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Designerin und Model: Constanze Metzler schneidert beruflich und leidenschaftlich. Jörg Capka modelt für die Homepage des Retro-Projekts der beiden.

Nostalgie-Projekt

Bergsteigen im Gewand der 1930er: Benediktbeurer Paar entwirft Retro-Kleidung

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Ein Benediktbeurer Paar entwirft Retro-Bergsteiger-Kleidung und lässt das Zeitalter der ersten Alpinisten wieder aufleben. Über eine ausgefallene Idee, die „zurück zur Natur“ führen soll.

Benediktbeuern – So gut wie alles, was Constanze Metzler anhat, hat sie mit ihren eigenen Händen geschaffen. Die lässige, graue Stoffhose sowieso, den komplex gemusterten bunten Mantel natürlich auch. „Schneidern ist mein Leben“, sagt sie. „Ich kriege nicht genug davon.“ Neben Metzler steht ihr Mann Jörg Capka. Für den Fototermin mit der Zeitung hat er sich in die neueste Kreation seiner Frau geschmissen. Der 54-Jährige sieht aus wie aus einer ganz anderen Zeit – genau gesagt wie ein Bergsteiger der 1930er Jahre. Die braune Knickerbocker-Hose fällt über die dicken, grauen Strümpfe. Unter der beigefarbenen Jacke mit 18 Hirschhornknöpfen und dem breiten Revers lugt ein kariertes Hemd hervor.

Das Paar aus Benediktbeuern hat eine ausgefallene Idee umgesetzt: Mit Retro-Bergsteiger-Klamotten suchen die beiden eine Nische im Textilmarkt. Sie wollen das Zeitalter der ersten großen Alpinisten wieder aufleben lassen, die sich an die Eiger-Nordwand wagten oder andere gewaltige Gipfel erklommen. Auf ihrem Weg zu nachhaltigen Produkten lehnen die Benediktbeurer chemische Stoffe ab. Immer wieder betonen beide: „Wir wollen zurück zur Natur.“ Der Markenname „18nulleins“ orientiert sich an einem Gipfel vor ihrer eigenen Haustür. Die Benediktenwand liegt auf 1801 Metern Höhe.

Metzler und Capka leben zusammen mit zwei Töchtern und zwei Hunden. Gleich neben der Eingangstüre befindet sich die kreative Basis der gelernten Bekleidungstechnikerin Constanze Metzler. Der Raum wirkt klein, weil sich die Kisten mit bunten Stoffen und die vielen Aktenordner bis unter die Decke stapeln. Auf dem Tisch stehen drei Nähmaschinen. „Ich habe noch mehr davon“, sagt Metzler und nimmt eine Jacke von einem Kleiderbügel, in der ihr Mann für die Homepage-Fotos posiert hat. Sie ist aus einem Baumwoll-Leinengemisch und heißt „Paul“, weil sie – wie sämtliche Kleidungsstücke hier – nach einem bekannten Bergsteiger benannt ist: In diesem Fall ist es der Österreicher Paul Preuß, der als Vater des Freikletterns ohne technische Hilfsmittel galt und mehr als 1200 Gipfel bestieg. Er habe bereits Anfang des 20. Jahrhunderts ähnliche Jacken getragen, sagt Jörg Capka.

Überhaupt herauszufinden, wer wann welche Jacken und Hosen anhatte, ist gar nicht so einfach. In der Recherche nach den stilistischen Eigenheiten der Zeit um 1930 liegt die große Herausforderung des Retro-Projekts. Möglichst originalgetreu sollen die Produkte sein, die das Paar seit Anfang April per Internet-Shop verkauft. „Wir haben uns an die 30 Bücher kommen lassen, viele davon sind gar nicht mehr im Handel“, sagt Constanze Metzler. Stundenlang blätterte sie immer wieder, um auf kleinen Bildchen zu analysieren, wie viele Knöpfe es nun sind oder wie das Revers dekoriert ist.

Bis auf die Eiger-Nordwand hat es das Nostalgie-Outfit noch nicht geschafft. Aber mit der Knickerbocker war Jörg Capka immerhin schon am Blomberg. Sein Fazit: Testlauf gelungen. Ob er das auch für den dunkelgrünen Retro-Rucksack sagen kann? Ohne jegliche Polsterung ist er nicht gerade rückenschonend. Und in den rüstigen Jacken, die wie früher auch für den Alltag gedacht sind, schwitzt man wohl deutlich mehr als in moderner Funktionskleidung. Doch genau dazu wollen die Benediktbeurer einen Gegentrend setzen. „Die Berge sind teilweise zu überlaufenden Freizeitparks geworden“, sagt Metzler. Und wenn dann sogar die Liftfahrer die neuesten Windchill-Jacken tragen, kann sie nur den Kopf schütteln. Auch ihren Mann stört, dass heute viele für jeden kleinsten Anlass die vermeintlich perfekte Kleidung haben. Aber Capka betont: „Wir wollen niemanden belehren.“

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