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Mit starkem Glauben gegen den NS-Terror

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Die Salesianer im Kloster Benediktbeuern gedenken in diesen Tagen besonders des Paters Theodor Hartz. Der ehemalige Direktor starb vor 75 Jahren im Konzentrationslager Dachau. Auch im Loisachtal wurde er von den Nazis verfolgt.

Benediktbeuern – Noch vor wenigen Monaten war der Name Theodor Hartz im Loisachtal weitestgehend unbekannt. Doch da seit Ende Juni eine Gedenktafel im Kloster Benediktbeuern hängt, wird Hartz’ Lebensgeschichte nun Zug um Zug präsenter.Am vergangenen Mittwoch jährte sich der. Todestag des ehemaligen Klosterdirektors zum 75. Mal. Der Pater starb im Konzentrationslager in Dachau.

Theodor Hartz wurde 1887 in der Nähe von Oldenburg geboren. Er stammte aus einfachen Verhältnissen und fand über die Spätberufenenschule zur Gemeinschaft der Salesianer Don Boscos. Wenige Tage nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde Hartz zum Priester geweiht. „Die Schatten europäischer Geschichte sollten für sein Leben bestimmend sein“, sagt Pater Johannes Wielgoß, der im Juni in Benediktbeuern über das Leben des Paters sprach.

Der Orden sandte den jungen Priester zuerst nach Wien, dann nach Essen. Dort, in Essen-Ensdorf, wurde Hartz Leiter der Ordensniederlassung. Unter ihm wuchs „die salesianische Jugendarbeit zu einem beachtlichen Werk“, hat Wielgoß recherchiert. Doch die anbrechende Zeit des Nationalsozialismus warf ihre Schatten voraus. „Die ersten Angriffe der Partei zielten auf die Behinderung und Zerstörung der Jugendarbeit“, sagt Wielgoß. Die Geheime Staatspolizei (Gestapo) richtete ihr Augenmerk auf Hartz, wollte ihm böswillig Sittlichkeits- und Devisenvergehen unterstellen, so Wielgoß. „Sie überwachten sein Telefon und die Post.“ Die Nazis sammelten Material, um gegen Hartz gerichtliche Schritte einzuleiten, weil er in seiner Heimat eine Kartoffelsammlung für das Essener Salesianer-Haus durchgeführt hatte, berichtet Wielgoß. „Für die Nazis war das eine Schädigung des NS-Winterhilfswerks.“

Doch der von den Nazis erhoffte „Erfolg“ blieb aus. 1938 kam Hartz nach Benediktbeuern und wurde Leiter des „salesianischen Studienhauses“, wie es damals hieß. Im Loisachtal erlebte er sehr schöne, aber auch sehr tragische Momente. „Ein Höhepunkt seiner kurzen Direktorenzeit war 1939 die Feier zur 1250-jährigen Klostergründung“, sagt Pater Reinhard Gesing. „Dazu gibt es auch noch ein Foto von einer Prozession.“ Gesing, seit wenigen Tagen neuer Provinzial, also oberster Salesianer in Deutschland, hat sich mit Hartz’ Lebensgeschichte auseinandergesetzt – sie ist für ihn auch deshalb berührend, weil es sich um einen seiner Vorgänger handelt.

1939 brach allerdings auch der Zweite Weltkrieg aus. „Viele der jungen Mitbrüder wurden von der Wehrmacht eingezogen“, sagt Gesing. Hartz sei das damals sehr nahe gegangen. „Das waren immer wieder Tiefschläge.“ Hartz, so sagt man ihm nach, habe eine sehr gewinnende Ausstrahlung gehabt. „Er hat sich bemüht, mit allen weiterhin in Kontakt zu bleiben.“ Letztlich seien es dann aber nur die älteren Mitbrüder gewesen, die im Kloster bleiben konnten. Sie mussten die Landwirtschaft aufrecht erhalten. Auch in Benediktbeuern wurde Hartz von der Gestapo beobachtet. Eines Tages, berichtet Gesing, tauchte ein anonymer Brief auf, in dem man ihm etwas anlasten wollte. „Es kam zu polizeilichen Untersuchungen im Kloster.“ Man könne heute leider nicht mehr herausfinden, ob der Brief fingiert war oder ob es tatsächlich jemanden gab, der Hartz übel mitspielte. „Darüber kann man nur spekulieren“, sagt Gesing. „Es war für ihn auf jeden Fall bedrohlich.“

Die Vorlesungen an der Ordenshochschule PTH (Philosophisch Theologische Hochschule; gegründet 1931) konnte man ab 1940 fast nicht mehr abhalten. Im gleichen Jahr kehrte Hartz nach Essen zurück und übernahm dort die Leitung der Einrichtung. Auch diese war starken Behinderungen durch die Gestapo ausgesetzt, Unterricht und Jugendarbeit waren kaum noch weiterzuführen. Im August 1941 wurde von den Nazis die Schließung des Hauses angeordnet, die Salesianer wurden zum Umzug aufgefordert.

„Hartz protestierte gegen diese Gestapo-Aktion“, sagt Wielgoß. Hartz bezeichnete sich weiterhin als Direktor und hielt durch Briefe Kontakt mit Menschen, die die Einrichtung mit Geldspenden unterstützten. Einer dieser persönlichen Briefe wurde im April 1942 von der Gestapo abgefangen.

„Ohne Anklage und ohne Prozess“, so Wielgoß, kam Hartz zuerst ins Landgerichtsgefängnis nach Trier, Ende Juni dann ins KZ nach Dachau. Die Anklage lautete unter anderem auf „Verbreitung von Rundschreiben mit staatsabträglichem und volksverdummendem Inhalt“ und dass Hartz „nicht gewillt sei, behördlichen Anweisungen zu folgen“.

„Diese Ausdrucksweise war von den Nazis die Umschreibung für die innere Einstellung Hartz‘“, sagt Wielgoß. „Sie besagte, dass er als Ordensmann die unrechtmäßige, selbsternannte staatliche Autorität nicht anerkannt hat.“

Der Transport mit dem Zug nach Dachau war menschenunwürdig, geht aus den Quellen hervor. Schon die Haft in Trier hatte dem Pater stark zugesetzt. „Die Einlieferungsfotos und der Stil seiner Briefe zeigen ihn als einen gebrochenen Mann, der gesundheitlich stark angeschlagen und der Unmenschlichkeit des Lagers nicht gewachsen war“, sagt Wielgoß. „Die hygienischen Zustände und die Zuteilung von Lebensmitteln waren im Sommer 1942 in Dachau katastrophal.“

Hartz starb dort am 23. August 1942. Erst eine Woche später informierte man seinen Bruder über den Tod. Der Pfarrer von Hartz’ Heimatdorf Lutten weigerte sich, die Asche des Häftlings auf dem örtlichen Friedhof beizusetzen. „Der Vorgang lässt vermuten, dass die KZ-Häftlinge eine totgeschwiegene, aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit verdrängte Gruppe der Verfolgten des NS-Regimes waren“, sagt Wielgoß dazu. „Erst durch Vermittlung einer Wohltäterin des Essener Hauses konnte die Urne auf dem Friedhof in Essen-Borbeck beigesetzt werden.“

Als andere Salesianer und Schüler vom Ableben ihres Direktors erfuhren, waren sie bestürzt. Wielgoß hat Briefe gesammelt, unter anderem von Salesianern, die von der Wehrmacht eingezogen worden waren. „Er war eine von Gesundheit strotzende Person, sein Ableben tut mir wirklich weh“, schrieb einer. Und ein anderer, der selbst schon Lager-Erfahrung sammeln musste, meinte: „Es gehören ein starker Glaube und ein großes Gottvertrauen dazu, um in all diesen schwierigen Lagen den Mut nicht zu verlieren.“

Die katholische Kirche zählt Theodor Hartz mittlerweile zu den Märtyrern des 20. Jahrhunderts. „Er hat sich starkgemacht für die Freiheit des Glaubens und der Kirche“, sagt Provinzial Reinhard Gesing. Im Kloster Benediktbeuern gibt es mittlerweile eine Broschüre über den Pater. Die Gedenktafel befindet sich neben der Pforte.

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