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Im Festtagsgewand – in Dirndl, Schalk und Mieder – begleiten die Mädchen und Frauen die Fronleichnamsprozession. In Gaißach führt sie über die Wiesen um den Gaißacher Berg herum. 600 bis 700 Gläubige nehmen teil.

“Der prachtvollste Tag des Jahres“

Fronleichnam in der Hochburg der Antlaßschützen

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Fronleichnam hat im Isarwinkel eine ganz besondere Bedeutung: Hier sind einige der traditionsreichsten und stärksten Antlaßschützenkompanien ansässig, die bei prachtvollen Fronleichnams-Prozessionen das Allerheiligste begleiten und beschützen.

Bad Tölz-Wolfratshausen– Festlich und prachtvoll geht es am Feiertag Fronleichnam, dem Hochfest des Leibes und Blutes Christi, überall im Landkreis zu: Die Monstranz mit dem Allerheiligsten wird – hoffentlich bei strahlendem Sommerwetter – in Prozessionen durch die Ortschaften oder über Wiesen getragen. Dem Brauch nach hat das Allerheiligste auf seinem Weg besondere, wehrhafte Begleiter: die Antlaßschützen. Eine Hochburg dieser Tradition ist der Isarwinkel. Hier sind einige der ältesten und stärksten Kompanien ansässig. Und und auch die Jugend beteiligt sich rege – Nachwuchsmangel unbekannt.

Zu den Vorbereitungen auf Antlaß gehört das Patronenmachen am Dreifaltigkeitssonntag.

Die zentrale Bedeutung von Fronleichnam tragen mehrere Isarwinkler Kompanien schon im Namen, etwa die Lenggrieser und Wackersberger „Antlaßschützen“ oder die Gaißacher „Antlaß- und Gebirgsschützenkompanie“. Antlaß ist nämlich eine andere Bezeichnung für Fronleichnam. Diese Namen betonen die Jahrhunderte alte religiöse Prägung des Schützenwesens, seine historische Ausrichtung auf den Schutz der Geistlichkeit bei der Ausübung ihrer seelsorgerischen Pflichten in den unsicheren Zeiten des 30-jährigen Kriegs, etwa vor Räubern am Wegesrand. Die Bezeichnung „Gebirgsschützen“ kam dagegen erst später auf – damit rückte das Moment der Landesverteidigung in den Vordergrund.

Dem Gaißacher Hauptmann Franz Simon ist die lange Geschichte und die Bindung an den Glauben wichtig. „Die Kompanien sind christlich geprägt, die Schützen sind Gläubige“, das ist für den 51-Jährigen untrennbar miteinander verbunden. Wie lange es die Gaißacher Kompanie schon gibt? Fest stehe, dass es Musterungsbescheide aus dem Jahr 1492 gebe, so Simon. „Deswegen hatten wir 1992 die 500-Jahr-Feier des Isarwinkler Schützenwesens.“ Vergleichsweise neuzeitlich wirkt in diesem Rahmen das älteste Foto der Gaißacher Schützen von vor rund 150 Jahren. „Unsere älteste Fahne ist nach Schätzung eines Fahnenhistorikers rund 400 Jahre alt“, sagt Franz Simon stolz.

Um die Jahrhunderte alte Geschichte seiner Kompanie weiß auch der Lenggrieser Hauptmann Kaspar Reiser (40). „Auf alten Stichen ist zu sehen, dass die Lenggrieser Antlaßschützen beim ersten Oktoberfest vertreten waren“, sagt er. 387 Lenggrieser Schützenjahrtage seien dokumentiert – womit die Kompanie nachweislich seit 1630 existiert. Dementsprechend sei die Montur über vier Jahrhunderte hinweg völlig unverändert geblieben – mit dem für Lenggries charakteristischen, etwas längeren Schützenrock.

Genauso gehört dem Schützenwesen im Isarwinkel aber offenbar die Zukunft. Unter den rund 200 Mann der Gaißacher Kompanie – inklusive Spielmannszug, Musik und Gewehrschützen –, die am Donnerstag und Sonntag die Fronleichnamsprozessionen begleiten, wird auch Franz Simons 18-jähriger Sohn sein. „Er ist zu den Schützen gegangen – und das nicht, weil ich gesagt habe, dass er muss“, berichtet der Vater. Vielmehr sei es in den einheimischen Gaißacher Familien der Normalfall, dass die Burschen „darauf warten, dass sie 16 werden“, um sich den Antlaßschützen anzuschließen. Heuer habe es zum Beispiel sieben Neuaufnahmen gegeben. Im „Handy-Zeitalter“ findet das Simon bemerkenswert. „Unser Ziel ist, dass das so weitergeht.“

13 Burschen haben die Lenggrieser Antlaßschützen dieses Jahr laut Kaspar Reiser aufgenommen. Das ungebrochene Interesse hat aus seiner Sicht einen einfachen Grund: „Brauchtum und Tradition gehören im Isarwinkel zur Lebenseinstellung.“

Zu den Vorbereitungen auf Antlaß gehört das Patronenmachen am Dreifaltigkeitssonntag.

Das gilt in gleichem Maße für die Jachenau. Wenn an Fronleichnam um die 120 Gebirgsschützen zur Prozession von der Kirche in Richtung Berg ausrücken, „dann sind wir im Verhältnis zur Einwohnerzahl prozentual gut vertreten“, sagt Hauptmann Georg Gilg (49). Die Jachenauer Gebirgsschützen können ebenfalls auf eine lange Tradition verweisen – allerdings ist sie hier nicht ganz ununterbrochen: „Erst“ 1906 wurde hier die Gebirgsschützenkompanie wiedergegründet.

Auch dem Wackersberger Hauptmann Hans Baumgartner ist die Sorge fremd, die Reihen bei den Fronleichnamsprozessionen am Donnerstag und Sonntag zu füllen. „Wir könnten mit 270 Mann ausrücken“, sagt er. Dass es wohl letztlich „nur“ um die 180 Antlaßschützen sind, liege daran, dass viele gleichzeitig Mitglied in anderen Vereinen seien und in deren Abordnungen mitlaufen. Für Baumgartner ist die Prozession „einfach eine Demonstration des christlichen Glaubens“, erklärt er.

Mit einem besonderen Hochgefühl ist Antlaß für den Jachenauer Schützenhauptmann Gilg verbunden. „Dass ist der schönste, feierlichste, prachtvollste Tag des Jahres“, sagt er. Und das liege nicht an den Schützen allein: „Jeder im Dorf zieht das gute Gewand an“, sagt Gilg, und der Gaißacher Franz Simon zählt mit Mieder, Dirndl und Schalk die traditionellen Kleidungsstücke der Frauen auf. „Fronleichnam war für mich schon als Kind das Schönste“, sagt Gilg. Damals ging er noch als Ministrant bei der Prozession mit.

Auch Kaspar Reiser nennt Fronleichnam den „schönsten Tag des Jahres“. Der beginnt für die Antlaßschützen um 6 Uhr in der Kirche mit dem Schützenamt, dem „gelobten Amt“, wie Reiser sagt, da es auf ein Gelöbnis zurückgehe. Danach bleibt kurz Zeit fürs Frühstück, bevor sich die Kompanie um 7.30 Uhr aufstellt, um zur Kirche zu marschieren, wo um 8 Uhr der Gottesdienst beginnt. Die anschließende Prozession ist der kirchliche Höhepunkt des Tages.

Nachmittags geht es mit dem gesellschaftlichen Teil weiter. Im Alpenfestsaal kämen dann „Spender und Gönner“ zusammen. Die haben für die Antlaßschützen große Bedeutung, wie Reiser erklärt: „Bei uns gibt es keinen Mitgliedsbeitrag, wir leben rein von Spenden.“ Ist Antlaß vorüber, atmet der Hauptmann am Abend tief durch. „Man ist froh, wenn alles gut geht und nichts passiert. Mit Anspannung ist der Tag schon immer verbunden.“

Prozessionen im Isarwinkel

Angegeben ist der Beginn der Heiligen Messe, anschließend Prozession: Gaißach: 9 Uhr; Jachenau: 8.30 Uhr; Lenggries: 8 Uhr; Reichersbeuern: 8 Uhr; Wackersberg: 8 Uhr; jeweils Donnerstag, 15., und Sonntag, 18. Juni. Sachsenkam: Donnerstag, 9 Uhr; Piesenkam: Sonntag, 9 Uhr.

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