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Eva Gerl (80) steht mit Rat und Tat zur Seite, wenn jemand Hilfe beim Handarbeiten braucht. Sie selbst beherrscht sehr viele Techniken – auch Klöppeln (Bild).  

porträt

Geht nicht, gibt’s nicht

Bichl –  Wer eine Handarbeit lernen oder eine alte Technik neu entdecken möchte, ist bei Eva Gerl genau richtig: Seit 20 Jahren betreibt sie ehrenamtlich die „Spinnstube“ in Bichl. Verlangen tut sie dafür nichts. Und es gibt fast nichts, was sie nicht kann.

Ein Tag ohne eine Handarbeit? Für Eva Gerl (80) unvorstellbar. Sie strickt, häkelt, klöppelt, filzt und näht, sie kann spinnen und weben, Teppiche knüpfen, Bücher binden und beherrscht die Technik der Schiffchenspitze. Natürlich macht sie nicht alles jeden Tag, aber irgendetwas hat sie immer vor sich. Und zweimal in der Woche kann man einfach vorbeikommen und lernen, wie es geht. Oder gemeinsam in gemütlicher Runde zusammen handarbeiten.

Die „Spinnstube“ in Bichl ist eine Einrichtung, die ihresgleichen sucht. Es gibt sie seit ungefähr 20 Jahren. „Damals waren wir ein Kreis von ein paar Bichler Frauen, die sich regelmäßig zum gemeinsamen Handarbeiten, vor allem Spinnen, getroffen haben“, erzählt Gerl. Zuerst bei einer Bäuerin daheim, doch dann wurde aus Platzgründen ein neuer Raum gesucht. Als in der alten Gemeindekanzlei eine Wohnung frei wurde, kam das Damenkränzchen dort unter. Im Laufe der Jahre zerstreute sich der Freundeskreis jedoch, und dann stand die alte Gemeindekanzlei vor dem Abriss. Da war Eva Gerl die Einzige, die die „Spinnstube“ noch am Leben erhielt. „Bürgermeister Pössenbacher war so freundlich, mir einen Raum im neuen Rathaus zur Verfügung zu stellen“, freut sie sich. Und so zog sie mit allen Utensilien in einen netten, gemütlichen Raum im Erdgeschoss.

Dass hier gehandarbeitet wird, ist nicht zu übersehen. Überall, wo man hinblickt, liegt etwas Selbstgemachtes. An der Wand und in den Regalen lagern zum Beispiel Woll- und Stoffreste und Nadeln aller Art, alles übersichtlich verstaut und schnell greifbar. Und kaum hat Gerl geöffnet und das Licht eingeschaltet, da steht auch schon ein „Kunde“ vor der Tür: Ein Bichler bittet darum, seine Hosen kürzer zu nähen. Gerl steckt die Naht ab und sagt, er solle „in ein paar Tagen wieder vorbeikommen“. Mehr wird nicht vereinbart. In der „Spinnstube“ ist alles Vertrauenssache. Und natürlich wird Eva Gerl nichts dafür verlangen.

Wo lernt man so viele verschiedene Handarbeitstechniken? „Ich bin gelernte Beschäftigungstherapeutin“, sagt die 80-Jährige. Mit dem heutigen Begriff „Ergotherapie“ habe das aber nichts zu tun. Die Ausbildung absolvierte sie Mitte der 1950er-Jahre in Hannover – damals die einzige Fachschule in Deutschland. Die Absolventinnen – ausschließlich Mädchen – waren begehrte Arbeitskräfte in verschiedenen Kliniken in Deutschland. Mit ihrer Hilfe sollten Patienten die künstlerischen Fähigkeiten in sich entdecken, beschreibt Gerl das Arbeitsfeld. „Ich habe die Ausbildung gemacht, weil ich unbedingt Klöppeln lernen wollte.“. Dass aber noch viel mehr gelehrt wurde, „fand ich ganz interessant“. Und so arbeitete Gerl zuerst in Bethel, dann in einem Kinderheim in München. Als sie von dort einen Radlausflug ins Loisachtal unternahm und in Bichl eine Reifenpanne hatte, lernte sie ihren Mann kennen: er half spontan bei der Reparatur.

Nach der Hochzeit wurde das Handarbeiten Nebensache, denn Gerl half im Elektrobetrieb ihres Mannes und kümmerte sich um die drei Kinder. Freilich ist das Handarbeiten für sie bis heute die schönste Nebensache der Welt. Denn Gerls Wissen und Erfahrung sind riesig. Am liebsten beschäftigt sie sich mit Trachtengewand, fertigt zum Beispiel filigranste Spitzen mit Hilfe der Schiffchentechnik oder strickt individuelle Strümpfe. „Jeder Strumpf ist bei mir anders. Da kann ich der Fantasie freien Lauf lassen“, sagt sie, und ihre Augen leuchten.

Das ganze Material, das es in der „Spinnstube“ gibt, ist gespendet. Das bedeutet aber auch, dass nicht alles immer vorhanden ist. Wer bei Gerl etwas lernen möchte, zum Beispiel eine besondere Stricktechnik, sollte sich am besten seine eigene Wolle mitbringen.

Ihr Wissen gibt Gerl sehr gerne weiter. Die „Spinnstube“ ist in der Regel dienstags und donnerstags von 15 bis 17 Uhr geöffnet. Vorher kurz bei Gerl anzurufen oder gar einen Termin auszumachen, ist aber nicht verkehrt. Die 80-Jährige, Oma von vier Enkelkindern, hat auch gern Kinder um sich und bastelt mit ihnen alles Mögliche.

Gerl ist eine bescheidene Frau. Geld ist bei ihr kein großes Thema. Sie engagiert sich in der „Tauschzeit Loisachtal“ und ist ohnehin der Überzeugung, dass gegenseitige, ehrliche Hilfe unbezahlbar ist. Und noch etwas ist ihr wichtig: Die Zeit. „Was ich kann, sind Sachen, die viel Zeit in Anspruch nehmen“, sagt sie lächelnd. „Aber ich kann auch verstehen, wenn jemandem beim Handarbeiten mal die Geduld fehlt.“ Wer einen Rat braucht, der kann ja zu ihr kommen.

Weitere Infos

Die „Spinnstube“ im Rathaus Bichl ist dienstags und donnerstags von 15 bis 17 Uhr geöffnet. Info-Telefon: 0 88 57/494.

Christiane Mühlbauer

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