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Im Kräuter-Erlebnisladen im Maierhof gibt es Teemischungen mit Kräutern des Benediktbeurer Rezeptars zu kaufen. Kräuterpädagogin Carina Bald zeigt.

Benediktbeurer Rezeptar 

Klostermedizin auf vergilbtem Pergament

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Benediktbeuern - An Feiertagen wird gerne gut gespeist – anschließende Verdauungsprobleme nicht ausgeschlossen. Was bei diesen und anderen Beschwerden hilft, steht zum Beispiel im Benediktbeurer Rezeptar. Es gehört zu den ältesten erhaltenen medizinischen Handschriften aus dem bayerischen Raum.

Das Benediktbeurer Rezeptar stammt aus der Mitte des 13. Jahrhunderts. Die erste Handschrift wurde von Benediktinermönchen im Kloster verfasst. Als das Kloster vor gut 200 Jahren säkularisiert wurde, beschlagnahmte der bayerische Vizekanzler Freiherr von Aretin die außergewöhnliche Handschrift und brachte sie nach München. Dort liegt das Original noch heute im Hauptstaatsarchiv. „Aus heutiger Sicht war das für uns ein Glücksfall. Wer weiß, was sonst mit der wertvollen Handschrift passiert wäre“, sagt Pater Karl Geißinger, Salesianer und Rektor des Zentrums für Umwelt und Kultur (ZUK) am Kloster Benediktbeuern. Im ZUK hat man ein Faksimile der Handschrift. Heuer fand dort eine große Ausstellung statt.

Die Originalhandschrift des Benediktbeurer Rezeptars wird im  Hauptstaatsarchiv in München aufbewahrt.

Für Klostermedizin-Forscher ist das Benediktbeurer Rezeptar „eines der bedeutendsten Zeugnisse in der Geschichte der Klostermedizin in den bayerischen Klöstern“, sagt Wissenschaftler und Übersetzer Dr. Johannes Mayer (siehe Interview). Laut Pater Geißinger umfasst die Handschrift 57 Rezepte. Es gibt mehrere Ausfertigungen, die man auch in einem Augustinerkloster in Nürnberg und sogar in Großbritannien entdeckte. Andere Ausfertigungen sind verschwunden.

Das Rezeptar wurde in Mittelhochdeutsch verfasst und von Mayer ins heutige Deutsch übersetzt. Die Heil-Beschreibungen sind vielfältig. Sie tragen Titel wie „für den Magen“, „für den Husten“ und „für die Lunge“, beschäftigen sich aber auch mit „reiner Haut“, haben Tipps gegen Mundgeruch, Schwerhörigkeit oder „gegen die Seuche“. Mit letzterer könnte Epilepsie gemeint sein. Bemerkenswert ist, dass sich auch ein Rezept mit krankem Vieh beschäftigt. Alle Rezepte kann man heute im Internet auf der Seite des ZUK nachlesen. Eine Zubereitung ist allerdings ohne Hintergrundwissen nicht möglich. Wer etwas „für den Magen“ sucht, soll „Haselwurz mit Wasser sieden“ und trinken. „In der Regel hat man früher einfach eine Handvoll genommen“, erklärt Mayer.

Das Rezeptar macht deutlich, wie groß im Mittelalter das Wissen um Heilpflanzen im Kloster Benediktbeuern war, und dass die Mönche bei der medizinischen Versorgung der Bevölkerung eine große Rolle spielten. „Der Arzneigarten befand sich damals wohl dort, wo heute die Anastasiakapelle steht“, sagt Pater Geißinger. In unmittelbarer Nähe liegt heute der Meditationsgarten. In den vier Beetkreisen findet der Besucher heute zwei Drittel aller Heilpflanzen, die auch im Rezeptar erwähnt werden. „Nur auf die ganz giftigen Pflanzen, wie etwa Tollkirsche, haben wir verzichtet.“

Gemäß den Benediktinerregeln hat die Pflege der Kranken einen hohen Stellenwert. „In Benediktbeuern wurde versucht, Arzneien selbst herzustellen und das Wissen mit anderen Klöstern zu teilen“, sagt Pater Geißinger. Die Benediktiner aus Tegernsee zum Beispiel schätzten das Wissen ihrer Benediktbeurer Brüder sehr und baten um Hilfe, weiß Geißinger aus historischen Quellen.

Der Pater kennt das Rezeptar recht gut. Das Originalbüchlein aus Pergamentpapier sei „so klein, dass man es in die Tasche stecken kann“. Das sei ganz im Sinne der Benutzer gewesen. „Der Apothekermönch trug es bei sich, als er im Arzneigarten stand und die Schüler unterwies.“ Das Rezeptar wurde mit schwarzer und roter Tinte geschrieben. Auffallend seien die schönen Großbuchstaben und die kleinen Bilder. Geißinger weiß auch, dass an einigen Stellen die Tinte immer wieder abgeschabt wurde, um Rezepte zu ergänzen. Das Büchlein hatten Apothekermönche mehrere Generationen in Besitz. Originell ist, dass so mancher spontan am Seitenrand etwas vermerkte – dazu zählt übrigens auch das Wort „stupidus!“ („dumm!“).

Auffallend ist laut Geißinger, dass die Mönche bei der Heilung die ganzheitliche Sicht auf den Menschen im Blick hatten. Das gelte bis heute. „Dazu gehört auch, dass man zur Ruhe kommt, sein Leben ordnet und Werte definiert“, sagt der Pater. „Das gehört zur Heilung genauso wie die Kräuter.“

Das Benediktbeurer Rezeptar kann man im Internet auf www.zuk-bb.de (Bereich „Kulturelles“) nachlesen. Besucher, die das Faksimile sehen möchten, können sich unter Telefon 08857/88777 oder E-Mail an info@zuk-bb.de informieren.

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