+
Viele Monate wurde lebhaft diskutiert, ob der Dorfplatz frei bleiben soll oder nicht. Es wurde sogar überlegt, einen Weiher dort zu errichten. Heute ist man froh darüber, dass der Platz nicht bebaut wurde. Bei Großveranstaltungen wie hier beim Loisachgaufest 2011 bietet sich in der Dorfmitte ein einzigartiger Festplatz.

Rückschau auf den Prozess

Dorferneuerung in Bichl: „Ein Glücksfall für unsere Gemeinde“

  • schließen

Keine andere Gemeinde im Loisachtal hat in den vergangenen Jahren ihr Aussehen so verändert wie Bichl - das ist dem Prozess der Dorferneuerung zu verdanken. 

Bichl Es kommt selten vor, dass vier Interviewpartner, unabhängig voneinander befragt, ein- und dieselbe Antwort geben: Auf die Frage, wie sie denn rückblickend die Dorferneuerung in Bichl beurteilen, antworten sie alle: „Ein Glücksfall für unsere Gemeinde“ – das sagen Bürgermeister Benedikt Pössenbacher, sein Amtsvorgänger Sepp Schmid, Zweiter Bürgermeister Markus Geißler und Kilian Streidl sen., der sich jahrelang ehrenamtlich bei verschiedenen Projekten stark engagiert hat, etwa bei der Erstellung der umfangreichen Dorfchronik.

Im Jahr 2000 fing alles an: Die Teilnehmer der Projektschule beim Seminar in Thierhaupten.

Los ging es im Jahr 2000, damals noch unter Altbürgermeister Franz Pfund. „Ausschlaggebend war der Bau der Ortsumfahrung“, erinnert sich Markus Geißler. Durch das Programm der staatlich geförderten Dorferneuerung habe sich die Möglichkeit ergeben, vieles in der Gemeinde neu zu gestalten. Eine Projektgruppe, geleitet von Geißler, Siegi Hocker und Martin Zeller, nahm die Arbeit auf. Martin Zeller moderierte den Prozess. Daran erinnern sich heute noch alle lobend. „Ein Moderator, der ausgleichen kann, ist in so einem Prozess sehr wichtig, sagt Geißler.

Lesen Sie auch: Festwoche 2018 schweißt das Dorf zusammen

14 Bürger – die Hälfte davon Gemeinderäte – machten sich damals an die Arbeit. Anfangs ging man davon aus, dass das „Projekt Dorferneuerung“ nach sechs Jahren beendet sein wird. Heute sind es 19 Jahre – und noch immer ist das Verfahren nicht offiziell abgeschlossen.

Die Bichler konnten viel mehr verwirklichen, als am Anfang auf der Agenda stand: Verändert wurde nicht nur die Ortsdurchfahrt, auch der Dorfplatz bekam ein neues Gesicht. Das Freibad wurde zum Naturbad, man öffnete den Dorfbach, schrieb eine umfangreiche Dorfchronik, beschilderte Bauernhäuser mit den alten Hofnamen, baute einen Stadl für Vereine und gestaltete den markanten Hochbichl am Ortseingang zu einem Aussichtsplatzerl um, um nur einige Projekte zu nennen. Und nicht zuletzt konnte man mit diesen Mitteln das neue, renovierte Rathaus finanzieren. Gesamtkosten: 2,2 Millionen Euro, teilt das Amt für Ländliche Entwicklung mit. Die Hälfte davon musste die Gemeinde selbst tragen. Der staatliche Anteil wiederum wird von Seiten der EU unterstützt.

Auch das Naturfreibad konnte mit finanzieller Hilfe aus der Dorferneuerung errichtet werden.

„Bei allen Maßnahmen ist eine spürbare Wertschöpfung und Verbesserung für unser Dorf festzustellen“, sagt Kilian Streidl. Er erinnert sich noch daran, wie an vielen Abenden viele Bürger beisammen saßen, um über Ortsgestaltung, Verkehrslenkung, bauliche Entwicklung, Handwerk, Geschäfte, Fremdenverkehr und Gastronomie lebhaft zu diskutieren.

Lesen Sie auch: Endspurt auf der Großbaustelle auf der B472

Viele Themen werden auch heute noch kontrovers betrachtet. Nach wie vor hadert Bichl mit dem Verkehr. „Wir wollten den Schwerlastverkehr aus dem Dorf bringen, und das ist uns gelungen“, sagt Markus Geißler. Kilian Streidl hingegen hätte sich mehr erwartet und kritisiert zum Beispiel die verschmälerte Straßenbreite, weil der Begegnungsverkehr immer wieder stoppen muss. „Fließender Straßenverkehr produziert meines Erachtens weniger Lärm, verursacht weniger Staus und dadurch auch weniger Emissionen.“

Heiß diskutiert wurde damals auch der „Grüne Hut“, ein verfallender Gasthof in der Ortsmitte – dort, wo heute der Maibaum steht. Bürgermeister Sepp Schmid und andere Bichler waren nach dem Abriss für einen Neubau, in dem unter anderem Rathaus, ein Café und ein Tante-Emma--Laden Platz finden sollten. Doch durchsetzen konnte sie sich damit nicht. „Das war schade. Rückblickend hätte das viel Ärger um den Supermarkt verhindert“, sagt Schmid heute.

Während die beiden Altbürgermeister Pfund und Schmid den Prozess auf den Weg brachten und viele Diskussionen ausfochten, ist der heutige Rathauschef Benedikt Pössenbacher derjenige, „der das alles umsetzen darf“, sagt Pössenbacher über seine Rolle.

Das Dorf, sagt er, sei gerade durch diesen Diskussionen zusammengewachsen. „Auch wenn das alles anfangs nicht leicht war“, kann er sich erinnern. Aber es sei genau dieser Prozess des „Zusammenhockens und über Probleme diskutieren“ gewesen, der dann den Weg dafür ebnete, zu sehen, welche Gestaltungsmöglichkeiten man für das Dorf habe, und wie viel davon die Gemeinschaft profitieren könne.

Häufig wird bemängelt, dass das Verfahren sehr bürokratisch sei. Das sagen auch die damals Involvierten, wenn auch mit unterschiedlicher Sichtweise. „Wenn die Gemeinde Zuschüsse bekommt, fülle ich gerne ein paar Zettel mehr aus“, sagt Pössenbacher.

Bichl wird mittlerweile auch von Gemeinden besucht, die den Prozess der Dorferneuerung anstreben. „Das Projekt macht generell Schule. Wir hatten Gäste bis aus Israel“, sagt Pössenbacher. Meistens seien es aber Besucher, häufig Gemeinderatsgruppen, aus der Region.

Was würden die Bichler anderen Kommunen, die gerade in oder noch vor diesem Prozess sind, raten? Wichtig sei, dass die Bürger-Vertreter und der Gemeinderat „eng und harmonisch, ohne interne Machtkämpfe, zusammenarbeiten und den Fokus auf wichtige und finanzierbare Projekte legen“, sagt Sepp Schmid. Kilian Streidl findet es sinnvoll, wenn sich unter den Bürger-Vertretern in der Projektgruppe Personen befinden, „die sich in verwaltungs- und bautechnischen Bereichen auskennen“. Zwar solle der Gemeinderat die Vorschläge der Projektgruppe ernst nehmen, diese sollten „aber nicht das Maß aller Dinge sein“. So sieht das auch Markus Geißler. Beide empfehlen, dem Profi-Planer, den die Gemeinde dann hinzuziehen wird, noch Raum zu lassen, damit auch dieser seine Erfahrungen und Kreativität einbringen könne.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Tölz live: Herbstmarkt in Bad Tölz
Kleiner Blechschaden da, großer Stau dort, eine Gewitterfront zieht an, ein tolles Konzert startet in Kürze. Hier gibt‘s unseren Newsblog direkt aus der Redaktion.
Tölz live: Herbstmarkt in Bad Tölz
Walchenseer gehen auf die Straße: Demo am See gegen Massenansturm aus München
Der Walchensee bei Kochel ist ein beliebtes Ausflugsziel. Verkehrschaos und Müll sorgen für Ärger bei den Anwohnern. Nun wird demonstriert.
Walchenseer gehen auf die Straße: Demo am See gegen Massenansturm aus München
Faszination des menschlichen Körpers: Tölzer Aktmalgruppe stellt aus
Nackerte, wohin man schaut. Aber daran ist nichts Anrüchiges, wenn man sich bei der Jahresschau der Tölzer Aktmalgruppe befindet. Bereits zum 19. Mal luden die Künstler …
Faszination des menschlichen Körpers: Tölzer Aktmalgruppe stellt aus
Vier Frauen entzünden Lagerfeuer - mitten im Landschaftsschutzgebiet
Feuer machen ist im Landschaftsschutzgebiet verboten. Das wissen seit Sonntag hoffentlich auch vier Frauen, die dabei an der Isar in Bad Tölz erwischt wurden.
Vier Frauen entzünden Lagerfeuer - mitten im Landschaftsschutzgebiet

Kommentare