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„Ein Abschuss bringt nichts“, sagt Biber-Führer Stephan Kött. Die Reviere werden sofort nachbesetzt.

Landwirtschaft contra Naturschutz

Biber: Des einen Leid, des anderen Freud’

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Seit der Biber im Loisach-Kochelsee-Moor wieder heimisch geworden ist, sorgt das Tier für reichlich Diskussionen. Einerseits bereitet er den Landwirten nach wie vor erhebliche Probleme. So muss man speziell in Kochel die Lage am Bahngleis ständig beobachten. Andererseits ist das Interesse von Bürgern, an einer Biber-Führung vom Bund Naturschutz teilzunehmen, groß.

Bichl/Kochel am See/Benediktbeuern– „Es ist ein ewiger Kampf gegen Windmühlen. Man fühlt sich wie Don Quijote“, sagt Rudi Kramer aus Bichl. Der Metzger und Landwirt bewirtschaftet Flächen im Moos. Im Sommer musste er jede Woche Dämme, die der Biber gebaut hatte, entfernen. Insgesamt ein Kubikmeter Material sei zusammengekommen, berichtet Kramer. Einen Teil hat er gebührenpflichtig entsorgt und dafür nach eigenen Angaben über 200 Euro ausgegeben, ein anderer Teil wird derzeit an Ort und Stelle gelagert. „Aber der Haufen wird immer größer“, sagt Kramer.

Die Untere Naturschutzbehörde im Tölzer Landratsamt geht davon aus, dass im Loisach-Kochelsee-Moor nahezu alle Gewässer vom Biber besetzt sind, gezählt wurden 26 Reviere. In Bichl war der Biber unlängst wieder Thema im Gemeinderat. Zurzeit nagt das Tier im Bereich Dorfbach (Allee Richtung Loisach) und am Pfundweiher. An diesem Weiher, der in Privatbesitz ist, hat der Biber unter anderem schon Eichen angefressen, erklärt Bürgermeister Benedikt Pössenbacher bei einem Rundgang mit unserer Zeitung.

Am Dorfbach tragen einige angenagte Birken zwar schon Drahthosen, andere Bäume – rund vierzig Jahre alt – mussten aber schon gefällt werden. Im weiteren Verlauf des Spazierwegs an der Loisach sieht man angeknabberte Eichen und Weiden.

Im Zuflussbereich zur Loisach wurden vom Biber schon mehrfach Rohre zugebaut, dann wurden die Felder überflutet. „Wir mussten eine Fachfirma kommen lassen, um den Damm zu entsorgen. Denn von Hand geht das nicht mehr“, berichtet Pössenbacher. Was das kostet? „Da kommen schnell mehrere tausend Euro zusammen.“

Ähnliches berichtet auch Josef Mair, Landwirt und Vorstand der Bichler Jagdgenossen. Sich die Kosten über den Ausgleichsfonds erstatten zu lassen, sei sehr bürokratisch. „Und dann heißt es: Der Fonds ist ausgeschöpft“, beklagt Mair. Die Dämme zu beseitigen, sei schwere Arbeit. Die Landwirte fühlten sich mit dem Aufwand und den ganzen Folgen ziemlich alleine gelassen: „Wenn sich das Wasser ein paar Tage aufgestaut hat, schwappt es das ganze Zeug aus dem Moos auf die Wiesen.“

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Auch in den Nachbargemeinden schaut man mit Sorge auf die Aktivitäten. In Benediktbeuern hat das Tier laut Bürgrmeister Hans Kiefersauer der Kläranlage Probleme bereitet, weil das Tier am Kernbach Dämme baute. Zudem war schon der Parkplatz am Kloster überflutet.

In Kochel steht der Bereich am Schleußbach unter ständiger Beobachtung. Hier verläuft die Bahnlinie. „Leider baut der Biber seine Dämme so, dass er dabei nicht nur das Gewässer aufstaut, sondern aufgrund der Gegebenheiten vor Ort auch der komplette Bahnkörper im Wasser steht“, berichtet Bürgermeister Thomas Holz. Auch der westlich der Bahn verlaufende Weg, bei Wanderern und Radfahrern sehr beliebt, werde unter Wasser gesetzt. „Das stellt uns speziell im Winter vor große Schwierigkeiten: Bei anhaltenden Minustemperaturen bilden sich hier große Eisplatten, die die die Sicherheit der Spaziergänger und Radfahrer gefährden.“

Am Schleußbach durften laut Landratsamt Bad Tölz 2018 vier Biber getötet werden, und zwar wegen Gefährdung des Bahnverkehrs. Ein weiteres Tier wurde am Zulauf zu einer Fischteichanlage abgeschossen, ein anderer Biber an einem Weiher in Eurasburg, weil hier die Dammsicherung in Gefahr war.

Interessant ist ein Blick in den Landkreis Garmisch-Partenkirchen: Hier wurden laut Landratsamt-Pressesprecher Stephan Scharf bis Ende November 2018 32 Biber getötet, davon 23 allein im Bereich Staffelsee. Weitere Tiere wurden nahe Eschenlohe und Uffing erlegt.

„Es geht ja überhaupt nicht darum, dass man den Biber bei uns wieder ausrotten will“, sagt Landwirt Rudi Kramer. Er vergleicht die Situation gerne mit der des Schalenwilds: „Dieses darf ja auch bejagt werden, damit sich die Schäden in Grenzen halten.“ Der Biber sei ein faszinierendes Tier, „er ist kraftvoll und intelligent“. Für Kramer ist wichtig, dass „jeder ein bisserl ruckt“: „Es muss dafür gesorgt werden, dass es ein Miteinander gibt – und das alle gut zusammen leben können.“

Im Prinzip sind Landwirte und Umweltschützer vor Ort in dieser Ansicht gar nicht so weit voneinander entfernt. „Wir müssen alle verstehen und versuchen, miteinander auszukommen“, sagt Friedl Krönauer, Kreisvorsitzender des Bund Naturschutz. „Alle Interessen müssen berücksichtigt werden.“

Der Bund Naturschutz bietet regelmäßig Biber-Führungen Bereich Bichl und Benediktbeuern an. „Das Interesse ist seit Jahren vorhanden und reißt nicht ab“, berichtet Stephan Kött, Biberführer und -berater. Meistens seien es 10, 15 Leute: „Familien mit Kindern, Jugendliche, Senioren. Aber auch Schulklassen melden sich an.“

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Kött zufolge ist der Biber ein sehr intelligentes Tier, lerne schnell und könne komplexe Aufgaben erledigen, etwa den Bau von Dämmen. „Je mehr und je öfter ein Damm abgerissen wird, desto mehr versucht der Biber, ihn höher und fester wieder aufzubauen, weil er davon ausgeht, seine bisherigen Versuche waren nicht gut genug.“ Biber sind eigentlich Vegetarier und fressen nur Gras und Schilf. „Bäume sind im Winter nur Notnahrung und im Sommer zum Schleifen der Zähne notwendig.“ Ein Biber sei sehr gebietstreu und verteidige sein Revier. „Wenn dieses voll ist, werden sogar die eigenen Jungtiere tot gebissen“, sagt Kött. Er geht davon aus, dass sich der Biber in Bichl nicht weiter vermehren wird, weil alle Reviere besetzt sind. Ein Abschuss, sagt Kött, führe lediglich dazu, dass andere Tiere nachziehen würden.

Kött zufolge ist Bayern das einzige Bundesland, in dem man bei der Bewirtschaftung nicht einen fünf Meter breiten Abstandsstreifen an Gewässern freihalten müsse. „Für die Biber ist so ein Streifen aber wichtig.“

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