Die Ruinen des Sommerkellers befinden sich gegenüber der Benediktbeurer Schule. Sie werden gerne beim Spazierengehen besucht oder im Sommer für Vereinsfeste genutzt. Dreiviertel der Gebäudegrundfläche ist unterkellert. In den kühlen, ziegelgemauerten Gewölben wurden damals viele gefüllte Bierfässer aus der Klosterbrauerei zwischengelagert. Das Foto entstand 2020.
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Die Ruinen des Sommerkellers befinden sich gegenüber der Benediktbeurer Schule. Sie werden gerne beim Spazierengehen besucht oder im Sommer für Vereinsfeste genutzt. Dreiviertel der Gebäudegrundfläche ist unterkellert. In den kühlen, ziegelgemauerten Gewölben wurden damals viele gefüllte Bierfässer aus der Klosterbrauerei zwischengelagert. Das Foto entstand 2020.

Historisches

Neue Erkenntnisse über die Baugeschichte – Areal in Benediktbeuern war bis in 1950er-Jahre bewohnt

Benediktbeuern/Bichl – Der bekannte Sommerkeller in Benediktbeuern ist vermutlich jünger als gedacht. Diesen Schluss lässt das Studium von historischen Karten und Unterlagen zu.

Der Sommerkeller liegt gegenüber der Grund- und Mittelschule in Benediktbeuern. Bislang ging man davon aus, dass er zwischen 1710 und 1720 erbaut wurde. So ist es einer Info-Tafel der Gemeinde zu entnehmen, die das Areal seit 1995 besitzt. In dem künstlich angelegten Hochkeller wurden einst die Bierfässer der Brauerei im Kloster Benediktbeuern gelagert. Zudem gab es eine Gaststätte mit Wirtschaftsgebäude und Kegelbahn. Diese Ruinen sind bis heute zu sehen. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs nutzte man das Areal als Lager für Kriegsgefangene. Von 1914 bis 1918 wurden dort bis zu 200 Gefangene untergebracht. Sie mussten schwere Arbeit verrichten, unter anderem zur Kultivierung des Moores.

Das Areal grenzt unmittelbar an Bichler Flur. Bei meinen Recherchen zur neuen Bichler Ortschronik fiel mir auf, dass auf der amtlichen Flurkarte von 1811 keine Bebauung, sondern Parzellen ortsansässiger Landwirte ausgewiesen sind. Deshalb erschien mir eine frühe Bebauung um 1720 als unwahrscheinlich.

Ein weiteres Kapitel für den Sommerkeller

Von der Flurkarte gibt es zwei Versionen. Auf einer wird das Areal als Aschbichl, auf der anderen als Aschbühel bezeichnet. Das Wort „Asch“ steht für Eschen. Topografisch gesehen ist der Aschbühel eine langgezogene, flache Erhebung im freien Feld. Um letzte Zweifel auszuräumen, durchsuchte ich einschlägige Steuerkataster im Staatsarchiv München und wurde fündig.

Um die Historie des Sommerkellers näher zu erklären muss man sich die Vorgeschichte näher anschauen. Es gibt einen Bericht von dem Historiker Dr. Josef Hemmerle, der in seinem Buch „Die Benediktinerabtei Benediktbeuern“ schreibt: „In den Gewölben des Kellers der Brauerei befanden sich 10 Räume zur Bierlagerung. Da bei Überschwemmungen, wie im Jahr 1714 geschehen, der Bier- und Weinkeller durch Feuchtigkeit stark gelitten hatte, baute man zusätzliche Bierkeller in einen Berghang hinter Häusern.“ Auch der Lokalhistoriker Peter Sindlhauser liefert einen Beitrag in seinem Büchlein „Benediktbeuern, das alte Laingruben“: „Unter Abt Magnus ist der monumentale Klostermaierhof (1708 bis 1718) und das Bibliothekgebäude (1722 bis 1725) gebaut worden. Im gleichen Zeitraum ist auch noch der Sommerkeller gegraben und gebaut worden.“

Kloster-Käufer unterhielt Brauerei

Mit der Ortsangabe von Hemmerle („in einen Berghang hinter Häusern“) kann nur das Gebiet östlich von Häusern gemeint sein, da der Urheber des Textes im Kloster zu suchen ist, und das Kloster liegt ja westlich von Häusern. In etwa 300 Metern Entfernung oberhalb der Schwaige kann man in der Flurkarte von 1811 eine normabweichende, querliegende Parzelle mit Hausnummer 130 ausmachen, die sich durchaus eignen würde.

Um festzustellen, ob der Bierkeller tatsächlich dort gebaut wurde, müsste man eine Suchgrabung im bewaldeten Berghang durchführen. Vermutlich ließ sich Sindlhauser mit seiner Zeitangabe von Hemmerle leiten und verwandte die Bezeichnung „Sommerkeller“, die aber zu diesem Zeitpunkt noch nirgends auftaucht.

Für besondere Verdienste um die ländliche Entwicklung in Bayern erhielt Kilian Streidl (re.) 2017 die Staatsmedaille in Bronze. Das Foto entstand bei der Übergabe durch Peter Selz (li.), damals Leiter des Amts für Ländliche Entwicklung. 

Im Jahr 1803 kam mit der Säkularisation das Aus für den gesamten klerikalen Klosterbetrieb. Der bayerische Staat vereinnahmte sämtliche Besitzungen und verkaufte sie an weltliche Investoren. Unter ihnen befand sich auch Josef von Utzschneider, der einen Großteil der Immobilien und Mobilien aufkaufte, diese aber 1818 wieder an den Staat zurück verkaufte. Unter den sogenannten „Realitäten“ befand sich auch der Braubetrieb, den Utzschneider während seiner Zeit aufrechterhielt. In der Kaufurkunde vom 2. März 1818 sind alle Erwerbstitel aufgelistet, nur ein Sommerkeller beziehungsweise Bierkeller ist nicht darunter. Das lässt darauf schließen, dass es zu dem Zeitpunkt keinen gab. Der staatliche Gesamtkomplex nannte sich „Militärfohlenhofinspektion Benediktbeuern“ beziehungsweise Remontedepot und bekam die Hausnummern 126 und 126 ½ zugewiesen.

So entstand die bekannte Lindenallee

Nun zurück zur Flurkarte von 1811. Die für den Bau des Bierkellers erforderlichen Grundstücke mussten erst durch Tausch beziehungsweise Kauf von der Militärfohlenhofinspektion erworben werden. Sie stammten von den ortsansässigen Eigentümern mit Hausnummer 17 (Zwerger), 24 (Metzger Schwaighofer), 27 (Kalserlang) und 37 (Geiger). Aus den Katastern geht hervor, dass einige der Grundstücke am 21. April 1830 beziehungsweise am 8. August 1831 verbrieft wurden. Die erworbenen Grundstücke gingen in die neuen Flurnummern 2239 (gewerblich genutzt) und 2240 (landwirtschaftlich genutzt) ein.

Die vorliegenden Fakten berechtigen zur Annahme, dass mit dem Bau des Sommerkellers kaum vor dem Jahr 1830 begonnen wurde. Mit der Eröffnung des Gastwirtschaftsbetriebes im Sommerkeller bot sich für die Einwohner von Benediktbeuern und Bichl ein neuer geselliger Treffpunkt auf halbem Wege. Für den unbeschwerten Zugang der Bichler Besucher wurde sogar die Lindenallee gepflanzt.

Auf diesem Flurplan aus dem Jahr 1858 ist eine bebaute Fläche eingezeichnet, zudem ist vom „Sommerkeller“ die Rede. Er trägt die Hausnummer 126 ½.

Die Nutzung der Anlage als Gastwirtschaft und Bierlager endete vermutlich schon vor dem Ersten Weltkrieg, da während des Krieges bereits Kriegsgefangene interniert waren. Der Sommerkeller hatte keinen Stromanschluss. Der Nordteil des Gebäudes wurde noch bis Ende der 1950er-Jahre von einer alleinstehenden Frau Fischer mit ihrem Sohn Max bewohnt. Seit vielen Jahrzehnten ist das Gemäuer dem Verfall preisgegeben. (Von Kilian Streidl)

Der Autor

Kilian Streidl (73) ist Mitverfasser der Bichler Dorfchronik und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit verschiedenen lokalgeschichtlichen Themen. Im Jahr 2017 baute er ein Modell von Bichl um 1810 im Maßstab von 1:250 nach.

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