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Im Maßstab von 1:250 baute Kilian Streidl innerhalb von sechs Monaten die Bichler Ortsansicht um das Jahr 1810 nach. Das Dorf hatte damals rund 400 Einwohner. Die roten Linien zeigen Grundstücksgrenzen.

Der Ort vor 200 Jahren

Per Modell ins Jahr 1810: Spaziergang durch Bichls Geschichte

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Bichl vor gut 200 Jahren: Wie das Dorf um das Jahr 1810 aussah, hat nun Kilian Streidl in liebevoller Arbeit rekonstruiert. Das große Modell im Maßstab 1:250 ist derzeit im Rathaus zu sehen. Zur Orientierung gibt es Hausnummern und Hofnamen. 

Bichl – Kilian Streidl gehört zum Team, das vor einigen Jahren die umfangreiche Bichler Ortschronik schrieb. „Während dieser Recherchen hatte ich öfters den alten Ortsplan in der Hand und wunderte mich, wie beengt früher die Bebauung war“, sagt Kilian Streidl. Schon damals sei ihm der Gedanke gekommen, ein Modell anzufertigen, um eine genauere Vorstellung zu bekommen.

Der historische Plan, auf den Streidl sich bezieht, stammt aus dem Jahr 1811. Nach der Säkularisation war es dem Staat daran gelegen, Haus- und Grundbesitz gerecht zu versteuern, veranlasst von Finanzrat Josef von Utzschneider. Deshalb wurden präzise Vermessungen vorgenommen, etwa von Gebäuden, Grundstücksgrenzen, Wegen, Gewässern und Wald. Streidl kennt auch noch ältere Karten und weiß, dass es zwischen 1735 und 1810 kaum Veränderungen gab, wohl aber dann zwischen 1830 und 1900. Anlass war, so vermutet er, eine neue Gesetzeslage (nämlich die freie Verfügbarkeit des Eigentums) sowie zwei Brandkatastrophen 1849 und 1892. „Diesbezüglich wurden Grundstückstauschgeschäft, Verkäufe und Ankäufe von Immobilien sowie Neubau-, Sanierungs- und Erweiterungsmaßnahmen im großen Stil getätigt“, sagt Streidl.

Schwierig zu gestalten war vor allem das Kirchendach. „Die Maße musste ich aus alten Fotos rekonstruieren.“

Das Modell, das Streidl nun gebaut hat, zeigt 70 Gebäude: 64 Häuser und die Kirche sowie besondere Anwesen, etwa Ziegelei, Schleifmühle („Schmittn“) und den „Troadstadl vom Beck“. Zudem hat der 69-Jährige Straßen und Gewässer eingezeichnet sowie Bäume gebastelt, damit der Betrachter ein lebendiges Bild vor Augen hat.

Aller Anfang war schwer – denn zuerst musste Streidl den Maßstab für das Modell ausrechnen. Dazu hat er die historische Karte in Quadrate eingeteilt, mit Hilfe einer Excel-Tabelle alles umgerechnet und diese Quadrate dann auf zwei große Holzplatten übertragen. Praktischerweise sind diese zusammenklappbar, und die Kirche kann man für den Transport abnehmen. Derzeit steht das Modell im Sitzungssaal im Rathaus.

Liebe zum Detail: „Von etlichen alten Höfen existieren noch Bilder“

Streidl hat bei der Konstruktion sehr viel Liebe zum Detail einfließen lassen. Sein großes Fachwissen (er ist gelernter Zimmerer und arbeitete bis zu seiner Pensionierung als Baubezirksleiter bei der Deutschen Bahn) und die Kenntnisse, die er sich bei der Erstellung der Chronik erarbeitete, halfen ihm. „Von etlichen alten Höfen existieren noch Bilder“, sagt Streidl. Diese waren im Erdgeschoß gemauert, bestanden im Obergeschoss aus einem Holzblock und hatten alle ein relativ flaches Schindeldach. Denn: „Die Schindeln wurden gelegt, nicht genagelt. Nägel waren damals handgeschmiedet und sehr teuer.“ Je nach Qualität des Holzes mussten Schindeldächer etwa alle 20 Jahre erneuert werden – um auch das darzustellen, hat Streidl einige Modell-Dächer in einem helleren Ton belassen.

Alle Gebäude bestehen aus Eichenholz. „Das ist dunkelbraun und hat eine feine Körnung. Das kann man gut bemalen“, sagt Streidl und deutet auf die Erdgeschoße, die alle gemauert waren und deshalb im Modell weiß glänzen. Die Fenster hat er mühsam mit einem Vierkanthohlstab ausgestanzt. Selbst Türen, Balkone und Tennbrücken sind deutlich erkennbar. Der Kirchhügel besteht aus geschichteten und geleimten Sperrholzplatten. Vor allem am Dach des Gotteshauses hat Streidl lange gewerkelt. „Die Maße musste ich durch Fotos rekonstruieren.“

Schwierig waren die über 100 Bäume

Schwierig waren auch die über 100 Bäume. Weil die üblichen Modelle, etwa vom Modelleisenbahnbau, von der Größe her nicht passten „und weil sie mir nicht gefallen“, bestellte er im Internet irisches Moos und befestigte es mühsam auf einem Drahtgestell. „Eine Fieselarbeit“, sagt Streidl schmunzelnd.

Damit sich Besucher zurecht finden, hat Streidl noch Hausnummern auf den Dächern angebracht, die auf drei Info-Tafeln vor dem Modell erklärt werden. Dort erfährt man auch ein bisschen was über die Bichler Geschichte vor gut 200 Jahren.

Insgesamt hat er sich ein halbes Jahr damit beschäftigt und vor Kurzem Bürgermeister Benedikt Pössenbacher damit überrascht. Dieser fiel aus allen Wolken. „Gigantisch“ findet er das Modell und „wahnsinnig schön“: „Ich bin ganz begeistert.“ Momentan steht es im Sitzungssaal im Rathaus, Pössenbacher sucht noch nach einem geeigneten Platz, wo man es dauerhaft ausstellen kann. Streidl gibt sich beschieden: „Wenn man es mal eine Zeitlang sehen kann, dann wäre es schön.“

Besichtigung

Das Bichler Rathaus ist Dienstag und Freitag von 10 bis 12 Uhr sowie Mittwoch von 16 bis 18 Uhr geöffnet. Das Modell wird dort vorerst bis zum 10. September stehen.

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