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Weil sich der Fahrer eines Transporters auf einer Bundesstraße in Baden-Württemberg nicht überholen lassen wollte, geriet im vergangenen Jahr eine Familie aus Benediktbeuern in Lebensgefahr. Für den Lkw-Fahrer wird das keine Konsequenzen haben. 

Passiert in Baden-Württemberg

Verkehrsrowdy bringt Benediktbeurer Familie in  Lebensgefahr - und kommt ungeschoren davon

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Auf der Fahrt nach Freiburg geriet eine dreiköpfige Familie aus Benediktbeuern auf der B31 in eine lebensgefährliche Situation. Die Behörden haben den Fall zu den Akten gelegt.

Benediktbeuern/Konstanz– Den 13. September 2018 wird Familie Lautenbacher aus Benediktbeuern so schnell nicht vergessen: Auf einer Autofahrt nach Freiburg gerieten sie auf der Bundesstraße 31 bei einem Überholvorgang in eine lebensgefährliche Situation. Polizei und Staatsanwaltschaft Konstanz haben die Ermittlungen eingestellt, obwohl die Benediktbeurer zahlreiche Details benennen können. Die Lautenbachers finden das unfassbar. „Es stellt unseren Glauben an den Rechtsstaat in Frage“, sagen Benedikt und Claudia Lautenbacher.

An besagtem Tag im vergangenen September fuhr das Ehepaar mit seiner kleinen Tochter im Auto von Benediktbeuern nach Freiburg. Am Steuer saß Benedikt Lautenbacher. Im Bereich Konstanz wollte er auf der B 31, die immer wieder zweispurige Überholmöglichkeiten bietet, an einem Transporter mit Anhänger vorbeifahren. „Der Fahrer bemerkte uns, gab Gas und ließ uns nicht einscheren“, berichtet Claudia Lautenbacher. Ihr Mann gab noch einmal Gas, um vor dem Ende der Überholspur wieder auf die rechte Spur wechseln zu können. „Doch wieder erhöhte der Transporter das Tempo.“ Daraufhin wollten sich die Benediktbeurer zurückfallen lassen, um hinter dem Transporter einzuscheren. „Aber auch das schien dem Fahrer nicht zu passen. Er fuhr auch langsamer, so dass wir nicht einscheren konnten“, berichtet Claudia Lautenbacher. Ihr Mann gab daraufhin erneut Gas. „Wir waren schon fast komplett am Transporter vorbei und mein Mann wollte nach rechts wechseln, als der Transporter wieder schneller wurde. Ich konnte meinen Mann gerade noch durch einen Schrei warnen, sonst wären wir auf jeden Fall zusammengestoßen.“

„Wir hatten riesiges Glück“

Die Familie schaudert noch immer, wenn sie an die Situation zurückdenkt. „Wir befanden uns mittlerweile schon am Ende der Überholspur in der Sperrfläche mit der durchgezogenen Linie“, erinnert sich Benedikt Lautenbacher. „Wir hatten riesiges Glück, dass die entgegenkommenden Fahrzeuge geistesgegenwärtig am Fahrbahnrand fuhren.“ Dann sei es endlich gelungen, hinter dem Transporter einzuscheren.

In den Sekunden zuvor hatte Benedikt Lautenbacher mehrfach gehupt, um den Transporterfahrer auf die Lage aufmerksam zu machen. „Es hätte nicht viel gefehlt, und es wäre ein wahnsinniger Unfall passiert“, sagt er. Sowohl er als auch der Transporter seien phasenweise 130 Stundenkilometer schnell gewesen. „Ich bin 18 Jahre lang ehrenamtlich Rettungsdienst gefahren und habe selbst gesehen, wie so etwas enden kann“, sagt Claudia Lautenbacher.

Unmittelbar danach riefen die Lautenbachers mit dem Handy die Polizei Konstanz an. Sie gaben die Kennzeichen von Transporter und Anhänger durch und beschrieben die Fahrzeuge, die zu einer Tankanlagen-Firma in Baden-Württemberg gehören. Am folgenden Tag erstattete die Familie Anzeige bei der Polizei in Freiburg, „so wie es uns der Beamte am Telefon gesagt hatte“, erinnert sich Claudia Lautenbacher.

Besuch von der Polizei Kochel

Die Angelegenheit wurde als „Straßenverkehrsgefährdung“ aufgenommen. „Somit galten wir als Geschädigte in einer Strafsache“, sagt Claudia Lautenbacher. Einige Wochen später im Herbst bekamen sie in Benediktbeuern Besuch von der Polizei Kochel. Der Grund: Die Familie wurde gebeten, den Fahrer des Transporters zu identifizieren. „Denn der Chef weigert sich, den Namen des Fahrers zu nennen.“

Doch anhand von Fotos aus dem Online-Auftritt der Firma den Fahrer des Transporters zu erkennen, war nicht leicht. „Diese waren wie bei fast allen Firmen wohl nicht unbedingt aktuell“, sagt Claudia Lautenbacher. „Da wir beide in dem Moment unter extremem Stress standen, waren wir uns bei den Fotos nicht zu hundert Prozent sicher, wer es war.“

Zwei Männer kommen für die Lautenbachers in Frage. Das gaben sie – unabhängig voneinander – bei der Polizei Kochel zu Protokoll. „Wir gingen davon aus, dass bei einer richterlichen Vernehmung der Firmenchef nicht einfach die Aussage verweigern kann“, sagt Claudia Lautenbacher.

„Da verliert man den Glauben an den Rechtsstaat“

Umso entsetzter seien sie jedoch gewesen, als sie im Winter von der Staatsanwaltschaft Konstanz die Nachricht bekamen, das Verfahren sei eingestellt worden. Der Anwalt der Firma habe mitgeteilt, dass sich niemand an einen solchen Vorfall erinnern könne. Die Lautenbachers sind fassungslos: „Das kann doch nicht sein“, sagt Benedikt Lautenbacher. Es sei unvorstellbar, dass Polizei und Staatsanwaltschaft den Fahrer nicht ermitteln könnten und zur Verantwortung ziehen. „Da verliert man doch den Glauben an unseren Rechtsstaat“, sagt die Familie.

Vom Tölzer Kurier befragt, gibt sich die Polizei in Baden-Württemberg zugeknöpft. Eine Beamtin bestätigt den Vorfall am 13. September und den Eingang der Anzeige am 14. September. Anschließend habe man den Fall an die zuständige Dienststelle in Mühlhausen-Ehingen übersandt. „Dort ging der Vorgang am 28. September ein und wurde nach Abschluss der Ermittlungen am 12. November der Staatsanwaltschaft Konstanz vorgelegt.“ Die Aufgabe der Polizei sei es, „den Sachverhalt mit allen rechtlich zur Verfügung stehenden Mitteln aufzuklären“. Mehr Informationen dazu gibt es aber nicht: „Wir sind nicht berechtigt, Auskünfte zu erteilen.“

Staatsanwalt: „Sehr unglücklich gelaufen“

Das sei alles „sehr unglücklich gelaufen“, sagt Andreas Mathy, Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Konstanz, auf Anfrage des Tölzer Kurier. Die Gefühle der Familie Lautenbacher könne er verstehen. Bedauerlicherweise hätte das Ehepaar bei der Lichtbildvorlage nicht eindeutig jemanden identifizieren können.

Juristisch sei es so, dass ein Beschuldigter die Aussage verweigern könne. „Es gibt keine Auskunftsverpflichtung“, sagt Mathy. Bevor die Akten bei der Staatsanwaltschaft eingingen, war bereits die Polizei an die Tankanlagen-Firma herangetreten. Von dort habe deren Rechtsanwalt „sehr schnell gemauert“, berichtet Mathy. Man habe nicht zu Durchsuchungsmaßnahmen gegriffen, weil „da realistisch nichts zu finden war“, selbst bei der Verpflichtung für ein Fahrtenbuch.

Was geschah mit dem Fahrtenbuch?

Apropos Fahrtenbuch: Seit zehn Jahren verfügen gewerbliche Neufahrzeuge, die mehr als 3,5 Tonnen wiegen, über ein digitales Kontrollgerät, in das der betreffende Fahrer vor Beginn einer Tour seine eigene Karte schieben muss. Während der Fahrt werden alle Daten – etwa Geschwindigkeit und Pausen – darauf gespeichert, erklärt Peter Staab, Hauptkommissar bei der Verkehrspolizei in Weilheim. Der Firmeninhaber müsse die Karte in regelmäßigen Abständen auslesen. Diese Daten werden ein Jahr lang aufbewahrt. „Diese Vorschrift gilt in ganz Europa“, sagt Staab.

In der Firma kann sich niemand erinnern - angeblich

Die Firma selbst weist die Anschuldigungen von sich. „Die Befragung von Mitarbeitern hat ergeben, dass sich niemand an einen derartigen Vorfall erinnern kann“, teilt deren Anwalt auf die Anfrage des Tölzer Kurier mit. Von dem „angeblichen Vorfall“ habe man erst durch die Anfrage der Polizei am 21. September erfahren. Für den Anwalt ist denkbar, „dass die Anzeige erstattet wurde, um von eigenem Fehlverhalten abzulenken“.

Die Lautenbachers sind noch immer fassungslos, warum es nicht gelingt, den Fahrer des Transporters zu identifizieren. „Die Sache ging nur mit Glück für uns gut aus. Wir hätten auch alle tot sein können“, sagt Claudia Lautenbacher.

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