In Jägerpose: Dieses Foto von sich schickte Kaspar Haslinger Bekannten aus Reichersbeuern. Es zeigt ihn als 43-Jährigen im Jahr 1901.
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In Jägerpose: Dieses Foto von sich schickte Kaspar Haslinger Bekannten aus Reichersbeuern. Es zeigt ihn als 43-Jährigen im Jahr 1901.

Kaspar Haslinger starb heute vor 100 Jahren

Blick in die Geschichte: Wilderer-Krimi um einen Polizistenmord im Isarwinkel

Es ist schon über 100 Jahre her, aber die alte Geschichte um den „Lexenkaspar“ Kaspar Haslinger aus Gaißach lebt immer wieder auf. Heute vor 100 Jahren ist der Wilderer gestorben. Was war damals passiert?

Gaißach - „Den Lexenkaspar kennt hier jeder“, heißt es im Dorf, wenn man auf Kaspar Haslinger zu sprechen kommt. Er ist im 19. Jahrhundert der bekannteste Gaißacher Wildschütz gewesen und im September 1886 unter Mordverdacht geraten. Mit diesem schlimmen Makel behaftet, sah er für sich keine Lebensbasis mehr in seiner Heimat und ist nach Amerika ausgewandert.

Die ungesühnte Tat spukt hier bis heute im kollektiven Gedächtnis herum. Mit seiner Vita hat es Haslinger sogar zu einem Wikipedia-Eintrag gebracht. Vor hundert Jahren, am 19. Juli 1921, ist er in Terre Haute (Indiana) gestorben. Eine Spurensuche.

Kaspar Haslinger wurde am 30. Juli 1858 auf dem elterlichen Bauernhof „zum Lex“ geboren, der sich urkundlich belegt seit 1606 im Besitz der Familie befindet. Der Hof war nach altem Brauch seinem erstgeborenen älteren Bruder Michael zugesprochen, während Kaspar dort in der ihm zugedachten Rolle als lediger „Dienstknecht“ aufwuchs. So war das Zusammenleben in der bäuerlichen Kultur jener Zeit geregelt – auch auf dem Lexenhof.

Mit dieser wenig rosigen Lebensperspektive hat Kaspar Haslinger schon als junger Mann regelmäßig im Isarwinkel und weit darüber hinaus gewildert. Die Jagd war noch ein Privileg und Zeitvertreib des Adels. Forstbeamte und andere vom Landesherrn legitimierte Personen übernahmen Schutz, Pflege und Überwachung des Jagdreviers. Alle damit illegal gewordenen Jäger wurden als Wilderer angesehen, wie Verbrecher behandelt und entsprechend drakonisch bestraft.

Wildschützen gehörte die Sympathie des einfachen Volkes

Es mutet erstaunlich an, wie weit diese Männer früher herumgekommen sind und wie gut sie auch vernetzt waren. Dazu sagt Haslingers Ururgroßneffe Kaspar Fischer, der heute – fünf Generationen später – den Lexenhof bewirtschaftet: „Als Hüter auf ausgedehnten Waldweideflächen und als Holzarbeiter hatten sie einen großen Radius, häufig haben sie bei ihrer Arbeit in Rindenkobeln übernachtet.“

Wildschützen gehörte die Sympathie des einfachen Volkes. Sie wurden von der armen Landbevölkerung wie Helden verehrt. Doch trotz aller beschönigenden Romantik darf nicht verkannt werden, dass ihre unstillbare Jagdleidenschaft sie bisweilen auch zu Verbrechern werden ließ, denen ein Menschenleben wenig bedeutete. Wenn sich Jagdaufseher und Wildschützen in die Quere kamen, dann gab es auf beiden Seiten immer wieder Tote. Ein zynisches Prinzip der Wildschützen lautete: „Da gschwinda is da gsünda.“

Es gibt eine durchaus erheiternde Episode, die im Jagdkultur-Atlas erzählt wird, einem Online-Portal des Bayerischen Jagdverbands: Demnach soll Kaspar Haslinger zusammen mit einem Wildschützen namens „Wastl“ aus Tirol einmal im Wallgauer Revier hinter einem kapitalen 36-Ender her gewesen sein, der für den König reserviert war und vom Jäger Donatus bewacht wurde. Ihm sollen sie beim Aufeinandertreffen beide Knöpfe seiner Lederhose und den Hosenlatz abgeschnitten haben, worauf dieser entblößt und unter ihrem Gelächter das Weite gesucht habe. Doch bald wurde daraus blutiger Ernst.

Flucht nach Schusswechsel

Am 1. Dezember 1883 wilderte Kaspar Haslinger mit einem Freund im Jagdgebiet von Herzog Carl Theodor am Tegernsee. Dabei wurde er vom Jagdgehilfen Hansel Scheidter gestellt, der ihm eine Ladung Schrot auf die Brust und ins Gesicht schoss. Haslinger gelang zwar die Flucht, doch aufgrund seiner entstellenden Verletzung hielt er sich länger versteckt, bis er von Gendarmen in Lenggries aufgespürt und anschließend zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt wurde.

Was dann passierte, wird in der Familie so erzählt: Nach der Haftentlassung ging Kaspar Haslinger mit einem bis dahin unbescholtenen Freund aus Oberfischbach in der Nacht auf den 14. September 1886 erneut zum Wildern in die Stallau, wo sich zwei Gendarmen auf Nachtpatrouille an ihre Fersen hefteten. Der ältere, erfahrene Polizist soll ihm noch „lass sie laufen“ zugerufen haben, doch der 19-jährige Johann Neuner aus Mutmannsreuth (bei Bayreuth), der gerade erst die Königliche Gendarmerieschule in München abgeschlossen hatte, ließ sich von den zwei Wilderern nicht abschütteln.

Haslinger sprang flink über ein Viehgatter, doch sein Freund Johann Baptist Pföderl blieb an diesem Hindernis hängen und soll daraufhin den ihn verfolgenden Neuner getötet haben.

28-Jähriger wurde geächtet

Beide konnten entkommen, doch schnell geriet Haslinger ins Visier der Fahnder. Am 22. September vermeldete unsere Zeitung: „Kaspar Haslinger vulgo Lexenkaspar von Gaißach, welcher erst im heurigen Frühjahr nach Verbüßung einer Gefängnisstrafe wegen Wilderns aus dem Zuchthause entlassen wurde, ist wegen dringenden Verdachtes der Ermordung des Gendarmen Neuner verhaftet worden.“ Doch Haslinger bestritt jede Tatbeteiligung und verriet auch den Täter nicht. Weil ihm nichts nachgewiesen werden konnte, musste man ihn wieder auf freien Fuß setzen.

Doch dem 28-Jährigen wurde klar, dass er nun perspektivlos und ein Geächteter war. Daher fasste er den schweren Entschluss, nach Amerika auszuwandern. Nachdem er sich bei einem heimlichen Treffen noch sein Heiratsgut, also seinen Pflichterbteil hatte aushändigen lassen, machte er sich bei Nacht und Nebel auf den Weg nach Venedig, um sich dort einzuschiffen. In Innsbruck erklärte er noch einem Bekannten, sich fortan Kaspar Hirschmann zu nennen. In Südtirol, so nimmt Kaspar Fischer an, habe er noch seine spätere Frau Maria kennengelernt, mit der er sich in Indiana im mittleren Westen niederließ und eine Familie gründete.

Über die Postadresse von Bekannten aus Reichersbeuern hat Haslinger den Kontakt zu seinen Angehörigen aufrechterhalten. Er hat ihnen auch ein Foto geschickt, das ihn als 43-Jährigen in Jägerpose zeigt. Wie Kaspar Fischer sagt, habe er in seinen Briefen auch sein großes Heimweh zum Ausdruck gebracht und beteuert, dass er nicht der Täter gewesen sei. Erst später habe sich dieses Rätsel auf dramatische Weise aufgelöst: Auf seinem Sterbebett habe der Todesschütze Pföderl aus Oberfischbach den Mord gebeichtet und seine Angehörigen darum gebeten, die Verwandten von Kaspar Haslinger darüber zu informieren.

Schicksalsschläge für den wirklichen Mörder

Wenn es so etwas wie den Fluch der ruchlosen Tat geben sollte, dann scheint er sich in diesem Fall auf schlimme Weise erfüllt zu haben: Denn Pföderl traf auch zu Lebzeiten ein schweres Schicksal: Kurz nach der Hochzeit des Hoferben Pföderl (Moarbauer) war seine Frau schwanger. Er hatte also viel zu verlieren. Die Eheleute bekamen Zwillinge, die aber bald nach der Geburt starben. Keine zwei Jahre nach der Tat, am 23. August 1888, ist auch er selbst verstorben. Damit gab es keine Nachkommen mehr und der Hof kam in andere Hände.

Kaspar Haslinger ist 63-jährig nach schwerem Leiden gestorben, wovon ein Sterbebild kündet, das ebenfalls in die alte Heimat gelangte, die er selbst nie wiedergesehen hat. Mit einer kleinen Sammlung von Bildern und Dokumenten halten Kaspar Fischer und seine Mutter Maria die Erinnerung an den „verlorenen Sohn“ der Familie aufrecht, doch es liegt ihnen fern, seine schlimme Tatbeteiligung zu verklären. Im Familienbesitz befindet sich auch ein achtstrophiger Text in Gstanzlform mit auskomponierter Melodie.

Heute noch gibt es ein Spottlied

Sepp Kloiber und andere Volksmusikanten haben dieses Spottlied auf die unfähige Jägerschaft im Repertoire. Kloiber hält es sogar für „möglich, dass es von Haslinger selbst stammt, die Urheberschaft ist aber nicht eindeutig geklärt“. Darin heißt es: „In Tölz do fließt die Isar durch / do kam erst kurz a Gams daher, dö hams wohl freili gfangt / Was hams gfangt? A Gams / Ja, ja, ja, do kam erst kurz a Gams daher, dö hams wohl freili gfangt.“

Haslinger hatte in Amerika eine Tochter und einen Sohn, der seine Gaißacher Familie in den 1960er Jahren einmal besucht hat. Er habe allerdings nur englisch gesprochen, wird im Dorf erzählt. (Rainer Bannier)

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