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Nachdem er vier Tage und drei Nächte gebrannt hat, räumen die Streidls und ihre Helfer den Kalkofen aus.

Handwerk mit Geschichte

Feuer und Flamme für den Kalkofen

Ried - Das Kalkbrennen in Ried ist ein seltenes Ereignis, die Herstellung eines echten Naturprodukts, ein geselliger Treffpunkt und gelebte Tradition.

In den Jahren nach dem Krieg, da war der Kalk begehrt. Bräunlicher Kalk wurde häufig für Mauer- und Putzarbeiten eingesetzt, deshalb die Bezeichnung Mauerkalk. Der weiße Kalk wurde als Anstrich verwendet und deshalb im Vergleich nicht in so großen Mengen benötigt. „Da kam es schon vor, dass der Kalkofen 18-mal im Jahr befüllt und gebrannt wurde, aber nur einmal davon für weißen Kalk“, weiß Anton Streidl sen. aus seiner Kindheit.

Kalkbrennen in Ried

Inzwischen hat sich das gravierend geändert: Kaum mehr jemand verlangt nach dem Naturprodukt. Deshalb ließen die Streidls nach dem letzten Brennen 2010 auch fünf Jahre vergehen, bis nun in der vergangenen Woche der Ofen wieder rauchte.

55 Ster Brennholz verschlingt so ein Brand. Und es muss Fichtenholz sein, denn das hat nur geringen Schwefelanteil und verhindert somit, dass der Kalk einen Gelbstich bekommt. Außerdem macht Fichtenholz eine große Flamme – die wiederum ist erforderlich, damit das Feuer in dem vier Meter hohen Ofen von unten bis oben durchbrennt.

Zuerst aber müssen die Steine mühsam gesammelt und zum Kalkofen der Familie Streidl vom „Wawa“-Hof in Ried transportiert werden. Diesmal stammen sie vom Kesselberg – „da hat die Straßenmeisterei einen Felsen abgesprengt, da konnten wir unseren Bedarf so ziemlich decken“, berichtet Anton Streidl jun. Nach dem akkuraten Einrichten in den Ofen wurde dann das Feuer im großen Schürloch entzündet. Ganz feierlich übernahmen diese Aufgabe heuer die Enkelkinder Christina (9) und Anton (8) mit der geweihten Osterkerze.

Der Rieder Kalkofen, der bis zu Säkularisation zum Kloster Benediktbeuern gehörte und 1807 dem Wawa-Hof zugeschrieben wurde, ist alt, sehr alt sogar. Er ist kaminlos, was auf eine Entstehung vor etwa 900 bis 1000 Jahren hinweist. Heute ist er wohl im weiten Umkreis der einzige Kalkofen in Privatbesitz, der noch in Betrieb genommen wird.

Wenn der Ofen angezündet ist, dann muss über vier Tage und die dazwischen liegenden Nächte hinweg beständig Holz nachgelegt werden, um die Brenntemperatur von 1300 Grad zu halten. Bei einer derartigen Hitzeentwicklung scheint es verwunderlich, dass – soweit Streidl sen. weiß – der hölzerne Dachstuhl über dem Kalkofen noch nie in Brand geraten ist. Jedenfalls nicht vom Kalkbrennen. „Aber zum Kriegsende haben die einmarschierenden Amerikaner einen Jeep beschossen, der daneben stand, und da fingen auch die Ummantelung und der Dachstuhl Feuer.“

Langweilig wird es indes dem jeweils „nachtdiensthabenden“ Schürmeister nicht oft. Denn das seltene Ereignis gestaltet sich stets als geselliger Treffpunkt für die Buben und Männer aus der Umgebung.

Das Kalkbrennen in seiner ursprünglichen Form miterleben wollte diesmal auch Eveline van Halem. Die junge gebürtige Holländerin ist ausgebildete Archäologin und möchte im Themenbereich Kalkmörtel ihre Doktorarbeit schreiben. „Aus persönlichem Interesse“ ist sie für eine Woche nach Ried gekommen und hat dort auch mit angepackt, als nach beendetem Brennen und Abkühlen der eiförmige Kalkofen nach und nach ausgeräumt wurde.

Von den vorher etwa 600 Zentner wiegenden Steinen bleiben nach dem Schmelzen und Abfließen von Quarz, Eisen und anderen Bestandteilen in eine Schlackenmulde zirka 300 Zentner reiner Kalkstein übrig. Schubkarrenweise werden diese Kalksteine sodann hinausgefahren und in die Löschgrube gekippt. Darin dreht sich ein mechanisches Rührwerk, während kontinuierlich Wasser zufließt. Die Steine platzen dabei.

Die entstehende Kalkmilch fließt über Rohre in die angrenzenden drei Kalkgruben und verfestigt sich dort zu einer stichfesten Masse. „Vor der Verwendung muss der Kalk mindestens acht Wochen abgelagert sein“, erklärt der 69-jährige Kalkbrenner aus Leidenschaft. „Je länger er abgelagert ist, um so besser ist seine Deckfähigkeit.“ Außerdem sei zu beachten, dass die Masse mit Wasser bedeckt sein müsse und keinen Frost vertrage.

Wie lange wird es nun dauern, bis der Ofen das nächste Mal raucht? Die Jungen würden dieses archaische Handwerk wohl durchaus weiterführen, meint Streidl sen. Aber angesichts der vollen Gruben und der äußerst geringen Nachfrage lasse sich noch nichts Konkretes dazu sagen.

Voller Optimismus dagegen ist Eveline van Halem. Sie hat dem biologischen und desinfizierenden Naturprodukt jetzt Proben entnommen und will diese in einem speziellen Labor auf Mikrostruktur und Reaktionsverhalten untersuchen lassen. „Wenn an Kirchen oder alten Gebäuden nach 300 oder 500 Jahren der Putz noch dran ist, dann kann dieses Material doch nur gut sein“, meint sie. In der Forschung und beim Ökobau gebe es wieder zunehmend Interesse daran.

„Man muss Architekten und Bauherren die Vorzüge dieses Produkts wieder stärker vermitteln. Neue Anerkennung herbeizuführen braucht aber eben Geduld.“ Der Kalkofen in Ried hat schon so viele Jahre auf dem Buckel. Vielleicht erlebt er ja auch noch eine Zeit der neuen Wertschätzung.

Rosi Bauer

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