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Gleitschirmflieger am Brauneck: Während des G7-Gipfels wird es solche Bilder nicht geben.

Sperrgebiet über dem Tölzer Land

G7-Flugverbot: Irrsinn oder gerechtfertigt?

Bad Tölz-Wolfratshausen - „Völlig überzogen, absolute Katastrophe“: So bewerten viele Luftsportler im Landkreis das Flugverbot anlässlich des G7-Gipfels in Elmau. Andere klassifizieren das als „Rumgejammere“ – und unterstützen die Sicherheitsvorkehrungen.

Vor ein paar Wochen landete ein Königsdorfer Segelflieger in der Nähe der Gemeinde Krün. Zu wenig Thermik, auf einer großen Wiese musste er runter. „Wenige Minuten später war die Polizei da. Unser Pilot wurde sofort als potenzieller Täter eingestuft“, erinnert sich Mathias Schunk, Sprecher des Segelflugzentrums (SFZ) Königsdorf.

15 Autominuten sind es von Krün (Landkreis Garmisch-Partenkirchen) bis zum Schloss Elmau, wo am 7. und 8. Juni der G7-Gipfel stattfindet. Fälle wie der des Königsdorfer Segelfliegers verdeutlichen: Die Bundesregierung setzt alles daran, um vor dem Treffen der sieben Staatschefs auch das minimalste Gefahrenpotenzial zu zerstreuen. Bis zu 15 000 Polizisten sollen rund um den Gipfel im Einsatz sein. Viele von ihnen werden an den beiden Tagen in der Luft sein: Die Hubschrauberstaffel der Bundespolizei befördert Merkel, Obama und Co. direkt vor die Pforten des Schlosses. Vor allem aber sind Helikopter und andere Maschinen am Himmel, um sicherzugehen, dass sich dort niemand anderes tummelt. Das Bundesverkehrsministerium hat ein komplettes Flugverbot erlassen. Es reicht von Ingolstadts Norden über München bis zur österreichischen Grenze. Und es betrifft alle, die nicht nach Instrumenten, also „auf Sicht“ fliegen. Damit sind nicht nur Segel-, Gleitschirm- und Drachenflieger gemeint, sondern auch sogenannte „unbemannte Luftfahrtsysteme“. Drohnen zum Beispiel.

„Wenn mein Sohn an diesen Tagen mit seinem Modellflieger vor die Türe geht, macht er sich strafbar“, sagt Schunk. Er selbst startet im Sommer jede Woche in der Segelflug-Bundesliga. Am ersten Juni-Wochenende müssen die SFZ-Piloten wohl auf einige Punkte verzichten. „Für uns ist das eine absolute Katastrophe.“ Schunk hält die Maßnahme für „nicht zielführend: Einen Terroristen interessiert diese Flugverbotszone doch am wenigsten.“

Kritik übt auch Werner Jakobus von der Luftsportvereinigung (LSV) Greiling. „Das Sperrgebiet ist enorm. Das ist völlig überzogen, ein Irrsinn. Von uns geht doch überhaupt kein Gefahrenpotenzial aus. Wir kommen gar nicht bis nach Elmau.“ Die Sportler, die ihre Elektro-Drachen sonst auf dem Greilinger Flugplatz starten, weichen laut Jakobus am 7. und 8. Juni nach Südtirol aus. „Ein Hammertag mit super Thermik wäre ein verlorener“, sagt der LSV-Vorsitzende. Jakobus wird als Flugbetriebsleiter an den beiden Tagen in Greiling sein. Während der Fußball-WM 2006 in Deutschland, als es schon mal ein Flugverbot gab, seien Beamte der Landespolizei gekommen, um den Platz zu kontrollieren. „Letztendlich haben wir gemeinsam Fußball geschaut“, erinnert sich Jakobus. Er rechne damit, dass Greiling während des Gipfels von der Polizei-Hubschrauberstaffel beansprucht wird. Auf Nachfrage heißt es bei der Pressestelle der Bundespolizei allerdings: „Nach derzeitigem Stand werden keine Flugplätze im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen genutzt.“

Wenn die Regierungsoberhäupter der sieben wirtschaftsstärksten Nationen der Welt zusammenkommen, sind die Sicherheitsvorkehrungen strenger denn je. „Ob wir das toll finden, oder nicht, steht nicht zur Diskussion. Es ist gerechtfertigt“, sagt Christoph Reiter. Der Vorsitzende der Gleitschirmfreunde Kochel spielt ein Szenario durch: „Theoretisch könnten wir mit dem Gleitschirm am Jochberg starten und bis nach Elmau kommen.“ Reiter versteht die übermäßige Vorsicht – und entwirft ein zweites mögliches Bild: „Klar, dass die nervös werden, wenn sich ein Segelflieger dem G7-Gipfel nähert. Die haben bis zu 200 Sachen drauf.“

Reiter besitzt nicht nur einen Segelflug-, sondern auch einen Berufspilotenschein. Er darf eine Boeing 727 steuern. Nicht nur das Flugverbot sieht er differenzierter. Derzeit steht Reiter im Austausch mit der deutschen Luftwaffe. Die teste derzeit das Transportflugzeug Transall C-160 und überquere dabei gelegentlich das Loisachtal – laut Reiter auf lediglich 400 Metern Höhe. „Für uns Gleitschirmflieger ist das lebensgefährlich.“ Tobias Gmach

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