+
Marion Knöring ist Mieterin in Benediktbeuern. Die 39-Jährige ist an MS erkrankt, sitzt im Rollstuhl und kann die schwere Eingangstür nicht mehr alleine vollständig öffnen, um das Haus zu verlassen. 

Gefangen im eigenen Wohnhaus

Kampf um automatische Haustür: Rollstuhlfahrerin (39) aus Benediktbeuern fühlt sich gedemütigt

  • schließen

Eine Rollstuhlfahrerin (39) aus Benediktbeuern benötigt einen automatischen Türöffner in ihrem Mietshaus – doch die Eigentümer lehnen ab.

Benediktbeuern– Wann immer Marion Knöring das Mehrfamilienhaus, in dem sie in Benediktbeuern lebt, betreten oder verlassen möchte, hat sie ein großes Problem: Sie kann die schwere Haustür nicht mehr öffnen. Die 39-Jährige hat Multiple Sklerose (MS) und sitzt seit 2015 im Rollstuhl. Seit Ende 2016 bemüht sie sich, dass die Haustür mit einem automatischen Türöffner nachgerüstet wird. Doch das ist schwierig: Marion Knöring und ihr Mann sind nämlich Mieter. Eine Installation an der Haustür wird von den Wohneigentümern abgelehnt.

Mittlerweile hat sich auch das Tölzer Landratsamt in diese Angelegenheit eingeschaltet. „Dieser Fall ist außergewöhnlich im ganzen Landkreis“, sagt Pressesprecherin Sabine Schmid. „Auch aus den vergangenen Jahren ist uns nichts Ähnliches bekannt.“

Der Fall hat viele Facetten und mündet vor allem immer wieder in juristischen Fragen, betreffend Wohneigentum, Barrierefreiheit und Kostenübernahme. „Die Diskussionen und die Ablehnung sind für mich sehr demütigend“, sagt Marion Knöring.

Lesen Sie auch: Insider-Wissen aus der Parallelwelt der „Reichsbürger“

Die Diagnose MS erhielt die heute 39 Jahre alte Frau schon als Jugendliche, konnte aber noch viele Jahre unbeschwert leben und sportlich aktiv sein: „Ich war Snowboardlehrerin und aktive Turnierreiterin.“ Sie studierte Internationale Betriebswirtschaft und arbeitet seit einigen Jahren bei der Firma Roche Diagnostics im Bereich Rohstoff-Einkauf. Die Krankheit erlaubt es ihr derzeit, 23 Stunden pro Woche zu arbeiten – eine Selbstständigkeit, die für Marion Knöring sehr wichtig ist.

Wenn da nicht das Problem mit der Haustüre wäre. Ohne Hilfe, sagt Marion Knöring, komme sie nicht hinaus: „Ich kann nicht einfach spontan einkaufen gehen oder mich mit Freunden treffen“, sagt die 39-Jährige, die mit ihrem behindertengerechten Auto eigentlich mobil ist.

Die Lösung für das Problem ist ein automatischer Türöffner. „Die Tür öffnet sich dann per Fernbedienung, man kann aber auch weiterhin den Schlüssel benutzen“, erklärt Marion Knöring die Funktionsweise. „Wenn die Tür aufgesperrt wurde und man tippt dann leicht dagegen, öffnet sie sich weiter automatisch. Das ist doch auch praktisch, wenn man mit schweren Taschen vom Einkaufen zurückkommt.“

„Thema wird uns in 10 bis 15 Jahren erdrücken“

Marion Knöring erkundigte sich Ende 2016 bei Firmen, nahm Kontakt mit ihrem Vermieter auf und erklärte ihre Bereitschaft, sich selbst um den Auftrag zu kümmern. Die Kosten in Höhe von rund 4000 Euro hätte sie mittels Unterstützung von der Krankenkasse finanzieren können.

Doch es kam anders als gedacht. Für die Installation war ein Antrag notwendig, den der Eigentümer der Wohnung stellen muss. Die Eigentümergemeinschaft, in diesem Fall sechs Parteien, hat darüber zu entscheiden. Weil der Antrag aus zeitlichen Gründen außerhalb der Eigentümerversammlung in einem schriftlichen Verfahren durchgeführt wurde, musste die Entscheidung einstimmig fallen. Im Laufe der Abstimmungsphase tauchten Fragen auf, unter anderem bezüglich Wartung, Haftung und Rückbau des automatischen Türöffners. Letztlich wurde der Antrag im März 2017 abgelehnt. Details hierzu sind nicht zu erfahren. „Abstimmungen in einer Wohneigentümergemeinschaft sind nicht öffentlich“, antwortet der Vermieter, der anonym bleiben möchte, auf die Anfrage des Tölzer Kurier.

Mittlerweile ist das Landratsamt an den Bauherrn des Hauses herangetreten. Das Mehrfamilienhaus wurde 2007 gebaut. Seit 2011 gilt in der Bayerischen Bauordnung in Sachen Barrierefreiheit eine DIN-Norm, die unter anderem vorschreibt, dass Türen „mit geringem Kraftaufwand leicht zu öffnen und zu schließen sein müssen“. Weiter heißt es: „Gebäudeeingangstüren sollten vorzugsweise automatisch zu öffnen und zu schließen sein.“ Laut Landratsamt ist der Bauherr verpflichtet, eine entsprechende Anlage einzubauen.

Bauherr will Gerichte entscheiden lassen

Doch der Bauherr, der ebenfalls anonym bleiben will, lehnt die Forderung ab. Hintergrund sind ebenfalls offene juristische Fragen. Derzeit gibt es einen regen Schriftwechsel mit dem Landratsamt. Das Kreisbauamt könnte in letzter Konsequenz eine Anordnung samt Zwangsgeld erlassen. „Ich werde hier gerne die Gerichte entscheiden lassen“, so der Bauherr gegenüber dem Tölzer Kurier.

Marion Knöring nimmt die ganze Angelegenheit sehr mit. „Man fühlt sich so hilflos und verloren“, sagt sie und fragt: „Was mache ich denn bei einem Brand?“ Dabei sei die Wohnung sehr schön, sie komme gut zurecht und fühle sich in der Umgebung wohl. „Wenn halt nur nicht die Sache mit der Haustüre wäre.“

Der Tölzer Kurier hat die Angelegenheit dem Deutschen Mieterbund geschildert und um eine Stellungnahme gebeten. „Ein Mieter kann von seinem Vermieter die Zustimmung zu einer baulichen Veränderung verlangen, die für eine behindertengerechte Nutzung erforderlich ist“, schreibt Geschäftsführer Ulrich Ropertz. Voraussetzung sei, dass der Mieter ein berechtigtes Interesse nachweise. „Der Vermieter kann seine Zustimmung nur verweigern, wenn sein Interesse an der unveränderten Erhaltung der Mietsache das Mieterinteresse überwiegt.“ Die automatische Türöffneranlage müsste in diesem Fall vom Mieter bezahlt werden. „Er müsste auch die laufenden Kosten übernehmen. Der Vermieter kann eine Sicherheit verlangen, mit der die möglichen Kosten eines Rückbaus am Ende der Mietzeit abgedeckt sind.“

Auch interessant: Heimspiel für den Landratskandidaten

Fälle wie jener von Marion Knöring, in der eine Eigentümergemeinschaft betroffen sei, würden immer wieder die Gerichte beschäftigen, berichtet Ropertz. „Entscheidend ist aber letztlich, ob die Eigentümer durch den Einbau einer automatischen Türöffneranlage einen erheblichen Nachteil erleiden würden“, sagt der Geschäftsführer. Ein derartiger Nachteil sei bei einer Türöffneranlage nicht ersichtlich. Deshalb müsste aus seiner Sicht die Eigentümergemeinschaft der Türöffneranlage zustimmen.

Unterstützung bekommt Marion Knöring auch von Ralph Seifert. Der Benediktbeurer sitzt ebenfalls im Rollstuhl, ist Behindertenbeauftragter des Landkreises und zugleich Gemeinderat. Er kritisiert seit Jahren, dass barrierefreies und behindertengerechtes Bauen stiefmütterlich behandelt wird. „Die Situation von Frau Knöring ist derzeit ein Einzelfall, aber in 10, 15 Jahren wird uns dieses Thema erdrücken“, sagt Seifert mit Blick auf die alternde Gesellschaft: „Die Menschen möchten so lange wie möglich zu Hause bleiben.“ Das gehe aber nur, wenn es entsprechende Voraussetzungen gebe.

Dass im gesetzlichen Bereich noch so vieles unklar sei, bezeichnet auch Seifert als großes Problem. „Denn solange hier vieles im Argen liegt, trauen sich viele nicht ran.“ Hinzu komme, dass Begriffe wie „barrierefrei“ und „behindertengerecht“ noch immer negativ besetzt seien. „Man sieht noch nicht den Nutzen für alle Menschen.“

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Brauneck-Drama: Münchner rutscht aus und stürzt in den Tod
Am Brauneck kam es zu einem tödlichen Bergunfall. Ein Mann stürzte 100 Meter in die Tiefe und starb. Er war zusammen mit seiner Ehefrau wandern.
Brauneck-Drama: Münchner rutscht aus und stürzt in den Tod
Kommunalwahl 2020: CSU will stärkste Kraft in Heilbrunn bleiben
Der CSU-Ortsverband Bad Heilbrunn scheint gut gerüstet für die Kommunalwahl im März 2020.
Kommunalwahl 2020: CSU will stärkste Kraft in Heilbrunn bleiben
Wie oft sollen künftig Busse im Tölzer Land fahren?
Weitreichende Entscheidung in Sachen Busverkehr fällte der Kreis-Infrastrukturausschuss in seiner Sitzung in Bad Tölz.
Wie oft sollen künftig Busse im Tölzer Land fahren?
Grüne wollen im  Sachsenkamer Rathaus mitmischen
Die Grünen wollen‘s wissen: Sie treten in Sachsenkam mit einer eigenen Liste zur Gemeinderatswahl an.
Grüne wollen im  Sachsenkamer Rathaus mitmischen

Kommentare