„Notwehr nicht auszuschließen“

Freispruch nach handfestem Schlagabtausch

Ein Tölzer Azubi (20) ist vom Vorwurf der Körperverletzung freigesprochen worden. Allerdings bekam er eine Strafe wegen Drogenbesitzes.

Bad Tölz/WolfratshausenDie zwei Burschen standen sich gegenüber wie Boxer. Das berichteten Zeugen. Es gab einen Schlagabtausch, so kurz, dass ihn die Zeugen kaum wahrgenommen haben. Am Ende verließ ein 21-jähriger Tölzer den Freiluftring in der Nähe des Bahnhofs mit einem blauen Auge. Der Kontrahent (20), ebenfalls in Bad Tölz wohnhaft, musste sich wegen der Auseinandersetzung, die sich am 16. September 2016 zugetragen hatte, vor dem Jugendrichter verantworten (wir berichteten). Am zweiten Verhandlungstag wurde er vom Vorwurf der Körperverletzung freigesprochen.

Verurteilt wurde der junge Mann aber trotzdem: Weil bei einer Polizeikontrolle in München 0,65 Gramm Marihuana in seinem Auto gefunden wurden, muss er 300 Euro an die Caritas-Suchtberatung bezahlen.

Der Produktionshelfer, der nach eigener Aussage wegen seines Veilchens und einer geschwollenen Wange eine Woche lang nicht arbeiten konnte, schilderte vor Gericht lebhaft, wie der ihm gut bekannte Angeklagte „aus dem Nichts“ zugeschlagen habe. „Er kam auf mich zugerannt, drehte mich um, gab mir ein paar Schläge, ging wieder zu seinem Auto und fuhr davon“, berichtete der mehr als einen Kopf kleinere und mindestens eine Gewichtsklasse unter dem durchtrainiert wirkenden Beschuldigten angesiedelte 21-Jährige.

Der Angeklagte hingegen erklärte, er habe lediglich beim Bankautomaten Geld abheben wollen, als er von dem mit mehreren Leuten in der Nähe stehenden ehemaligen Freund in einen verbalen Streit verwickelt worden sei. Dann habe der andere plötzlich mit erhobenen Fäusten vor ihm gestanden. „Er lief um mich herum und hat geschlagen. Da habe ich ihn mit einer Faust auf Distanz gehalten“, bestätigte der angehende Elektroniker. „Ich wollte mich nicht anfassen lassen.“

Wegen der unterschiedlichen Schilderungen wurden am zweiten Verhandlungstag drei weitere Zeugen angehört. Doch deren Wahrnehmungen konnten nur wenig zur Klärung beitragen. „Wir waren ja alle befreundet, deshalb habe ich ihn gar nicht richtig wahrgenommen, als er gekommen ist“, sagte eine 19-jährige Schülerin. Ein anderer erinnerte sich, dass „es lauter geworden ist“, als die zwei Streithähne (wohl wegen eines Mädels) aufeinander trafen. Sein Freund (20) berichtete: „Wie es losging, habe ich nicht gesehen. Aber die Bereitschaft zu schlägern war bei beiden da. Beide hatten ihre Hände in Boxhaltung oben.“

Für Verteidiger Jost Hartman-Hilter war der Fall klar. „Mein Mandant hat sich nur gewehrt. Weil der andere nicht aufhörte, tat er das dreimal“, sagte der Rechtsanwalt. Er widersprach damit der Staatsanwältin, die eine Notwehrsituation für den Angeklagten nicht erkennen konnte. Sie beantragte, gegen den 20-Jährigen 300 Euro Geldstrafe sowie zwei Freizeitarreste zu verhängen.

Jugendrichter Urs Wäckerlin verurteilte den bereits viermal wegen kleinerer Delikte vorbelasteten Heranwachsenden lediglich wegen unerlaubten Drogenbesitzes zu einer Geldbuße. Eine Verurteilung wegen Körperverletzung könne er nicht mittragen, weil sich aus den Zeugenaussagen kein klares Bild ergebe. „Eine Notwehrsituation ist nicht auszuschließen“, erklärte Wäckerlin.

Rudi Stallein

Rubriklistenbild: © dpa

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