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Fachmann: „Unsere Planungsabteilung ist voll bis 2035“

Keine Schranke an gefährlichem Bahnübergang: Gemeinderat in Bichl fassungslos über Deutsche Bahn

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Erhofft hatte man sich Lösungsmöglichkeiten, geblieben ist am Ende nur Frustration: Für die Gemeinde Bichl ist eine Schranke am gefährlichen Übergang „Am Bühel“ so gut wie aussichtslos. 

Bichl – Der Bichler Gemeinderat hatte am Dienstagabend einen Fachmann der Deutschen Bahn eingeladen, um über die Situation am Bühel zu sprechen. Über eine Stunde lang wurde intensiv diskutiert, doch dann ging man enttäuscht auseinander. Bei vielen Räten herrschte Fassungslosigkeit.

Wie berichtet, ist der Übergang nahe der Bichler Kirche seit Ende Oktober 2019 gesperrt. Vorausgegangen war ein Unfall, und in der Folge mussten die Züge aus Sicherheitsgründen vor dem Passieren des Übergangs einen Signalpfiff abgeben. Das wiederum raubte den Anwohnern den Schlaf.

Probleme begannen 2016

Eine ähnliche Situation gab es bereits 2016. Die Bahn hatte eine Verkehrszählung durchgeführt und festgestellt, dass 125 Fahrzeuge pro Tag den unbeschrankten Übergang passieren. Deshalb mussten die Lokführer einen Signalton absetzen. Die Lösung war damals, die Anzahl der Fahrzeuge zu reduzieren, damit das Pfeifen nicht mehr erforderlich ist. Deshalb durften nur noch landwirtschaftliche Fahrzeuge den Übergang passieren. Vertreter der Bahn glaubten damals nicht, dass das lange gut gehen würde. Doch es funktionierte. Bei den (unangekündigten) Verkehrszählungen wurde die Höchstanzahl der Fahrzeuge nicht überschritten. Seit dem Unfall im vergangenen Sommer (wir berichteten) pocht die Bahn jedoch wieder auf mehr Sicherheit.

Die Sicherheit ist auch für die Gemeinde von großer Wichtigkeit. Sie will jedoch auch den Übergang erhalten. Landwirte können hier zu ihren Flächen ins Moos gelangen. Würde man den Übergang wieder für alle Verkehrsteilnehmer öffnen, sei er eine Erleichterung für Anwohner, Friedhofsbesucher, Gewerbetreibende, Radfahrer und Fußgänger argumentiert die Gemeinde. Sie möchte dort eine Schranke errichten und ist auch bereit, sich an den hohen Kosten zu beteiligen.

Bahn: Zu viele Übergänge in Bichl

Doch daraus wird vermutlich nichts. Die Gemeinderäte rangen am Dienstagabend immer wieder um Fassung, als ihnen Dietmar Schieder von der DB Netz AG die Sicht- und Verfahrensweise der Bahn erläuterte. Auf Bichler Flur gibt es derzeit drei Übergänge: Am Falak, an der B 11 und am Bühel. Alle liegen rund 300 Meter auseinander. Für die Bahn sei das „eine unverhältnismäßig hohe Dichte“, so Schieder. „Woanders sind es 1,5 bis 3 Kilometer.“

„Das ist historisch gewachsen“, sagte Bürgermeister Benedikt Pössenbacher und erklärte Schieder sowohl die zurückliegende als auch die geplante Ortsentwicklung. Bichl könne nicht in jede Richtung wachsen. „Bitte vergleichen Sie uns nicht mit Gemeinden in Norddeutschland“, bat Michael Knestel den Bahn-Experten.

Seit 2016 war der Übergang nur noch für Land- und Forstwirte frei. Auch Fußgänger und Radfahrer konnten ihn passieren.

Als der Übergang am Bühel nur noch für Land- und Forstwirte frei war, wurden dort 95 Fahrzeuge durchschnittlich verzeichnet. Für die Bahn war das noch immer viel. „Der Rückgang war nicht so maßgebend wie erwartet“, sagte Schieder. Die Bahn will den Übergang aufgeben und nicht mehr öffnen. Dafür soll der Übergang an der B 11 verbessert werden. Die Bahn will die Einfahrt an der Klosterallee Richtung Benediktbeuern ein Stück nach Westen verlegen. Bislang dürfen hier Landwirte aus Bichl kommend nicht nach links abbiegen, weil sie sonst – in Warteposition wegen des Verkehrs – mit dem Anhänger auf den Schienen stehen. Die Bahn lockt damit, die Kosten hierfür komplett zu tragen, inklusive Fußgängerüberweg.

Jahrelanger Weg durch die Behörden bei Neubau

Die Gemeinde befürchtet jedoch das Entstehen eines neuen Unfallschwerpunkts. „Warum ist das denn so schwierig mit der Schranke am Bühel?“, wollte Knestel, selbst Landwirt, wissen. „Da baut man Stuttgart 21, und hier diskutieren wir über einen kleinen Bahnübergang.“ In China, konnte er sich nicht verkneifen, „bauen sie ganze Krankenhäuser innerhalb von wenigen Tagen“.

Seit Ende Oktober 2019 ist der unbeschrankte Bahnübergang am Bühel geschlossen. Die Gemeinde möchte eine Schranke und ist auch bereit zu investieren. 

Als Schieder das Vorgehen für eine Schranke erklärte, rangen die Räte einmal mehr um Fassung. Schieder sprach über das Eisenbahnbundesgesetz, sämtliche involvierte Behörden, Fristen für die Ausschreibung und ausführende Firmen. Am Bühel brauche man eine Voll-, keine Halbschrankenanlage. In Deutschland gebe es dafür nur drei zertifizierte Anbieter, und in der Warteschlange befänden sich derzeit 180 Anlagen, „die priorisiert werden“. Zudem müsste man nachweisen, dass alles andere (Ersatzbauwerke) nicht realisierbar sei. Als Schieder sagte, „bis 2035 ist unsere Planungsabteilung voll“, ging ein Raunen durch den Sitzungssaal. „Jetzt rufe ich in China an“, scherzte Pössenbacher, und Knestel meinte: „Die schaffen das an einem halben Tag.“ Das Lachen blieb aber allen im Hals stecken: „Wie traurig“, sagte Kilian Streidl. „Das ist doch nicht normal. Oder ist das Taktik bei Ihnen?“, fragte er verbittert. Es sei das Bestreben der Bahn, „die Anzahl der Kreuzungen zu reduzieren“, sagte Schieder offen.

Unterführung ist sogar noch teurer als eine Schranke

Eine Vollschranke würde derzeit 1,5 Millionen Euro kosten. Ein Drittel davon müsste die Gemeinde zahlen – und wäre im Prinzip auch zu dieser Investition bereit. Denn eine Schranke wäre immer noch billiger als eine Unterführung. Die Standardvariante (einspurig) würde 2,3 Millionen Euro kosten. Geschätzte Planungs- und Bauzeit: fünf bis sieben Jahre. „Bedenken Sie, dass der Untergrund im Moos schwierig ist“, sagte Schieder.

Deshalb wünschen sich die Anwohner den Erhalt

Bleibt noch die Möglichkeit, den Übergang nur für Fußgänger und Radfahrer zu erhalten. Hier gelten seit 2017 neue Vorschriften bezüglich Zugang und Sichtpunkt auf den herannahenden Zug. Die Kosten betragen rund 120 000 Euro, die Planungs- und Bauzeit zwei bis drei Jahre. „Wahnsinn“, sagte Michael Eberl.

Wäre es denn möglich, den Übergang immer mal wieder temporär zu öffnen, wollte Knestel wissen. „Nein, hier kann man kein Hin und Her machen“, sagte Schieder.

Wie geht es  jetzt weiter?

Nach der langen Diskussion machten die Räte aus ihrer Enttäuschung keinen Hehl. Es wurde bedauert, dass die Bahn bei der20 Millionen Euro teuren Streckensanierung 2017/18 den Übergang am Bühel nicht berücksichtigt hatte. Modernisiert wurde nur die Schranke am Falak.

„Das kann man alles keinem erklären“, brachte es Bürgermeister Pössenbacher schlussendlich auf den Punkt. Wie es jetzt weitergeht, ist offen. Die Räte fassten keinen Beschluss, sondern wollen die Informationen erstmal sacken lassen.

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