da, wo vertraute Menschen sind.

Wie wird Ihre Amtseinführung ablaufen?

Pater Gesing: Der Feiertag Mariä Himmelfahrt ist in unserer Ordensgemeinschaft traditionell ein wichtiger Tag, an dem zum Beispiel Amtswechsel und Ordensjubiläen stattfinden. An diesem Tag wird es um 14 Uhr in der St.-Wolfgang-Kirche in München eine Eucharistiefeier geben, in der mich der Regionalobere Tadeusz Rozmus in das neue Amt einführen wird. An diesem Gottesdienst werden außer den Mitbrüdern auch Mitarbeiter, Wohltäter und Freunde unserer Ordensgemeinschaft teilnehmen. Zugleich wird mein Vorgänger, Pater Josef Grünner, verabschiedet. Er geht dann als Direktor der internationalen Missionsprokur nach Bonn.

Wann wird Ihr Nachfolger in Benediktbeuern, Pater Lothar Bily, in sein Amt eingeführt?

Pater Gesing: Rein rechtlich tritt er dieses Amt schon am 15. August an. Die Feier wird aber erst am 14. September stattfinden. Da komme ich übrigens auch (schmunzelt).

Na, viel Zeit für Benediktbeuern bleibt Ihnen künftig nicht...

Pater Gesing: Das stimmt. Ich werde erst mal viel reisen, um alle unsere Einrichtungen und Gemeinschaften kennenzulernen, viel intensiver als bisher, und um zu erfahren, wo und wie sie stehen.

Was sehen Sie als Ihre wichtigste Aufgabe?

Pater Gesing: Ich werde mit den Verantwortlichen vor Ort und in der Provinz besprechen, wie wir der Spur des Evangeliums folgen und im Geiste Don Boscos leben und arbeiten – sowohl als Gemeinschaft als auch in der Verantwortung für junge Menschen. Es geht darum, am Puls der Zeit zu bleiben.

Wie definieren Sie denn „den Puls der Zeit“?

Pater Gesing: Junge Menschen verändern sich, unsere Gesellschaft verändert sich – es wird immer neue Fragen geben, wie man das Leben im Geiste Don Boscos gestalten kann. Ich sehe, dass es eine Schere in unserer Gesellschaft gibt: auf der einen Seite geht es vielen Menschen gut – und dafür bin ich dankbar – , auf der anderen Seite gibt es aber leider auch eine steigende Zahl derer, die am Rand der Gesellschaft stehen, und die drohen, durchs soziale Netz zu fallen. Für sie müssen wir da sein.

An welche Zielgruppen denken Sie da besonders?

Pater Gesing:Da habe ich mehrere Zielgruppen im Kopf: Es gibt auch in Deutschland junge Menschen, die kein Dach über dem Kopf haben. Dann gibt es Jugendliche, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind, und die Begleitung brauchen, wieder in die Gesellschaft hineinzuwachsen. Andere junge Menschen sind psychisch beeinträchtigt und brauchen Hilfe. Und nicht zuletzt leben in Deutschland Jugendliche und junge Erwachsene, die als Flüchtlinge hierher gekommen sind. Auch für sie möchten wir da sein.

Das sind viele Aufgabenfelder. Auf der anderen Seite werden die Mitglieder ihrer Ordensgemeinschaft immer weniger.

Pater Gesing: Die vielen Aufgaben bewerkstelligen wir nicht alleine, sondern in Deutschland gibt es rund 2000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in unseren Einrichtungen. Aber es stimmt, was Sie sagen: Die Zahl der Mitbrüder ist deutschlandweit rückläufig, und noch dazu werden wir ja nicht jünger.

Wie werden Sie versuchen, Ordensnachwuchs zu gewinnen?

Pater Gesing: Ich denke, es ist unsere Aufgabe, unser Leben als Salesianer authentisch zu leben, damit sich junge Menschen davon angesprochen fühlen können. Papst Franziskus sagt: Die Kirche wächst durch Anziehung. Das gilt auch für unsere Ordensgemeinschaft. Wir möchten ein Klima schaffen, in dem eine innere Berufung wachsen kann. Derzeit gibt es auch einige junge Männer, die sich intensiv mit unserem Ordensleben auseinandersetzen, übrigens geschieht dies gerade auch immer wieder hier in Benediktbeuern.

Wie steht es denn um die Finanzen des Ordens?

Pater Gesing: Das Wirtschaftliche ist eine große Herausforderung. Die Salesianer unterhalten in Deutschland 30 Standorte. Der soziale Bereich ist kein Bereich, in dem man riesige Summen erwirtschaften kann. Wir haben eine große Verantwortung, auch gegenüber unseren Mitarbeitern. Wir haben uns in den vergangenen Jahren gut weiterentwickelt und sind an den Standorten sehr gut aufgestellt. Trotzdem, das muss man auch sagen: Ohne Wohltäter und Partner werden wir nicht auskommen. Die geringer werdende Zahl der Salesianer kann nicht alles alleine erwirtschaften. Da sind auch Kreativität und Unterstützung von außen gefragt. Und ich bin dankbar, dass uns von Kirche und Gesellschaft so großes Vertrauen entgegengebracht wird.

Kommen wir nochmals auf Benediktbeuern zurück. Sie hinterlassen Ihrem Nachfolger Pater Bily große Aufgaben, unter anderem die Restaurierung der Klosteranlage und den bevorstehenden, womöglich konfliktreichen Prozess zum Bau des Tagungshauses der Fraunhofer-Gesellschaft.

Pater Gesing: Ja, Pater Bily hat viele Aufgaben vor sich. Aber ich habe das Vertrauen, dass er sie im Miteinander mit den anderen Verantwortlichen und den vielen engagierten Mitarbeitern bewerkstelligen wird.

Wann soll es denn mit der Renovierung des Südtrakts losgehen?

Pater Gesing: Es gibt noch kein genaues Datum, das Finanzierungskonzept ist noch in Arbeit. Unser Ziel wäre Sommer 2018.

Wurde der Erbpacht-Vertrag mit der Fraunhofer-Gesellschaft für das Tagungshaus schon unterschrieben?

Pater Gesing: Nein, aber wir stehen kurz vor dem Abschluss.

Verraten Sie Details?

Pater Gesing: Man schließt einen Vertrag dann ab, wenn beide Seiten zufrieden sind und von der Angelegenheit profitieren.

Im Raum steht noch das Parkplatz-Problem. Wann legt das Kloster ein Konzept vor?

Pater Gesing: Für die Besucher des Tagungshauses wird es einen eigenen, reservierten Bereich geben. Ein Plan ist in Arbeit – ich bitte um Verständnis, dass wir nicht alles auf einmal machen können. Es wird Schritt für Schritt vorangehen.

Was sagen Sie dazu, dass die Bürgerinitiative „DenkMal Benediktbeuern“ ankündigt, gegen den Bebauungsplan zu klagen?

Pater Gesing: Es ist bedauerlich für uns, dass sich einige Menschen mit diesem Neubau schwertun. Wir werden abwarten, wie die Sache entschieden wird. Auch ein Kloster muss sich weiterentwickeln können. Bauliche Veränderungen hat es im Laufe der Jahrhunderte immer wieder gegeben. Natürlich haben wir auch einen denkmalschützerischen Auftrag – aber diesen sehe ich durch den Neubau an dieser Stelle nicht in Gefahr.

Zu guter Letzt: Haben Sie als Provinzial mit „Benediktbeurer Wurzeln“ künftig noch ein Zimmer im Kloster?

Pater Gesing: (schmunzelt) Nein, ich werde dieses Wochenende komplett nach München ziehen. Wenn ich dann hier bin, steht mir ein Gästezimmer zur Verfügung (Pater Gesing deutet in den Innenhof des Klosters). So einen schönen Ausblick wie hier aus meinem Büro habe ich in München leider nicht. Das werde ich anfangs bestimmt sehr vermissen.

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