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Rainer Lengl (im roten Pullover) ist in Sachen Holz ein gefragter Fachmann. Heuer im Sommer beriet er in Argentinien eine Möbelfabrik – mit Erfolg: „Die Holztrocknung klappt jetzt prima, und die Energiekosten konnten gesenkt werden“, hat der Gaißacher unter anderem als Rückmeldung bekommen.

Im Porträt: Rainer Lengl für den SES

Die Arbeit ruft – auch im Ruhestand

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Rainer Lengl ist eigentlich schon seit acht Jahren im Ruhestand – doch für seinen Beruf ist er noch viel im Einsatz. Der 75-jährige Holztechniker ist für den „Senior Experten Service“ (SES) weltweit unterwegs.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Der „Senior Experten Service“ (SES) ist als Stiftung der Deutschen Wirtschaft für internationale Zusammenarbeit weltweit tätig „Es heißt auch gerne: Der SES ist SOS“, sagt Rainer Lengl schmunzelnd. Der Gaißacher ist einer von vielen Senioren, die ihre Erfahrungen nach einem erfolgreichen Berufsleben gerne noch weitergeben möchten. „Außerdem bleibt man dabei selbst fachlich fit, weil man sich ja ständig weiterbilden muss.“

Der SES mit Sitz in Bonn ist eine ehrenamtliche Entsendeorganisation, die unter anderem von den Spitzenverbänden der deutschen Wirtschaft und dem Entwicklungshilfeministerium getragen wird. Unternehmen aus aller Welt können sich beim SES melden und um Hilfe bitten. Erfüllen sie die Anforderungen, werden sie in ein Förderprogramm aufgenommen – das heißt, ein Experte aus Deutschland kommt ehrenamtlich für einen gewissen Zeitraum, um Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Unterstützt werden kleine und mittelgroße Unternehmen, aber auch Behörden, Schulen sowie soziale und medizinische Einrichtungen. Die Experten arbeiten hauptsächlich in Entwicklungs- und Schwellenländern. Seit Gründung des SES 1983 wurden mehr als 50 000 ehrenamtliche Experteneinsätze durchgeführt.

Rainer Lengl ist seit 2011 einer dieser Experten. Das Leben im Ausland ist ihm nicht fremd. Der gebürtige Münchner, der seit Mitte der 1980er-Jahre im Isarwinkel lebt, ist gelernter Schreiner und ging nach seiner Meisterprüfung aufs Holztechnikum in Rosenheim. Schon kurz nach dem Abschluss als Diplom-Ingenieur für Holztechnik zog es Lengl ins Ausland, und zwar unter anderem über die Vereinigten Werkstätten München. Über dieses Netzwerk bekam Lengl in den folgenden Jahrzehnten Arbeitsaufträge in aller Welt, etwa als Betriebs- oder Projektleiter.

Lengls Schwerpunkt ist die Massivholzplattenindustrie. „Es waren immer tolle Stellen“, sagt der 75-Jährige, der seit einigen Jahren in Gaißach lebt. „Ich habe immer versucht, fünf bis sieben Jahre an einem Ort zu bleiben.“ Während seiner Zeit in Südkorea wurden die Vereinigten Werkstätten mit dem Innenausbau eines Konferenzzentrums in Kuwait beauftragt. Lengl betreute sowohl die Planung und Ausführung des Großprojekts in Südkorea als auch die Montagearbeiten vor Ort in Kuwait. Gearbeitet hat Lengl unter anderem auch in Algerien und Saudi-Arabien, ebenso in der Schweiz, Österreich, Lettland und in der Slowakei. „Es hat mich immer gereizt, mich auf neue Kulturen und Mentalitäten einzulassen“, sagt er. Sich beruflich auf Englisch zu verständigen, ist ihm nicht fremd.

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Als Lengl vor acht Jahren in den Ruhestand ging, wollte er nicht die Hände in den Schoß legen und meldete sich beim SES. „Ich bin einfach gerne unterwegs“, sagt Lengl lächelnd. Mittlerweile war er ehrenamtlich in Rumänien, in Kasachstan, China, Bolivien, Bulgarien, Bosnien, Serbien, im Libanon und in Argentinien, jeweils für ein paar Wochen im Jahr. Bei umfangreichen Projekten gibt es hin und wieder Folgeeinsätze.

Mitte August kam Lengl von seinem zweiten Argentinien-Aufenthalt zurück. Der SES hatte ihn in die Stadt Orán im Norden des Landes geschickt. Dort hatte eine Möbelfabrik, spezialisiert auf Massivholzmöbel aus Eukalyptus, neben anderen Themen um Hilfe bei der Verbesserung der Arbeitsabläufe und beim Qualitätsmanagement gebeten. „Auf einer betriebseigenen Eukalyptus-Plantage zu sein, war etwas ganz Neues für mich“, sagt Lengl. Der mittelständische Betrieb mit 80 Mitarbeitern brauchte Unterstützung in vielen Bereichen. Lengl war vier Wochen dort und beschreibt es als „einen meiner umfassendsten Einsätze“.

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Von der Produktionsplanung und -steuerung über die Fertigungstechnik bis hin zur Ermittlung von betriebswirtschaftlichen Kennzahlen war für Lengl alles dabei. Es ging zum Beispiel darum, wie und wann die Bäume gefällt und transportiert wurden, wie man sie sägte, lagerte, trocknete und schließlich das Holz weiterverarbeitete. Lengl begutachtete unter anderem die Verschnittsätze, also das Verhältnis zwischen Holzeinsatz und Endprodukt.

Zugute kam ihm dabei, dass er im Jahr zuvor schon eine andere Eukalyptus-Plantage in Argentinien kennengelernt hatte. „Die Unterschiede beim Holz von Plantagenstämmen und natürlich gewachsenen Bäumen sind gravierend“, berichtet der 75-Jährige.

In der Regel verschafft sich Lengl bei einem Einsatz in drei bis vier Tagen einen Überblick über die Lage des Betriebs, erstellt dann eine Analyse, erarbeitet Verbesserungsvorschläge und realisiert diese mit der Firma. „In Orán war die Sägewerkstechnik miserabel“, erinnert er sich. „Der Einschnitt hatte zu viel Übermaß, und das Stapeln der Hölzer war nicht sorgfältig, was zum Verziehen der Bretter nach dem Trocknen führte.“

Auch die maschinelle Hobeltechnik musste verbessert werden. Viele Werkzeuge waren stumpf. Lengl stellte unter anderem die Maschinen neu ein und zeigte, wie man den Trocknungsprozess optimieren kann. „Man kann mit einfachen Mitteln viel verbessern“, weiß Lengl aus Erfahrung. Seine Vorschläge wurden gut aufgenommen: „Vom Hilfsarbeiter bis zum Manager.“

Der Gaißacher braucht für diese Arbeit sehr viel zwischenmenschliches Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl. Zudem erfährt er viel über die wirtschaftliche und politische Lage sowie die kulturelle Prägung eines Landes. In Korea, erinnert er sich, müsse man Kritik zum Beispiel immer positiv formulieren. In Argentinien waren die Menschen sehr offen. „Die Familie des Firmenchefs hat mich sogar zum Essen eingeladen.“ Der SES quartiert seine Ehrenamtlichen während des Einsatzes in einem Hotel oder Gästehaus ein. „Meistens arbeite ich von 7 Uhr früh bis 19 Uhr abends“, sagt Lengl. „Auch samstags. In vielen Ländern ist das ein ganz normaler Arbeitstag.“

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Lengl kennt sich gut mit Maschinen aus und verfügt über Kontakte zu deutschen Fachfirmen. „Oft kann ich dann im Ausland Tipps geben, wie man alte Maschinen wieder auf Vordermann bringt.“ Einige Dinge bringt er aus Deutschland mit, etwa digitale Messschieber oder Meterstäbe. „Da ist die Freude immer groß.“ Nicht nur während des Einsatzes, sondern auch danach muss Lengl vieles dokumentieren. Auch der SES braucht anschließend eine Beurteilung.

Oft hat Lengl mit den Firmen auch danach noch längere Zeit Kontakt. Derzeit freut er sich sehr, dass seine Verbesserungsvorschläge in Orán so gut umgesetzt werden: „Die Holztrocknung klappt jetzt prima, und die Energiekosten konnten gesenkt werden“, nennt er ein Beispiel.

Lengl engagiert sich beim SES aber noch an anderer Stelle. Im Projekt „VerA“ geht es darum, Ausbildungsabbrüche von jungen Menschen zu verhindern. Deshalb hat Lengl auch immer wieder Einsätze im Tölzer Land.

Der nächste Auslandseinsatz steht jedoch schon bald bevor und wird Lengl im Winter nach Eritrea führen, danach wird Kasachstan folgen, sagt der 75-Jährige. „Es wird sicher nicht der letzte Einsatz sein, da sich die Anfragen bereits häufen.“

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