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Mit großem Interesse verfolgten die Lenggrieser am Dienstagabend die Ausführungen von Bürgermeister Werner Weindl zur Asylbewerber-Unterbringung.

Infoveranstaltung zum Thema Asylbewerber

Container bauen oder Kaserne belegen?

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Lenggries - Der Besucherandrang war riesig, die Debatte schlug hohe Wellen. Drei Stunden diskutierten die Lenggrieser am Dienstagabend im Alpenfestsaal über die Unterbringung von Asylbewerbern in der Gemeinde.

700 zusätzliche Plätze für Asylbewerber muss der Landkreis nach aktuellen Prognosen bis Jahresende bereitstellen – noch einmal so viele, wie es aktuell gibt. Das sei nur mit Hilfe von Sammelunterkünften möglich, sagte Landrat Josef Niedermaier in einer Infoveranstaltung im Alpenfestsaal. Dafür sind aktuell zwei Standorte in Lenggries in der Prüfung, die je Platz für 50 bis 60 Asylbewerber bieten könnten. Das sorgte im mit rund 400 Interessierten voll besetzten Saal – nicht alle hatten einen Sitzplatz gefunden – für teils emotionale Debatten.

Das erste der beiden möglichen Grundstücke, ein Areal bei der Flussmeisterstelle, bezeichnete Weindl als „geeignet“. Der Freistaat als Eigentümer habe bislang eine Nutzung ausgeschlossen, so Niedermaier. „Jetzt gab es aber einen Sinneswandel, es hieß, man könne darüber reden.“ Baurechtliche Hindernisse bei Hochwasser- und Naturschutz bestünden aber weiter. Das leuchtet Weindl nicht ein. Die Wohncontainer blieben nur begrenzte Zeit stehen, sagte er. „Danach ist es wieder grüne Wiese.“

Zudem habe ein Eigentümer sein Grundstück auf der anderen Straßenseite, neben der Reitersäge, ins Gespräch gebracht, so Niedermaier. Dazu betonte Weindl: „Das ist völlig fair abgelaufen. Bevor irgendetwas in die Wege geleitet wurde, hat der Eigentümer mit der Gemeinde und den Nachbarn geredet.“ Aktuell gebe es weder einen Bauantrag noch einen Vertrag mit dem Landratsamt.

Doch die Nachbarn machten ihren Widerstand deutlich. Das Areal sei ausschließlich über einen 5,50 Meter breiten Weg erschlossen, sagte Sägewerks-Besitzerin Amanda Reiter. „Da fahren Post-Lkw und andere Lkw, es gibt keinen Gehsteig, für Fußgänger ist das zu gefährlich. Und als Eigentümerin des Wegs hafte ich alleine.“ Außerdem handle es sich um ein reines Gewerbegebiet. Dem Grundeigentümer Stefan Kiefersauer unterstellte sie, schon Vorbereitungen zu treffen, um das Gelände aufzuschütten, indem er ohne Genehmigung eine Stützmauer gebaut habe.

Weindl ließ Reiters Argumente nicht gelten. „Ehrlicher wäre es zu sagen: ,Ich will keine Asylbewerber bei mir.‘“ Von ungenehmigten Bauvorbereitungen wisse er nichts. Kiefersauer selbst wehrte sich später in der Versammlung gegen „Schmarrn“ und die „Gerüchteküche“: „Ich war von Anfang an ehrlich“, betonte er. „Gegen mich und meine Familie wird eine Hetzkampagne gefahren.“ Bei seinem Auftritt hielt es eine seiner Nachbarinnen nicht auf dem Sitz. Sie stürmte auf ihn zu und machte ihm lautstarke Vorwürfe.

Für Nachbar Martin Willibald wäre die Siedlung vor der Haustür „ein absoluter Horror“: „Wir haben dort gebaut, das würde unser Haus abwerten“, sagte er. Für den ganzen Fremdenverkehrsort Lenggries sei es ein Schaden, „wenn überall Containersiedlungen stehen.“

Die Beispiele Tegernsee und Bad Wiessee würden zeigen, „dass der Tourismus durch so etwas nicht kaputtgeht“, antwortete Niedermaier. „Im Gegenteil: Der professionelle Umgang mit der Situation vor Ort kann zur positiven Außendarstellung beitragen.“ Baurechtlich sei die Asylbewerberunterkunft kein Problem, so der Landrat. Denn der Bebauungsplan schließe hier – anders als auf der Tölzer Flinthöhe oder bei der Lenggrieser Kaserne – Anlagen für soziale Zwecke nicht ausdrücklich aus. Somit greife eine Gesetzesänderung, die Asylbewerberunterkünfte im Gewerbegebiet als Ausnahmetatbestand zulasse.

Stichwort Kaserne: Viel Zustimmung im Saal erntete Reiter mit ihrer Aussage: „Mit dem Unteroffiziersheim steht ein idealer Standort zur Verfügung. Dann müsste keine Containersiedlung aufgebaut werden. Es ist nicht verständlich, dass die Gemeinde das kategorisch ausschließt.“ Hier nutzte Michael Wondra die Gunst der Stunde. Er vertritt als Anwalt die Interessen des Kasernen-Eigentümers, der Luitpolderhöfe GmbH. „Unteroffiziersheim und Offiziersheim sind hervorragend ausgebaut, wir könnten locker 50, 60 oder 80 weitere Personen unterbringen, ohne dass es jemanden stört. Nicht die Bevölkerung, sondern nur das Rathaus läuft dagegen Sturm. Und das nur aus persönlichem Ärger, weil die Gemeinde die Kaserne nicht gekauft hat. Verkehrte Welt!“

Weindl dagegen sagte, Wondra wolle die Asylberwerber-Unterbringung lediglich „vorschieben“, um auf dieser Grundlage später dauerhaft aus dem Kasernenareal ein Wohngebiet zu machen. „Das würde der Gemeinde schaden.“ Wondra sagte hingegen, die Luitpolderhöfe GmbH habe der Gemeinde „schriftlich gegeben, dass wir kein Wohnbaurecht ableiten wollen“. In dem Schreiben stehe in Wirklichkeit, dass der Kaserneneigentümer die Schaffung eines Mischgebiets fordere, so Weindl.

Bürger Markus Kuhlbars warf der Gemeinde vor, „politische Spielchen auf Kosten der Asylbewerber“ zu treiben. Ein anderer schlug einen Bürgerentscheid darüber vor, „ob wir Container aufstellen oder den Bebauungsplan der Kaserne ändern“.

Andreas Steppan

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