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Großes Medieninteresse: Der Bichler Kommandant Hermann Spanner gibt ein Interview. 

Rettungskräfte

Nach tödlichem Unfall: Rituale helfen, das Erlebte zu verdauen

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Die Unfallstelle zwischen Untersteinbach und Bichl Nord glich einem Trümmerfeld. Zwei Menschen verloren dort am Sonntagabend ihr Leben. Selbst für erfahrene Rettungskräfte war dieser Einsatz eine extreme Stress-Situation, die sie nun erst einmal verarbeiten müssen.

Bichl - Die Bilder der Toten und Schwerverletzten haben sich unauslöschlich in das Gedächtnis seiner Männer eingebrannt, da ist sich der Kommandant der Bichler Feuerwehr sicher. „Es war ein Glück, dass vor allem erfahrene Einsatzkräfte vor Ort waren“, sagt Hermann Spanner. „Sie können die Reaktionen ihres Körpers auf das Gesehene einschätzen.“ Doch selbst für sie ist das, was am Sonntagabend auf der B 472 zwischen Untersteinbach und Bichl Nord geschehen ist, nur schwer zu verdauen.

Dort war nach Angaben der Polizei eine Frau aus dem Münsinger Ortsteil Ambach mit ihrem Porsche in Richtung Bichl unterwegs, als sie kurz nach dem Steinbach zum Überholen ausscherte. In der unübersichtlichen Rechtskurve bemerkte die 48-Jährige offenbar zu spät, dass ihr drei Autos entgegenkamen. Der Sportwagen streifte die beiden ersten Fahrzeuge und fuhr frontal in den dritten Wagen. Dabei wurden ein Holzkirchner (65) und seine Tochter (22) sowie ein Tölzer (53) schwer verletzt. Die Porsche-Fahrerin und ihr Beifahrer, ein 21-jähriger Mann aus Weilheim, starben. Der Porsche war wohl mehr als doppelt so schnell unterwegs als die erlaubten 70 Stundenkilometer.

In diesem Wrack starben am Sonntagabend zwei Menschen.

Schreckliche Bilder also, die in den nächsten Tagen bei den rund 60 betroffenen Einsatzkräften der Wehren Bichl, Untersteinbach und Bad Heilbrunn sowie von BRK und Polizei immer wieder hochkommen werden. „Das ist normal“, betont Spanner. Auch der Lärm aus den Funkgeräten, das Blaulicht, der Geruch nach Öl und Blut – all’ diese Sinneseindrücke müssen verarbeitet werden.

Kritisch wird es laut Spanner aber, wenn die Betroffenen zum Beispiel in hektische Betriebsamkeit verfallen, um nur ja nicht zur Ruhe zu kommen. Denn genau dann kommen die Erinnerungen in der Regel wieder hoch. „Hektischer Aktionismus ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass man professionelle Hilfe braucht.“

Deshalb hat Spanner gestern Abend alle Einsatzkräfte eingeladen, sich zu Aufräumarbeiten zu treffen. Wer reden wolle, könne das tun. „Außerdem ist niemand allein.“ Das Angebot einer professionellen Beratung hat bislang seines Wissens nach niemand in Anspruch genommen, auch Spanner selbst nicht. Als Berufsfeuerwehrmann hat er sich im Laufe der Zeit einige Rituale angewöhnt, die ihm helfen, mit den traumatischen Ereignissen fertig zu werden. „Ich ziehe im Feuerwehrhaus zum Beispiel ganz bewusst die Einsatzkleidung aus“, verrät der 35-Jährige. Danach eine Dusche, eine heiße Tasse Tee und noch eine halbe Stunde auf der Couch, in der Spanner das Erlebte noch einmal Revue passieren lässt. „Erst dann gehe ich ins Bett.“ Im aktuellen Fall war das gegen 3 Uhr morgens. Schlafen konnte er gut. „Irgendwann ist die Müdigkeit zu groß.“

Zu diesem Zeitpunkt war die Straßenmeisterei noch mit vier Mann am Unfallort. Auch gestern Vormittag waren die Mitarbeiter noch einmal da, um die Autoteile aufzuräumen, die auf einer Länge von 200 Metern im Straßengraben lagen. Außerdem musste zum Teil das Erdreich am Straßenrand abgetragen werden, weil es durch das ausgelaufene Öl kontaminiert war. „Der Regen hätte das Öl sonst ins Grundwasser spülen können“, erklärt Josef Strobl.

Neben all’ den schrecklichen Ereignissen gibt es am Rande zumindest eine kleine, schöne Geschichte zu erzählen: Hündin „Carry“, die im Auto des Holzkirchners und dessen Tochter saß, hat den Unfall unbeschadet überstanden. Kreisbrandinspektor Alfred Schmeide aus Lenggries hat sie vorübergehend in Obhut genommen. „Sie ist ein bisschen durch den Wind, aber es geht ihr gut.“ Das gilt hoffentlich auch bald für ihre Herrchen: Sie sollen zumindest nicht in Lebensgefahr schweben.

Schwerer Verkehrsunfall auf der B472 - zwei Menschen sterben

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