Lernen vom Profi: Johannes Schindlbeck (li.) beim Theaterworkshop im Maierhof des Klosters Benediktbeuern. Foto: sn

Im Allianzsaal

Theaterworkshop in Benediktbeuern: Schimpfen mit Zahlen und Gemüse

Bei einem Theaterworkshop für Laienschauspieler in Benediktbeuern erklärt Johannes Schindlbeck, wie man sich für die Bühne wappnet.

Benediktbeuern „Okay! Und jetzt spielt ihr die Szene auf Knien.“ Kurze Verwunderung bei den Angesprochenen, doch dann setzen die beiden Teilnehmer des Workshops für Laienschauspieler die Anweisung des Kursleiters Johannes Schindlbeck um.

24 Augenpaare verfolgen gespannt, was sich tut. Eine junge Frau, ein junger Mann, Kontaktaufnahme, Abwehr. Sie scheinen jeweils am anderen interessiert, bemühen sich aber, das zu verbergen. Auf Knien rutschen sie aufeinander zu, dann drehen sie wieder ab. Schindlbeck hatte jedem der beiden einen Zettel mit einer Handlungsabweisung zugesteckt. Diese muss nun spielerisch umgesetzt werden, ohne Worte allerdings. Die zwölf anderen Kursteilnehmer im Stuhlkreis müssen herausfinden, was gemeint ist.

Kaum zu glauben, welche Spannung aus dieser Übung erwächst. Es ist mucksmäuschenstill; alle sind hochkonzentriert bei der Sache. „So, und jetzt im Liegen“, geht Schindlbeck noch einen Schritt weiter. Ohne zu zögern schmeißt sich der junge Mann bäuchlings auf den Boden. Seine Spielpartnerin hadert kurz mit dieser Anweisung, doch dann fügt auch sie sich. Den Oberkörper auf die Unterarme gestützt, nimmt sie vorsichtig Blickkontakt zum Partner auf. Der liegt komplett flach, dreht den Kopf in ihre Richtung. Und wendet sich wieder ab. „Was war jetzt intensiver: Im Stehen, im Knien oder im Liegen?“, fragt der Kursleiter. Alle sind sich einig: Im Liegen wirkten die Interaktionen am stärksten. „Finde ich auch. Aber warum?“, hakt Schindlbeck nach. Auf diese Weise hat er seinen Workshop-Teilnehmern eine goldene Theaterregel nachdrücklich demonstrieren können: Auf der Bühne ist weniger oft mehr, bringt die Reduktion die größere Intensität.

Und was stand nun auf den Zetteln? „Fühl’ dich schuldig“, schlägt eine Teilnehmerin vor. Widerspruch von den anderen: „Ziere dich“, lautet der nächste Vorschlag. „Flirte“ ein anderer. „Okay“, meint Schindlbeck. „Wie sähe es aus, wenn ihr ‚flirten’ spielen solltet?“ Alle sehen: Das schaut eindeutig anders aus. Nun kommt die Auflösung: Auf ihrem Zettel stand: „Sei sauer auf ihn“. Das überrascht alle. „Also, noch mal: Sei sauer auf ihn“, fordert Schindlbeck. „Beschimpft euch doch mal mit Zahlen.“ Lustige Idee – mit verblüffendem Effekt. Mit „Du Eins!“ geht es harmlos an. Drei rasche Schritte auf den „Gegner“ zu, Arme herausfordernd vor der Brust verschränkt: „Fünf!“ Wütendes Schnauben auf der Gegenseite: „Sieben!“ Bei „93!“ schreien sie sich an, in Kampfposition direkt voreinander aufgebaut.

„Und jetzt mit Gemüse“, ruft Schindlbeck. Das ist noch viel witziger. Ein verächtliches „Du Gurke!“ fordert ein wütendes „Zucchini!“ heraus. Eine Weile werfen sich die Kombattanten das Grünzeugs an dem Kopf. Dann gehen ihm die Gemüsesorten aus – und sie überschüttet ihn mit einem ganzen Einkaufskorb voller Marktgemüse. Alle lachen.

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Diese Sequenz von wenigen Minuten kann Schindlbecks Arbeitsweise anschaulich vor Augen führen. Der Schauspieler und Theaterpädagoge, der seit fast 20 Jahren beim Münchner Orff-Zentrum tätig ist, hat viel Erfahrung mit Laienschauspielern. „Ich mache mir vorher ein ganz detailliertes Konzept. Wenn ich die Teilnehmer dann im Kurs erlebe, muss ich spontan regieren, was geht, was geht nicht.“

Zum Workshop, den die Fachberatung Heimatpflege des Bezirks Oberbayern am Samstag im Kloster Benediktbeuern veranstaltet hat, sind 14 Teilnehmer aus der ganzen Region gekommen. Das Altersspektrum reicht von um die Zwanzig bis um die Siebzig. Eine sehr heterogene Gruppe, die laut Schindlbeck aber „ganz schnell zusammen gewachsen ist“. Und, das ist für die Theaterarbeit wichtig, weder Scheu vor körperlichem Kontakt noch vor ungewöhnlichen Anweisungen hat. „,Leg dich auf den Boden‘ kann ich aber nicht zu jedem sagen“, erklärt Schindlbeck. „Mir ist das zwar völlig egal, ob der jetzt vielleicht nicht so ganz sauber ist, aber meinen Kursteilnehmern nicht unbedingt.“

„Man muss das Rad nicht neu erfinden“

Als roter Faden zieht sich sein Credo durch die Kursarbeit „Erst genau beobachten, dann erst interpretieren!“ Es ist erstaunlich, was das bringt. Und als Lebensmotto generell taugt es zudem auch. (sn)

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