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Probesitzen: Roland Ampenberger (l.) und ZSA-Gründungsvater Thomas Griesbeck im neuen Flugsimulator, der jetzt in Gaißach steht.

Bergwacht-Zentrum in Gaissach

Wo unsere Retter das Retten lernen

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Gaißach - Realistischer geht’s nicht: Im frisch erweiterten Bergwacht-Zentrum bei Bad Tölz steht den Rettern künftig nicht nur ein weltweit einzigartiger Flugsimulator zur Verfügung. Die Helfer können auch Höhlen-Einsätze nachstellen und sogar das Wetter in den Bergen simulieren. Ein Besuch.

Im Ernstfall kann jeder Fehler fatale Folgen haben. Jeder Griff muss sitzen, jedes Handzeichen muss klar sein, wenn die Mitglieder der Bergwacht zum Beispiel die Gondeln einer Seilbahn evakuieren, weil die stehen geblieben ist. Damit die Helfer in solchen Stress-Situationen die Nerven behalten, hilft nur eines: Routine.

Und diese Routine lernen die Retter im Bergwacht-Zentrum für Sicherheit und Ausbildung (ZSA) in Gaißach. Auf 1750 Quadratmetern haben die Mitglieder von Bergwacht, Bundeswehr, Polizei und Co. ab heute die Möglichkeit, so gut wie alles zu trainieren, mit dem sie in der Wirklichkeit konfrontiert werden könnten. Und das unter extrem realistischen Bedingungen. Zu diesem Zweck hat allein der Freistaat Bayern 3,6 Millionen Euro in die Erweiterung der 2008 erbauten Halle investiert. Insgesamt kosteten der zirka 250 Quadratmeter große Anbau, die Entwicklung eines zweiten Flugsimulators und der Ausbau der Trainingsbereiche 4,9 Millionen Euro.

Was für das Geld alles gemacht worden ist, erklärte ZSA-Gründungsvater Thomas Griesbeck, 48, unserer Zeitung schon vor der offiziellen Wiedereröffnung am heutigen Freitag. Ebenfalls mit dabei: Roland Ampenberger, Vorstand der Stiftung Bergwacht, der das ZSA gehört und die es auch betreibt. Ein Rundgang durch das Bergwacht-Zentrum 2.0:

Der Flugsimulator

Im Mittelpunkt des Trainingsbetriebs steht weiterhin die Berg- und Luftrettung. Schon vor der Erweiterung galt das ZSA als Übungsmekka, das seinesgleichen sucht. Ob die „Königlich Australische Marine“ oder chinesischer First Responder: „Wir hatten schon Rettungskräfte aus über 20 Nationen hier“, sagt Griesbeck, der auch stellvertretender Geschäftsführer der Bergwacht Bayern ist. Viele von ihnen dürfte es erneut in den Isarwinkel ziehen, wenn sie hören, was die österreichische Firma AMST-Systemtechnik für weit über eine Million Euro für das Bergwacht-Zentrum entwickelt und gebaut hat: einen weltweit einzigartigen Flugsimulator, den sogenannten „Rescue Hoist Trainer“.

„Unsere Erwartungen sind massiv übertroffen worden“, sagt Griesbeck. Und das liegt nicht nur an der Sitzheizung, für die die Rettungskräfte während der oft mehrstündigen Übungseinheiten in der unbeheizten Halle künftig noch sehr dankbar sein dürften. Das Besondere an dem Simulator ist die Möglichkeit, dass die Einsatzkräfte verschiedene Hubschrauber-Typen auswählen können. „Jedes Modell hat eine andere Rettungswinde“, erklärt Griesbeck. An dem neuen Simulator können sie alle Möglichkeiten durchspielen.

Ebenso wie die alte Hubschrauber-Zelle hängt der „Rescue Hoist Trainer“ frei beweglich an einer Kran-Brücke, an der der Helikopter quasi durch die Halle fliegen kann. Ventilatoren sorgen auf Knopfdruck für starken Wind von oben, so dass die Besatzung das Gefühl hat, als würden die Rotoren des Helikopters tatsächlich laufen. „Sogar der entsprechende Lärmpegel kann eingespielt werden“, sagt Griesbeck. Auch Rettungshunde werden im ZSA an die stressigen Rahmenbedingungen eines echten Heli-Einsatzes gewöhnt.

Ein weiterer Pluspunkt: „Im Gegensatz zu unserem ersten Simulator darf das neue Modell nass werden“, sagt Roland Ampenberger von der Stiftung Bergwacht.

Der flutbare Trainingsbereich

Nicht umsonst verfügt das Bergwacht-Zentrum seit seiner Erweiterung über einen flutbaren Trainingsbereich. 400 Kubik Wasser passen in die Vertiefung in der Mitte der transparenten Halle. Das Becken kann auch in einen Strömungskanal verwandelt werden. „Das Gemeine daran ist, dass man darin nicht stehen kann“, sagt Griesbeck. Wie so oft bei echten Einsätzen müssen die Retter deshalb schwimmend die Verunglückten sichern und zum Hubschrauber aufwinschen – eine extreme Belastungsprobe.

Direkt an das Becken schließt sich ein Trainingshäuschen an, dessen Dach und Balkon die Einsatzkräfte zum Beispiel dazu nutzen, um die Rettung eines Flutopfers nachzustellen. Im Keller des Hauses fühlt man sich ein bisschen wie in einem Aquarium: große Fensterscheiben ermöglichen es den Ausbildern, das Geschehen im Wasser zu beobachten. Das ist nötig, wenn die Wasseroberfläche mit Kunststoffplatten abgedeckt wird, um eine Eisdecke zu simulieren. „Von oben aus hat man dann keine Sicht mehr ins Wasser“, sagt Ampenberger. Dank der Fenster können die Ausbilder trotzdem sehen, ob sich die Taucher unter Wasser richtig verhalten, wenn sie üben, einen Menschen zu retten, der im Eis eingebrochen ist.

Die meiste Zeit des Jahres wird der flutbare Trainingsbereich aber trocken bleiben, schätzt Griesbeck. Stattdessen wird das Becken dann mit Hilfe von schrägen Wänden so präpariert, dass die Rettungskräfte einen Einsatz im steilen Gelände nachstellen können.

Die Höhlen-Gänge

Zur Wiedereröffnung nicht ganz fertig geworden sind die beiden Höhlen-Gänge, die im Keller des Trainingshauses beginnen. Sie bestehen derzeit noch aus nacktem Beton. Doch Griesbeck hat bereits ein genaues Bild vor Augen, was hier künftig alles möglich ist: „Mit ein paar dunklen Decken, die das Licht schlucken, einigen Felsbrocken, die die Gänge verengen, und vielleicht ein paar Spinnen kann man hier schon bald richtig realistisch eine Höhlenrettung nachstellen“, sagt er.

Durch eine entsprechende Geräuschkulisse will Griesbeck die Illusion perfekt machen. „Es wäre kein Problem, den Sound von fließendem Wasser einzuspielen.“

Das Schacht-System

Die beiden Tunnel enden nach zirka 15 Metern unter einer Art Gerüstsystem. Darin gibt es Kletterwände, die ohne großen Aufwand auch zur Fassade eines Hochhauses ummodelliert werden könnten. Das Gerüstsystem beinhaltet aber auch Laufgänge, von denen aus die Ausbilder das Geschehen verfolgen können. Etwa, wenn die Einsatzkräfte trainieren, einen Verunglückten aus einer Windkraftanlage zu retten. Zu diesem Zweck gibt es einen 18 Meter hohen Schacht, der über den beiden Höhlen-Kriechgängen beginnt. „Das ist nichts für schwache Nerven“, sagt Griesbeck und grinst.

Der Bergwetter-Raum

Warm anziehen müssen sich die Einsatzkräfte im Bergwetter-Raum. Bis zu minus 20 Grad können in der etwa acht Meter hohen Kammer erzeugt werden, die wie ein überdimensionaler Kühlschrank aussieht. „Wir hoffen, dass wir bis Mitte des Jahres fertig werden“, sagt Ampenberger. Dann können die Rettungskräfte zum Beispiel die Versorgung eines Patienten unter extremen Wetterbedingungen üben. Wie beim Flugsimulator werden auch hier starke Ventilatoren Wind erzeugen können, der den Helfern das Leben zusätzlich schwer macht. „Aber so ist es eben oft auch bei einem echten Einsatz“, sagt Griesbeck.

Ebenfalls möglich wäre, dass in dem Bergwetter-Raum ein Eisberg angelegt wird, an dem die Rettungskräfte das Abseilen über längere Distanzen üben können.

Der Schockraum

Um den Ablauf eines realen Notfalleinsatzes möglichst authentisch nachspielen zu können, sind in dem neuen Anbau im Norden der Halle zwei Simulationsräume entstanden, die einmal genau wie eine Leitstelle und die Bergrettungswache eingerichtet werden sollen. Neben einem Materiallager samt Ausgabe und Umkleidemöglichkeiten sind auch ein echter Krankenhausaufzug sowie ein Schockraum in dem Neubau entstanden – alles so originalgetreu wie möglich.

„Von der Alarmierung über die Versorgung und den Transport des Patienten bis hin zur Übergabe im Krankenhaus können wir im ZSA jetzt wirklich die komplette Rettungskette nachstellen“, sagt Thomas Griesbeck. „Das ist nicht nur gut für die Einsatzkräfte, sondern auch für alle Menschen, die im Ernstfall auf deren Hilfe angewiesen sind.“

Einweihung des erweiterten Bergwacht-Rettungszentrums in Gaißach

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