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Viele kleine Freundinnen: Ursula Pächter sucht mit einer Kleinanzeige einen Käufer für ihre Puppensammlung.

Die Fundgrubengeschichte

Die kleine Puppe, die Weihnachten bedeutet

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Eine Kleinanzeige, oft sind das nur zwei knappe Zeilen. Doch hinter ihnen verbirgt sich manch spannende Geschichte. Zum Beispiel die einer kleinen Puppe, die für eine Tölzerin Weihnachten bedeutet.

Ursula Pächter (Name geändert) erlebt dieses Jahr ihr 80. Weihnachten. Doch in all den vielen Jahren ist nie ein Weihnachten an das Fest im Jahr 1945 herangekommen. Ursula Pächter war ein kleines Mädchen – und lernte damals, um was es Weihnachten geht.

Es war das Jahr, in dem ihre Familie aus der Tschechoslowakei vertreiben worden war. Alles mussten sie zurücklassen. Sogar die wunderschöne Puppe, die die kleine Ursula gerade erst geschenkt bekommen hatte. „Ich habe furchtbar geweint“, erzählt sie. „Meine Mutter versprach mir damals, dass wir bald wiederkommen würden.“ Es war ein Versprechen, das ihre Mutter nicht halten konnte.

Den Heiligen Abend 1945 erlebte die Familie in einer Ein-Zimmer-Wohnung in Österreich. Die vier Geschwister teilten sich ein Bett, Mutter und Großmutter schliefen daneben auf dem Fußboden. „Abends klopfte es plötzlich an der Tür“, erzählt Ursula Pächter. Es waren die Nachbarn, die der Familie Geschenke brachten. Darunter war auch eine kleine Puppe für Ursula.

Die Tölzerin hat sich in ihrem langen Leben noch viele Puppen gekauft. Sie wurde Sammlerin. Aber nie hat sie diese eine Puppe vergessen, die damals alles war, was sie hatte.

Jedes Jahr Weihnachten erinnert sich Ursula Pächter an diesen Abend 1945 zurück. Meistens mit einem Lächeln. Doch dieses Jahr ist ihr das Lächeln schwer gefallen – die Bilder aus Syrien, die sie fast täglich in den Nachrichten sieht, haben sie traurig gemacht. Und nachdenklich. Sie weiß, wie es sich anfühlt, alles zurücklassen zu müssen.

Je länger Ursula Pächter über die Familien in Aleppo nachgedacht hat, um so sicherer wurde sie sich, dass es an der Zeit ist, sich von einigen ihrer Puppen zu trennen. Die Sammlung ist zu groß geworden. Der Zeitpunkt fühlt sich nun richtig an, um nach Käufern zu suchen.

Dazu hat Ursula Pächter eine Kleinanzeige aufgegeben. „Ich möchte meine Puppen in die Hände von jemandem geben, der nachvollziehen kann, was sie mir bedeuten“, sagt sie. Sie hofft, dass ihr das Inserat bei der Suche hilft. Die Puppe, die sie Weihnachten 1945 geschenkt bekam, wird sie natürlich behalten. Auch wenn sie sie als Erinnerung an diesen besonderen Abend nicht bräuchte. Es war ihr unvergesslichstes Weihnachten.

Die Kleinanzeige

Löse meine Puppen- und Porzellanfigurensammlung auf Z 08041/2183.

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