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Diesen riesigen Biberdamm hat die Familie von Monika Gaisreiter schon „Niagara-Fälle“ getauft. Hinten links sieht man die große Biberburg. Schätzungsweise 25 Biber haben sich in diesem Bereich ausgebreitet.

Loisach-Kochelsee-Gebiet

Biber-Plage im Moos: Landwirte verzweifelt

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Die Landwirte im Loisach-Kochelsee-Moos haben ein massives Problem mit Bibern. Weil Wiesen unter Wasser stehen, erkranken Kälber. Ein junger Ochse musste notgeschlachtet werden. Die Bauern fordern den Abschuss einiger Tiere. Das Tölzer Landratsamt lehnt das ab und schlägt andere Lösungen vor.

Bichl– Monika Gaisreiter aus Bichl ist eine gestandene Frau. Doch wenn sie über ihre Flächen im Loisach-Kochelsee-Moos nahe der Bundesstraße  472 geht, fehlen ihr zunehmend die Worte. Die Fläche, auf der eigentlich ihre Kälber weiden, wird immer kleiner. Denn im Kernbach, der sich dort entlang schlängelt, leben Biber – mindestens 25 Stück, schätzt die Landwirtin. Geht man bachaufwärts, kommt man zu einem Damm, der so riesig ist, dass ihn Gaisreiters Kinder schon „Niagara-Fälle“ getauft haben. Die umgebende Fläche wirkt wie ein Weiher. Am dahinterliegenden „Ufer“ türmt sich eine hohe Biberburg.

Die Nagetiere, die noch vor sechs Jahren im Landkreis nicht heimisch waren, haben sich derart vermehrt, dass sie an vielen Orten zur Plage werden. Gaisreiter kommt zweimal am Tag auf ihre etwa acht Hektar große Fläche, um Bach und Weide zu kontrollieren. Sie läuft jeden Tag rund fünf Kilometer, um zu schauen, wie sich die Situation entwickelt. Der Biber baut nicht nur Dämme, so dass in der Folge das Wasser die Wiesen flutet. Der Biber gräbt entlang des Bachs auch unterirdische Gänge („Bibertunnel“), die einbrechen können. Sie sind eine große Gefahr für die Rinder. Ein junger Ochse brach derart schlimm ein, dass er notgeschlachtet werden musste.

Durch die vielen Pfützen auf den Wiesen erkranken auch die Kälber. Sie ziehen sich Parasiten zu, vor allem Leberegel. Jeder Landwirt, der Flächen im Moos hat, kann ein Lied davon singen. „Wir müssen deshalb die Rinder jedes Jahr vom Tierarzt behandeln lassen, die Kosten tragen wir selbst“, sagt Landwirt Georg Schöffmann. „Und es gibt natürlich Tiere, die die Impfung nicht vertragen.“ Diese Rinder magern ab, können kaum noch gut verkauft werden und sind für die Bauern natürlich ein finanzieller Verlust. „Mich hat mal ein Metzger angerufen und gesagt: ,Die ganze Leber ist voll von Parasiten‘“, berichtet Gaisreiter. Für den notgeschlachteten Ochsen erhielt sie damals nur 60 Prozent des Werts als Entschädigung. Die Vernässung der Flächen vermindere zudem deren Wert, und noch dazu gebe es dort jetzt extrem viele Mücken.

„Wo bleibt der Tierschutz für unsere Rinder?“

Um die Gefahr zu bannen, dass Rinder und landwirtschaftliche Maschinen in die vielen Bibertunnel einbrechen, hat Gaisreiter entlang des Bachs einen Zaun gesetzt – doch diesen muss sie immer weiter versetzen, weil die Biber unterirdisch immer mehr Fläche für sich beanspruchen. Zudem breiten sich auf den feuchten Wiesen die Binsen aus, ein starres, borstiges Gras, das die Tiere nicht fressen.

Gaisreiter kontrolliert täglich, ob im Unterlauf des Kernbachs neue Dämme entstanden sind. Denn die Biber bauen schnell. Sie nagen große Sträucher und Bäume um und ziehen das Geäst zum Bach. Oft sieht Gaisreiter morgens die Schleifspuren im Gras. „Während der Mensch ab 1. März keine Bäume mehr fällen darf, ist das beim Biber anscheinend egal“, sagt die Landwirtin verärgert. Selbst Eichen hätte der Biber schon zu Fall gebracht. Meistens muss Gaisreiters Familie einmal in der Woche mit dem Schlepper anrücken, um das Geäst aus dem Bach zu ziehen – und weit entfernt entsorgen, „denn sonst ziehen es die Tiere ja wieder ins Wasser“. All das, sagt Gaisreiter, koste Kraft, Zeit und Geld. Und es sei sinnlos. „Denn der Biber baut immer wieder.“

Auch Landwirt Josef Mair kann ein Lied davon singen. Seine Streuwiesen grenzen an Gaisreiters Flächen. Mair sagt, er könne schon gar nicht mehr richtig mähen. „Wenn eine EU-Kontrolle kommt, bin ich der Depp, weil es dann heißt, dass ich meine Flächen nicht mehr bewirtschafte“, sagt er in Bezug auf die Förderrichtlinien. „Mit dem Biber-Problem werden wir Landwirte einfach alleine gelassen.“

Zur finanziellen Entschädigung der Bauern existiert in Bayern ein Biber-Ausgleichsfonds. Für die Landwirte ist das aber nicht die grundlegende Lösung des Problems. Der Fonds, sagt Mair, sei zu bürokratisch. Und auch Gaisreiter hat schlechte Erfahrungen damit gemacht: Große Räumarbeiten Ende März werden ihr finanziell nicht erstattet.

Gaisreiter meldete sich schon unlängst in der Bichler Bürgerversammlung vehement zu Wort und forderte, dass die Behörden dafür sorgen müssen, dass es „ein verträgliches Nebeneinander“ gibt. „Warum muss bei uns immer alles erst eskalieren?“, fragte sie den anwesenden Landrat Josef Niedermaier. Und: „Wo bleibt der Tierschutz für unsere Rinder?“ Der Biber könne sich nur deshalb so stark vermehren, weil er keine natürlichen Feinde habe. „Daran hat man überhaupt nicht gedacht, als sich die Tiere vor fünf, sechs Jahren hier wieder angesiedelt haben. Und den Schaden haben nun wir Landwirte.“ Sie fordert, einen Teil der Tiere zu „entnehmen“ – sprich, zum Abschuss freizugeben. Im Nachbarlandkreis Weilheim habe man das in einigen Dörfern schon veranlasst. Einen Abschuss würde selbst der Biber-Beauftragte aus Kochel empfehlen, sagt Gaisreiter. Dieser war urlaubsbedingt für eine Stellungnahme für unsere Zeitung nicht zu erreichen.

Im Tölzer Landratsamt lehnt man den Abschuss der Biber jedoch ab. Vor wenigen Tagen hat Gaisreiter einen Brief vom Landrat erhalten. Josef Niedermaier äußert darin zwar Verständnis für die Schwierigkeiten, weist aber zugleich daraufhin, dass der Biber unter strengem Naturschutz stehe. Erst, wenn es keine „zumutbaren Alternativen“ und „erhebliche wirtschaftliche Schäden“ gebe, sei eine Ausnahme, sprich Abschuss, möglich.

Das Amt schlägt in dem Brief verschiedene Alternativen vor. So soll „in den nächsten Tagen“ ein Biberberater kommen, den Damm absenken und mit einer Drainage verrohren, damit das aufgestaute Wasser in einen anderen Bach weiter rechts abfließen kann. „Diese Drainage wird in Zukunft regelmäßig kontrolliert.“ Die Kosten trage das Landratsamt. Außerdem werde man alle weiteren Dämme entfernen und prüfen, in welchem Bereich man die Dämme dauerhaft zur Entfernung freigeben könne. Das Amt schlägt zudem vor, dass Gaisreiter einen Uferrandstreifen von etwa fünf bis zehn Metern brach liegen lässt und die Landwirtin dafür einen Ausgleich bekommt.

Gaisreiter möchte das jedoch nicht. „Ich will die Flächen, die ich gepachtet habe, auch bewirtschaften. Und ich will einen gesunden Viehbestand, der bei mir auf dem Hof alt wird.“ Das Problem mit den Binsen werde auch durch Zäune nicht gelöst. „Die machen da nicht Halt.“ Sie bezweifelt auch, dass die Lösung über den zweiten Bach grundsätzlich hilft. „Es sind einfach viel zu viele Biber, und die werden sich ja auch weiter vermehren.“

Landratsamt will Biber-Kartierung Mitte Juni vorlegen

Es gibt noch eine ganz andere Sorge der Landwirte: nämlich, dass nachts Zäune umfallen, sei es durch gefällte Gehölze oder durch die Bibertunnel. So könnten die Rinder auf die B472 ausbrechen. „Wer übernimmt denn die Verantwortung, wenn Jungrinder und trächtige Kalbinnen auf die Straße gelangen und einen Unfall, womöglich mit Todesfall, verursachen?“, fragt Gaisreiter und betont: „Ich lehne jede Haftung ab.“

Das Landratsamt in Bad Tölz will einen Abschuss der Biber erst dann erneut prüfen, wenn die vorgeschlagenen Maßnahmen nichts nützen. Die Behörde geht ohnehin davon aus, dass auch nach einem Abschuss das Revier „innerhalb kurzer Zeit über die Loisach wieder nachbesetzt wird“. Derzeit, so Niedermaier, werde eine Karte erstellt, wo man dauerhaft Biberdämme entfernen könne. Die Karte soll Mitte Juni vorgestellt werden.

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