Junge Frau mit einem Ochsen
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„Die Pfunds“, schreibt die 17-jährige Ruth 1940, „habe ihrer Lebtag keine andere Arbeit verrichtet. Drum merken sie nicht, dass jemandem diese Arbeit zu schwer werden kann.“ Das Bild zeigt sie beim Einspannen des Ochsen. 

Buchveröffentlichung

Briefe aus einer Jugend in der NS-Zeit: Die kleine Welt in Bichl

Die 17-jährige Berlinerin Ruth hat 1940 einen Sommer im Arbeitsdienst im Dorf Bichl verbracht. Nun sind ihre Briefe an die Eltern als Buch herausgegeben worden.

Bichl – Wie hat das alles nur geschehen können? Dass ein ganzes Volk in den Nationalsozialismus abdriftet, einen Weltkrieg entfacht und ein System etabliert, das für Konzentrationslager und Genozid verantwortlich ist? Wer in dem Buch „Briefe aus der Jugend in der NS-Zeit“ blättert, wird auf solche Fragen keine befriedigenden Antworten finden. Es ist die frappierende, mitunter erschreckende Naivität und Unbeschwertheit einer jungen Frau im Dritten Reich, die aus den Zeilen sprechen. Zumal Ruth Bulwin als eben verheiratete 18-Jährige jahrelang für die Gestapo in Prag als Sekretärin tätig ist. Vom Schrecken dieser Zeit ist nichts zu spüren. Alltag und persönliche Nöte stehen stets im Vordergrund. Vielleicht ist aber auch dies eine Antwort auf die Eingangsfragen.

„Ein sakrischer Bua“ versucht zu fensterln

Matthias Blazek, Historiker und Journalist, hat vor Kurzem die Briefe von Ruth Bulwin aus Berlin (1922 - 2009) an ihre Eltern herausgegeben und mit Erläuterungen versehen. Sie befassen sich mit drei Lebensabschnitten der gebürtigen Kasslerin. Einer davon spielt im Sommer 1940 in Bichl. Als 17-Jährige musste Ruth Bulwin, geborene Kolb, ihr Pflichtjahr in der Land- und Hauswirtschaft auf dem Hof der Pfunds im Loisachtal-Dorf absolvieren. Es ist harte Arbeit, über die Ruth „Mutti und Vati“ immer wieder Bericht erstattet. Das Haus muss geputzt werden, das Mädchenmuss kochen und lernt dabei die Bayerische Küche schätzen. Sie ist bei der Stall- und Hofarbeit eingebunden. Die Mutter soll ihr deshalb dringend so etwas wie Nivea schicken, schreibt sie. „Ich brauche hier viel zum Einreiben für die Hände, damit ich sie nach dem Arbeiten einigermaßen wieder herstellen kann“.

Aber es gefällt der Berlinerin in Bichl, vielleicht auch, weil sich schon in den ersten Nächten „a sakrischer Bua“ erlaubt, bei ihr zu fensterln. Später stellt sich heraus, dass der „sakrische Bua“ ein verheirateter Mann mit zwei Kindern ist. Es bleibt nicht der einzige Annäherungsversuch der Dorf-Mannsbilder an die adrette „Gastarbeiterin“, die sie aber alle abwehrt, weil sie ihren späteren Mann schon kennt.

Die Bauernarbeit ist ihr aber manchmal zu viel. „Die Pfunds“, so schreibt sie an die Eltern, „haben ihrer Lebtag keine andere Arbeit verrichtet, drum merken sie nicht, dass jemandem diese Arbeit zu schwer werden kann“. Von den Schrecken des Krieges ist in den Briefen indes wenig bis gar nichts zu lesen. Es ist die kleine Welt, um die die Gedanken der jungen Frau kreisen.

Unbeschwert, mitunter naiv: die Briefe Ruth Bulwins.

Gibt es umgekehrt Erinnerungen der Pfunds an ihre Helferin? Franz Pfund, der spätere Bürgermeister, war damals zweieinhalb Jahre alt. Er kann sich nur vage an „die Ruth“ entsinnen.

Anekdoten vom Franzosen Ludwig

Hinzukommt, dass bei den Pfunds viele Helfer, Evakuierte, Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen in der Kriegszeit am Hof lebten. Die gehörten „alle zur Familie“, erzählt Franz Pfund. Für die Integration sorgte schon Oma Pfund, die sich für alle zuständig fühlte. Noch heute erzählt man sich bei den Pfunds viele Anekdoten aus dieser Zeit. Etwa vom Franzosen Ludwig, der mit seinen Kameraden im Steinbachtal Schnecken sammelte und sie mit Eiern herausbriet. Die Ukrainerin Leni weigerte sich stets beharrlich, Spinat zu verzehren, denn Gras esse sie nun mal nicht. Ludwig war es auch, der den Hof schützte, als andere Kriegsgefangene ihn plündern wollten. Über Ruth Bulwin weiß man bei den Pfunds noch, dass sie in den 1950er-Jahren einmal mit ihrer Tochter Brigitte Stark zu Besuch kam. Bichl muss ihr gefallen haben.

Das Buch

„Briefe aus der Jugend in der NS-Zeit“ von Matthias Blazek hat 138 Seiten. Es ist beim Ibidem-Verlag erschienen und kostet 18,80 Euro. Von Christoph Schnitzer

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