Die beiden Helferinnen mit einer Suppenspende: Stefanie Mittermüller (li.) und Tanja Kunzmann. 
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Die beiden Helferinnen mit einer Suppenspende: Stefanie Mittermüller (li.) und Tanja Kunzmann. 

Initiative „Gemeinsam auf Augenhöhe“

Warme Worte und Getränke für Obdachlose: Zwei junge Frauen aus dem Tölzer Land gründen Nothilfe

  • Patrick Staar
    vonPatrick Staar
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Die Idee entstand ganz spontan: Vor einer bitterkalten Nacht kochten die Bichlerin Tanja Kunzmann und die Tölzerin Steffi Mittermüller warme Getränke, um sie in München an Obdachlose zu verteilen. Daraus ist ein festes Hilfsprojekt geworden.

Bichl/Bad Tölz – Es ist ein ganz gewöhnlicher Tag im Januar. Die Bichlerin Tanja Kunzmann (30) hört Nachrichten. Plötzlich kommt ihr eine Meldung zu Ohren, die sie aufhorchen lässt. Eine bitterkalte Nacht stehe bevor, warnt der Nachrichtensprecher. Alle Menschen möchten bitte aufpassen, dass auf den Straßen kein Obdachloser erfriert. Kunzmann durchzuckt es wie ein Blitz:

Mittlerweile gibt es für „Gemeinsam auf Augenhöhe“ viele Unterstützer

Sie ruft ihre Freundin Steffi Mittermüller (29) in Bad Tölz an. Gemeinsam brühen sie Kaffee und Tee auf, wenig später fahren sie mit heißen Getränken im Kofferraum nach München. Drei Monate später ist aus der spontanen Idee das Projekt „Gemeinsam auf Augenhöhe“ geworden – für das es schon einige hundert Unterstützer und Sympathisanten gibt.

Kunzmann und Mittermüller sind schon immer sozial engagiert. Mittermüller arbeitet als pädagogische Mitarbeiterin bei der Lebenshilfe. Kunzmann ist eine gelernte Altenpflegerin, die momentan als Elektrohelferin auf einer Baustelle arbeitet. „Wir hatten schon immer den Plan, dass wir was für Menschen oder Tiere machen wollen“, sagt die 30-Jährige. Im Januar kam ihr der Zufall in Form der Nachrichtensendung zu Hilfe: „Wir haben gedacht, dass wir bei minus 20 Grad was machen müssen, für das wir nicht allzu viel Geld brauchen.“

Beim ersten Mal ziehen die beiden mit dem Bollerwagen los

So entstand die Idee, heiße Getränke auszuschenken. Mit einem Bollerwagen, Kannen und ihren beiden Kindern im Schlepptau zogen die beiden bei Eiseskälte los und verteilten Kaffee und Tee auf Münchens Straßen. Die Obdachlosen freuten sich so über die Unterstützung, dass die beiden beschlossen, beim nächsten Mal auch noch warmes Essen mitzunehmen. Außerdem entschieden sie, bei der zweiten Tour nicht nur mit dem Auto nach München zu fahren, sondern im Gegensatz zum ersten Mal auch mit dem Fahrzeug durch die Landeshauptstadt.

Bei ihrer ersten Tour waren sie noch zu Fuß mit einem Bollerwagen unterwegs. Per Auto können sie noch mehr Menschen erreichen: „Sobald wir gesehen haben, dass jemand auf dem Gehsteig sitzt, haben wir den Warnblinker reingehauen und sind rechts rangefahren“, erzählt Kunzmann schmunzelnd. Mittlerweile sind die beiden bestens bekannt: „Die Leute winken, wenn wir kommen. Es ist schön, wenn man helfen kann.“ Besonders ergreifend ist es, wenn Kunzmanns’ Tochter dabei ist. Zuletzt verteilte die Vierjährige Osterhasen an die Obdachlosen: „Viele sitzen grummelig in ihrer Ecke. Wenn Mavis auf sie zukommt, fangen sie plötzlich an zu grinsen – total schön.“

Tagesbetreuung kocht Suppe, Tölzer Bistro spendet Boxershorts

Weil die Hilfe für zwei Mamis mit nicht allzu üppig gefülltem Geldbeutel nicht einfach zu stemmen ist, gründeten die beiden Anfang März eine Facebook-Gruppe, die wenige Wochen später schon 243 Menschen abonniert haben. 87 Abonnenten haben sie auf Instagram. Von allen Seiten kommen Hilfsangebote. Von der Gruppe „Tölz hilft“ und vom SV Tölz gab’s Sachspenden, die Tagesdemenz-Betreuung „L(i)ebenswert“ kochte zwölf Liter spanischen Bauerntopf, das Tölzer Bistro Inkognito spendeten 94 neue Boxershorts und 25 Osterhasen, vom Penzberger Biomarkt gibt’s regelmäßig Obst und Gemüse.

Kunzmann und Mittermüller haben ganz bewusst beschlossen, sich keiner der Münchner Obdachlosen-Hilfen anzuschließen. Die Organisationen seien zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten, an denen sich die Obdachlosen Hilfe holen können, erläutert Kunzmann. „Wir wollen ihnen dagegen auf Augenhöhe begegnen und Gespräche unter vier Augen führen. Da kann man sich ganz anders Zeit nehmen.“

Corona macht das Leben auf der Straße noch schwieriger

Manchmal hören sie Geschichten, die ihnen sehr nahe gehen, gibt Kunzmann zu. Da ist beispielsweise der 28-Jährige, der glaubte, dass er einen festen Arbeitsvertrag besitzt: „Dann hat sich rausgestellt, dass ihn der Chef nicht angemeldet hat und er schwarz arbeitet.“ Der Mann verlor seinen Job und damit auch seine Wohnung. Viele würden ausgenutzt, weil sie sich nicht richtig auskennen und Geld brauchen: „Jeder weiß, dass der Umgang mit Behörden auch nicht immer so einfach ist.“ Der klassische Weg in die Obdachlosigkeit: „Du verlierst den Job, fällst in ein Loch, findest auf der Straße Zusammenhalt, beginnst mit anderen zu trinken. Je länger das andauert, desto schwieriger wird der Weg zurück.“

Kunzmann und Mittermüller haben oft auch mit Flüchtlingen aus dem Balkan zu tun, die nur sehr gebrochen Deutsch sprechen: „Sie wissen nicht, wo sie Unterstützung finden können und rutschen in die Schwarzarbeit, obwohl sie einen richtigen Job haben wollen.“ Kunzmann und Mittermüller geben ihnen dann Tipps, an wen sie sich wenden können. Corona mache die Lage komplizierter: „Viele trauen sich nicht mehr in Obdachlosen-Unterkünfte zu gehen, weil sie Angst haben, sich anzustecken. Das ist ja auch verständlich, bei den Menschenmassen, die da drin sind.“ Mal abgesehen davon, dass sich nicht jeder wohl dabei fühle, wenn er mit zehn Fremden in einem Raum schlafen muss, die womöglich unter Drogen- oder Alkoholeinfluss stehen.

Warme Getränke bei eisigen Temperaturen schenkt Tanja Kunzmann aus.

Das Hilfsprojekt sei so gut angelaufen, dass es die beiden auch in der wärmeren Jahreszeit nicht unterbrechen wollen. Zugleich ist aber auch klar, dass es ohne personelle Unterstützung nicht geht, „denn wir beide sind berufstätig und haben Familien. Es wäre gut, wenn wir durchwechseln könnten, zum Beispiel wenn wir krank sind.“ Jeden könne man dafür nicht nehmen, sagt Kunzmann: „Es muss jemand sein, der Bock auf die Arbeit hat und mit Herzblut dabei ist.“ Auch Ausdauer sei erforderlich. Es komme schon mal vor, dass Obdachlose ihren Standort wechseln und dass man sie dann eine Stunde lang suchen muss. Zudem sei jede Menge menschliches Feingefühl notwendig: „Mal haben die Leute gerade Drogen genommen und haben eine super Stimmung. Beim nächsten Mal sind sie dann gerade auf Entzug und haben schlechte Laune. In solch einer Situation kann man keinen gebrauchen, der einfach hinrennt und einen auf bester Kumpel macht.“

Gründung eines Vereins ist angedacht

Im Hinterkopf kreist auch die Idee, dass aus der privaten Hilfs-Initiative mal ein Verein wird. Dies hätte vor allem finanzielle Vorteile, denn bislang dürfen die beiden keine Geldspenden annehmen und keine Spenden-Quittungen ausstellen. Lediglich geschenkte Tank-Gutscheine dürfen die beiden entgegennehmen. Der Weg zum Verein sei allerdings weit, viele Behördengänge seien dafür notwendig: „Wir machen uns da keinen Druck“, sagt Mittermüller, was Kunzmann bestätigt: „Es geht drum, dass wir das gerne machen – ob als Verein oder privat, ist nicht wichtig.“

Mehr über das Projekt finden Interessierte auf der Facebook-Seite der beiden Frauen unter dem Stichwort „Gemeinsam auf Augenhöhe“.

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