+
Dieses historische Luftbild vom zerbombten Bichl im Maßstab 1:10 500 spürte Helmut Baumgartner aus Penzberg 1996 im US-Nationalarchiv auf. Es entstand im März 1945 aus rund 700 Metern Höhe. Die dunklen Bombentrichter im Moos (links neben der Bahnlinie) sind deutlich zu erkennen. „STA“ steht für Bahnhof(„station“). Er hätte das Ziel der Angriffe sein sollen.

Zweiter Weltkrieg

Bichls schwärzester Tag: Heute vor 75 Jahren fielen dutzende Bomben auf den Bahnhof

  • schließen

Am 22. Februar 1945, also vor 75 Jahren, gab es den schwersten Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg im Landkreis. Zeitzeugen haben noch beklemmende Erinnerungen an diesen Tag. Heute Abend gibt es ein Gedenken an die Opfer.

BichlDer Bahnhof in Bichl hatte im Zweiten Weltkrieg eine strategisch wichtige Bedeutung. Er diente als Umschlagplatz für die Munitionszüge aus den Geretsrieder Rüstungsfabriken. Auf den Gleisen der Isartalbahn kamen sie nach Bichl, damit sie nicht den steilen Hang bei Wolfratshausen hochfahren mussten. In Bichl wurden sie dann weitergeleitet nach Penzberg und von dort ging es weiter in die ganze Republik. „Der rege Zugverkehr auf dem Bichler Bahnhof war den Alliierten nicht entgangen, und dadurch geriet das Dorf ins Visier der Bomber“, schreibt die aus Bichl stammende Journalistin Johanna Pfund in ihrem Beitrag zu den Kriegsereignissen im umfangreichen Chronik-Buch der Gemeinde.

An jenem 22. Februar 1945 war das Wetter in Bichl schön und klar. Schon in den Monaten zuvor hatte sich die Bevölkerung daran gewöhnt, „dass fast jeden Tag Scharen von feindlichen Flugzeugen über Bichl flogen“, berichtete die Gemeindeangestellte Anny Brenck am 10. März 1946. Ihr umfangreicher Augenzeugenbericht wird im Buch „Die NS-Zeit im Altlandkreis Bad Tölz“ von Kurier-Redakteur Christoph Schnitzer wiedergegeben. Brenck schreibt weiter: „Fast niemand achtete mehr auf sie, es sei denn, dass sie so nieder flogen oder in so großer Zahl kamen, dass die Erde von dem Dröhnen der Motoren zitterte.“ Trotz Sirenenalarms gingen die meisten Menschen zur Arbeit und die Kinder zur Schule, so Brenck. „Man war gleichgültig geworden und glaubte wohl, dass Bichl zu unbedeutend sei, als dass es zum Objekt eines Angriffs ausersehen werden könnte.“

Zwei Brüder sehen, wie sich die Bomben lösen

Doch es sollte anders kommen. Es war gegen halb zwei zur Mittagszeit, als die Brüder Hans (damals zehn Jahre alt) und Walter Sachenbacher (18) vor ihrem Wohnhaus an der Sindelsdorfer Straße, etwa 500 Meter Luftlinie vom Bahnhof entfernt, standen und Bomber am Himmel sahen. „Wir hätten nicht gedacht, dass uns die Flugzeuge angreifen“, erinnert sich der heute 85 Jahre alte Hans Sachenbacher. Die Flugzeuge kamen aus Richtung Süden. „Sie drehten ab, dann drehten sie wieder um, und dann kamen sie wieder von Süden.“ Dann sahen die beiden Brüder, wie sich Bomben lösten. „Wir sahen sie fallen und hörten dabei ein Pfeifen. Dann hat es gekracht, und alles lag in Staub.“

So sah die alte Bichler Bahnhofsgaststätte vor der Bombardierung aus. Das Haus fiel in Schutt und Asche.

Auch Manfred Hohenleitner (80) erinnert sich noch an diesen Augenblick. Er war mit seinem älteren Bruder Fritz (damals neun) im Haus, als sie die Flugzeuge bemerkten. Manfred, damals fünf Jahre alt, zog sich die Schuhe an, um hinaus zu laufen und zu sehen, was passieren würde. „Dann hat uns die Druckwelle umgehauen“, erinnert sich der Bichler und berichtet von einem „dramatischen, furchtbaren Rauschen“.

Bahnhofsvorsteher hat eine Vorahnung

Bichl entging damals nur knapp einer riesigen Katastrophe. Der Bahnhofsvorsteher Georg Schurer schien geahnt zu haben, dass an diesem Tag etwas passieren könnte. Der Munitionszug traf immer um 10 Uhr morgens in Bichl ein und wurde um 13.30 Uhr nach Penzberg geschickt. „An diesem Tag ordnete Schurer an, dass der Zug sofort weitergeschickt wurde“, berichtet Pfund in der Chronik.

Dieser Anordnung folgte der Bahnbeamte Georg Schwaller. Christoph Schnitzer hat recherchiert, dass Schwaller an diesem Tag eigentlich gar keinen Dienst gehabt hätte und nur ersatzweise eingesprungen war. Den Tausch bezahlte Schwaller mit dem Leben.

Lesen Sie auch: Keine Schranke an gefährlichem Bahnübergang: Gemeinderat in Bichl fassungslos über Deutsche Bahn

Es lässt sich nicht mehr genau nachvollziehen, wie viele Flugzeuge und wie viele Bomben über Bichl abgeworfen wurden. In den Chroniken ist von zirka 20 Flugzeugen die Rede, die 50 bis 60, vielleicht sogar 80 Bomben mit je fünf bis 20 Zentner Gewicht abwarfen. „Das Stationsgebäude, die Bahnhofswirtschaft und das Strobl-Haus westlich der Bahnlinie fielen wie Kartenhäuser zusammen“, berichtet Pfund. „Die Fensterscheiben der umliegenden Häuser zerbarsten.“

Noch heute sieht man Spuren an einigen Gebäuden

Die ganze Umgebung sei von Bombentrichtern übersäht gewesen, schrieb Gemeinde-Chronistin Anny Brenck in ihrem Bericht ans Landratsamt. Noch heute gibt es in Bichl Gebäude, an denen man Spuren des Angriffs sehen kann. „Mein Eindruck ist aber, dass die Piloten sich damals bemüht haben, das Dorf zu verschonen“, sagt Hans Sachenbacher. „Sie haben uns ja zweimal angeflogen.“ Für diese These würde auch sprechen, dass viele Bomben westlich des Bahnhofs ins Moos fielen.

„Wir dachten erst, die Flugzeuge werfen Aluminiumstreifen“, sagt Sachenbacher. „Das haben sie damals oft gemacht. Damit konnte man Radargeräte in die Irre führen.“ Die Kinder hätten die Streifen beim Spielen draußen überall entdeckt.

Die genaue Zahl der Opfer des Bombenangriffs ist bis heute unklar. In den Chroniken ist zuerst von elf, später von 22 beziehungsweise 23 Toten die Rede, zudem galt eine Person als vermisst. Sieben wurden verwundet.

Lesen Sie auch: Wildwestmanieren verstopfen Kochler Straßen

Tragisch ist zudem, dass sich unter den Toten auch Personen befinden, die man zuvor aus München evakuiert hatte – aus Sicherheitsgründen, wie es hieß. Die Zeitzeugen erinnern sich noch an einen Jungen namens Ernst, der mit seiner Familie im Bichler Bahnhof einquartiert war. Sowohl Hans Sachenbacher als auch Fritz Hohenleitner waren mit ihm befreundet. Der Bub war als einziger der Familie zu Hause, als der Angriff geschah, und war damit eines von insgesamt sechs toten Kindern. Das Haus der Familie in München hatte indes den Krieg unbeschadet überstanden, berichtet Fritz Hohenleitner in dem Buch von Schnitzer.

Zwei Massaker im Loisachtal kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs

Der Zweite Weltkrieg endete am 1. Mai 1945. Die Tage, bis die Amerikaner einrückten, waren im Loisachtal dramatisch, ist der Bichler Dorfchronik zu entnehmen. Angehörige von Wehrmacht und SS zogen durch die Dörfer. In Penzberg kam es am 28. April zur berüchtigten Mordnacht mit 16 Toten, angerichtet von „Werwolf“-Angehörigen, einer von den Nazis gegen Kriegsende etablierten Kampforganisation im Untergrund. Am Walchensee werden wenige Tage später nachts 16 Gebirgsjäger am Kesselberg erhängt. Zeitzeugen berichten, dass sie sich weigerten, den SS-Truppen Gefolgschaft zu leisten, hat Schnitzer recherchiert.

Die Bombenkrater in Bichl prägten noch lange das Ortsbild. „Mit der Zeit füllten sie sich mit Wasser, so dass wir Kinder darauf Schlittschuh laufen konnten“, erinnert sich Manfred Hohenleitner. Hans Sachenbacher weiß noch, dass die Schutthaufen lange am Bahnhof lagen, und man auf Trampelpfaden hindurchging.

Heute Abend wird der Opfer gedacht

In dem Gottesdienst an diesem Samstagabend in der Bichler Kirche wird Pfarrer Pater Heiner Heim der Ereignisse und der Opfer gedenken. Beginn ist um 19 Uhr. Anschließend wird die Gemeinde an der Gedenktafel vor der Kirche ein Gesteck niederlegen.

Wer mehr über die geschichtlichen Zusammenhänge erfahren will, dem seien zwei Bücher empfohlen: Die Bichler Dorfchronik (erhältlich bei der Gemeinde) und „Die NS-Zeit im Altlandkreis Bad Tölz und ihre Folgen“ von Christoph Schnitzer, erhältlich in der Geschäftsstelle des Tölzer Kurier und im Buchhandel.

Bad-Tölz-Newsletter: Alles aus Ihrer Region! Unser brandneuer Bad-Tölz-Newsletter informiert Sie regelmäßig über alle wichtigen Geschichten aus dem Landkreis Bad Tölz - inklusive aller Entwicklungen rund um die Kommunalwahlen auf Gemeinde- und Kreisebene. Melden Sie sich hier an.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Drama am Herzogstand: Augsburger (40) stirbt vor den Augen seiner Familie
Drama in den bayerischen Voralpen: Ein Augsburger (40) verlor bei einem Ausflug mit seiner Familie auf tragische Weise sein Leben. 
Drama am Herzogstand: Augsburger (40) stirbt vor den Augen seiner Familie
Corona-Krise im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen: Keine Neuinfektionen seit einer Woche
Wir geben einen Überblick während der Coronavirus-Pandemie im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen in unserem News-Ticker. Aktuelle Zahlen und Entwicklungen lesen Sie hier.
Corona-Krise im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen: Keine Neuinfektionen seit einer Woche
Scherben an der Isar: „Das ist unmöglich“
Ihrem Ärger machte eine Tölzer Mutter auf Facebook Luft. „Eine riesen Sauerei wieder mal an der Isar“, schrieb sie. An der Stelle gegenüber dem Moralt-Areal, an der ihr …
Scherben an der Isar: „Das ist unmöglich“
Kloster Benediktbeuern öffnet wieder fast alle Türen
Mit „Urlaub bei Don Bosco“ wirbt das Kloster Benediktbeuern um Sommer-Gäste. In der neuen Klosterkapelle bleiben die Salesianer jedoch noch unter sich. Die geplante …
Kloster Benediktbeuern öffnet wieder fast alle Türen

Kommentare