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Zwischen 20 und 88 Jahre alt waren die Teilnehmer an dem Workshop, zu dem die Naturfreunde Loisachtal ins Hotel Friedenseiche geladen hatten. 

Veranstaltung der Naturfreunde Loisachtal

Das lernten die Teilnehmer beim Argumentationstraining gegen Stammtischparolen in Benediktbeuern

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Platte, pauschale Aussagen in aufgeheizten politischen Diskussionen: Wie man darauf am besten reagiert, war kürzlich Thema bei einem Workshop in Benediktbeuern. Mittlerweile konnten die Teilnehmer schon einige der vermittelten Strategien anwenden und sagen: „Überraschend, wie gut das funktioniert.“

Benediktbeuern– Die Situation kennt mittlerweile fast jeder: In sozialen Medien, im Freundeskreis oder am Stammtisch bekommt man eine pauschale Aussage zu hören, etwa: „Flüchtlinge bekommen doch alle das neueste Smartphone geschenkt.“ Was tun? Um des lieben Friedens willen zustimmend nicken? Schweigen? Den anderen als Nazi beschimpfen? Oder zum Vortrag mit Gegenargumenten ausholen?

Rund 20 Teilnehmer nutzen kürzlich in Benediktbeuern die Gelegenheit zu einem „Argumentationstraining gegen Stammtischparolen“. Eingeladen hatte der Verein Naturfreunde Loisachtal. Zweiter Vorsitzender Johannes Schweiger, Organisator und selbst Teilnehmer, sagt, dass er die Erkenntnisse aus dem Workshop schon mehrmals hat anwenden können. „Und ich bin überrascht, wie gut es funktioniert.“

Im Kern gehe es um „Haltung“ und darum, über Offenheit, Interesse an der Meinung des anderen und Nachfragen im Gespräch zu bleiben, fasst Schweiger zusammen. „Oft sind die politischen Meinungen ja sehr kontrovers, und man geht entweder ohne Gespräch auseinander oder wird sehr emotional“, sagt der 37-Jährige.

Zu einem konstruktiveren Ergebnis könne man aber oft schon gelangen, indem man einmal nachbohrt. „Wie meinst Du das genau? Welches Ministerium bezahlt denn die Smartphones?“ So manche Behauptung falle dann schnell von selbst in sich zusammen. Nicht selten rudere der Gesprächspartner zurück. Es stelle sich heraus, dass hinter seiner Aussage nichts weiter steckte – auch nicht zwangsläufig eine bestimmte Gesinnung.

„Es ist besser, miteinander zu reden als übereinander“

Und am Stammtisch sei oft ein Redner der Meinung, er vertrete die Meinung aller Anwesenden. Frage man dann aber bei den einzelnen nach, stelle sich heraus, dass sie gar nicht zustimmen.

„Es ist besser, miteinander zu reden als übereinander“, erklärt Schweiger seine Motivation, das Seminar für die Naturfreunde an Land zu ziehen. „Nur so geht etwas vorwärts, und man kann der Spaltung entgegenwirken.“ Auch eine konträre Diskussion trage schließlich zu Begegnungen bei. „Und Reibung schafft Wärme“, formuliert es der Benediktbeurer.

Bisweilen stößt der Dialog aber an Grenzen. „Wir haben in unserer Diskussion festgestellt, dass dort eine rote Linie überschritten wird, wo gegen das verstoßen wird, was im Grundgesetz oder der bayerischen Verfassung steht.“ Dann könne es auch mal angemessen sein, eine Person anzuzeigen. Und manchmal kommt man auch anderweitig nicht zusammen und muss das Gespräch abbrechen.

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Im Benediktbeurer Seminar sei es übrigens nicht nur um Parolen aus dem rechtspopulistischen Lager gegangen, berichtet Schweiger. „Wir waren uns einig, dass auch auf der ,linken‘ Seite öfters platt und parolenartig argumentiert wird und wollten insgesamt von dem Rechts- Links-Schema wegkommen.“

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Referentin des Workshops war Julia Poweleit vom Netzwerk „Politische Bildung Bayern“. Weil das Argumentationstraining öffentlich gefördert wird, unter anderem vom bayerischen Sozialministerium und vom Bundesinnenministerium, ist es für die Teilnehmer kostenlos. Die Naturfreunde Loisachtal traten als Veranstalter auf, „weil es in unserem Wesenskern liegt, dass wir kein rein natursportlicher Verein sind, sondern uns auch an politischen Inhalten liegt“, erklärt Schweiger.

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Die Teilnehmer kamen ihm zufolge aus dem weiten Umkreis bis aus Holzkirchen und Oberammergau. „Ich schätze, die Jüngsten waren etwa 20, der älteste Teilnehmer war 88.“ Dieser Senior habe berichtet, dass ihm manche Parole von heute „aus einer dunklen Zeit der deutschen Geschichte“ bekannt vorkommen. „Nur dass heute Muslime die Zielscheibe sind und damals Juden.“

Wegen der großen Nachfrage steht laut Schweiger schon fest, dass es bald einen weiteren Termin in Benediktbeuern gibt. Der genaue Tag steht noch nicht fest, er soll aber noch im ersten Quartal 2019 liegen.

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