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Mit einer Wasserpistole streckte Countertenor Andreas Pehl (re.) das Seeungeheuer nieder. Auch die anderen Musiker (v. li.) Robert Schröter, Johannes Heim und Gesine Petersmann hatten ihren Spaß dabei. 

Silvesterspaß mit dem Ensemble Raccanto im Kloster Benediktbeuern

Wenn das Seeungeheuer lebendig wird

Was tun, wenn das Seeungeheuer aus Händels Oper „Giustino“ plötzlich lebendig wird?  Beim Silvesterkonzert im Allianzsaal des Klosters Benediktbeuern blieb am Montag kein Auge trocken.

Benediktbeuern„Der gleiche Ablauf wie im vergangenen Jahr, Miss Sophie?“ Diese Frage stellt nicht nur der Butler in „Dinner for one“ alle Jahre wieder, sondern diese Frage stellen sich auch zahlreiche Musikfreunde der Region. Und seit 17 Jahren steht die Antwort fest: Vor dem Rutsch geht’s zum Silvesterkonzert mit dem Ensemble Raccanto im Kloster Benediktbeuern.

Doch wer heuer zum vertrauten Barocksaal wollte, ging in die Irre. „Ensemble Raccanto goes West“ hieß die Devise – und das war wörtlich zu nehmen. Man steuerte neue Welten an und kam dabei zwar nicht bis nach Amerika, aber immerhin bis in den Allianzsaal des Maierhofs.

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Musikalisch führte die Reise allerdings tatsächlich über den Großen Teich und bot, wie von diesem Ensemble gewohnt, allerlei Entdeckungen. Auf die Fersen von Musikern, die im 17. und 18. Jahrhundert zwischen der Alten und der Neuen Welt wirkten, hatten sich der Lenggrieser Andreas Pehl und Robert Schröter, die Gründer des Ensembles, geheftet. Als musikalische Gäste hatten sie Johannes Heim (Barockvioline) und Gesine Petersmann (Barockcello) eingeladen.

Im Mittelpunkt des wie immer ebenso informativen wie unterhaltsamen Textteils stand die Vita Benjamin Franklins. Geboren 1706 in Boston, gestorben 1790 in Philadelphia, war er als Drucker, Verleger, Schriftsteller, Naturwissenschaftler, Erfinder und Staatsmann gleichermaßen aktiv. Den Auftakt des Abends machte wie immer eine besondere Performance: Herein kommen die Musiker mit Wassergläsern in den Händen und beginnen eine sphärische Glasmusik durch geschicktes Reiben am Rand der unterschiedlich befüllten Gläser. „Das ist doch ‚Spiel mir das Lied vom Tod’“, raunt der Nachbar seiner Gattin zu. Darauf lässt das Cello eines der markanten Motive aus Dvoráks „Sinfonie aus der Neuen Welt“ erklingen, das Tutti spielt die Erkennungsmelodie der legendären Winnetou-Verfilmungen, dann die Titelmusik zu „Bonanza“. Da wird das Cello in wildem Galopp beklopft, und der Sänger bearbeitet ein Waschbrett. Schon sind wir mitten in Bernsteins „West Side Story“ und dann im Musical „Cabaret“: Mit ungewohnt rauchigem Ton singt Pehl „New York, New York“, bis Schröter unterbricht: „Countertenor, Andreas! Nicht Countrytenor!“

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Solch einen fulminanten Auftakt muss man erst mal hinlegen können. Und fulminant geht’s über zweieinhalb Stunden weiter. Den „Abschied aus der Alten Welt“ bringt Johann Adolph Hasses „Oh Dio, partir conviene“. Und zufällig ist hier natürlich gar nichts: Die Glasmusik eingangs verwies darauf, dass Franklin die Glasharmonika erfunden hat.

Dass eine Seereise über den Atlantik auch erhebliche Gefahren birgt, davon legte die „Große Szene des Seeungeheuers“ aus Händels Oper „Giustino“ Zeugnis ab. Das Untier in Gestalt eines grünen Plastikkrokodils bedrohte das Publikum – und wurde vom Sänger mit einer Wasserpistole niedergestreckt.

Johann Christoph Friedrich Bachs Kantate „Die Amerikanerin“ bot das Bild, das sich ein Mitteleuropäer im Jahre 1776 von den „Wilden“ in Amerika machte: Da wird das anschmiegsame Naturkind als ersehnte Geliebte besungen. Brückenschlag zur Gegenwart: In Zeiten von „Me too“, merkt Schröter an, würden Frauen zwar nicht mehr als Wilde, von vielen Männern aber immer noch als Freiwild betrachtet...

Mit Werken von Rayner Taylor und Alexander Reinagle wurde Neuland erschlossen, unter anderem mit einer nie zuvor gehörten Sonate für Hammerklavier und Geige. Nach tosendem Applaus gab es als Zugabe einen angeblich auf Benjamin Franklin zurückgehenden Spaß mit drei verschieden gestimmten Geigen und Kontrabass. Der Neujahrsvorsatz für 2019: Nächstes Jahr unbedingt wieder in dieses Konzert gehen.  (Sabine Näher)

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