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Endlose Minuten unter der Lawine

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Diese gewaltige Nassschnee-Lawine am Grasleitensteig riss zwei Frauen 120 Meter mit. Der Höhenunterschied in diesem Bereich beträgt 70 Meter. Bergwacht Lenggries
Diese gewaltige Nassschnee-Lawine am Grasleitensteig riss zwei Frauen 120 Meter mit. Der Höhenunterschied in diesem Bereich beträgt 70 Meter. Bergwacht Lenggries

Lenggries - Eine weiße Wand, schwerer Schnee, dann Stille - Gisela Knote (69) aus Seeshaupt ist am Freitag am Seekar in eine Lawine geraten. Sie hat überlebt, sich selbst befreit, und: Sie hat ihre Freundin gerettet.

Wenn Gisela Knote (69) morgens aufwacht, ist das Bild sofort wieder da: Schnee, überall Schnee. Und ein Arm in einem blauen Anorak, der aus dem Weiß herausragt. Gisela Knote wurde am Freitag von einer Lawine verschüttet - und hat überlebt. Mit drei Freundinnen (alle zwischen 57 und 69 Jahren alt) hatte die Seeshaupterin die Nacht auf der Lenggrieser Hütte am Seekar verbracht und war am Freitagnachmittag abgestiegen, als das Unglück geschah (wir berichteten).

Kurz nach dem Einstieg in den Grasleitensteig löst sich ein etwa 30 auf sechs Meter großes Schneefeld und rast den Berg hinab. „Meine Freundin hat ,Vorsicht, Lawine‘ gerufen, und ich bin losgerannt“, erzählt Knote. Doch die Lawine ist schneller. Sie reißt die 69-Jährige mit sich, eine Freundin (57) gerät auch unter die Schneemassen. „Ich kann mich nicht genau erinnern, aber ich hatte das Gefühl, einen Purzelbaum nach dem anderen zu machen.“ Und sie hat nur einen Gedanken: „Bitte, lieber Gott, lass mich nicht an einen Baum rumpeln.“ Die Lawine bleibt stehen, kurz bevor es 20 Meter eine Felswand hinuntergeht. Dann: Stille. „Ich konnte mich bewegen, saß lose im Schnee. Dann habe ich die Augen aufgemacht und sah den Himmel.“

Wie sich Gisela Knote aus den Schneemassen befreit hat, weiß sie nicht mehr. Nur an eines erinnert sie sich genau: den Arm ihrer Freundin, der ein paar Meter entfernt aus dem Schnee ragt und winkt. „Ein Arm und ein Bein steckten im Schnee, das Gesicht war auf den Boden gepresst, aufgeschürft und geschwollen.“ Aber die Freundin lebt. Und ruft immer wieder „Ich krieg’ ja Luft!“

Gisela Knote verständigt die zwei anderen Frauen, die sich vor der Lawine retten konnten, sie laufen los, um Hilfe zu holen. Währenddessen beginnt die Seeshaupterin, ihre Freundin auszugraben - mit ihren bloßen Händen und mit festen Tritten gegen die gefrorenen Schneeberge. Nach schier endlosen 30 Minuten hat es Gisela Knote geschafft. Zusammen schleppen sich die Frauen zur Hütte.

Inzwischen sind Gisela Knote und ihre Freundin wieder zu Hause. Die körperlichen Schmerzen sind weg, die seelischen nicht. „Damit haben wir alle vier zu kämpfen.“ In die Berge wollen sie trotzdem wieder. Das nächste Ziel steht schon fest: Die Elmauer Alm, „da ist es ungefährlich“, sagt Knote und lacht. Diese Frauen hält so schnell nichts auf - auch keine Lawine.

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