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Fingerspitzengefühl für Heilige

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Von: Christiane Mühlbauer

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Die Engelsfigur aus der Asamkirche des Klosters Aldersbach wird von Bildhauerin Barbara Angerer behutsam begutachtet. Der große Zeh ist abgebrochen, und zwei Finger sowie eine Haarlocke müssen restauriert werden. 
Die Engelsfigur aus der Asamkirche des Klosters Aldersbach wird von Bildhauerin Barbara Angerer behutsam begutachtet. Der große Zeh ist abgebrochen, und zwei Finger sowie eine Haarlocke müssen restauriert werden.  © mk

In den Wiegerling-Werkstätten in Gaißach kümmert man sich seit 50 Jahren um die Restaurierung denkmalgeschützter Objekte. Sei es in Schloss Neuschwanstein, in der Frauenkirche in München oder im Kloster Benediktbeuern: Gefragt sind Fingerspitzengefühl, Geduld und Leidenschaft.

Gaißach – Barbara Angerer sitzt vor einem Engel. Die Figur stammt aus der Asamkirche des Klosters Aldersbach bei Passau, die Firma Wiegerling ist mit der Restaurierung der Altäre beauftragt. Behutsam fasst Angerer, gelernte Bildhauerin, die Zehen an, dann blickt sie auf den Korpus und auf den Kopf. Der große Zeh ist abgebrochen, zwei Finger und eine Haarlocke fehlen. Auf ihrem Tisch liegen zahlreiche Schnitzmesser, Fotos und Entwurfszeichnungen. Angerer lächelt. „Für Besucher wirkt es chaotisch, aber hier hat alles seinen genauen Platz.“

Restaurationsbetrieb vor 50 Jahren gegründet

Vor 50 Jahren gründeten Erwin Wiegerling und seine Frau Karoline († 2020) den Restaurierungsbetrieb mit damals drei Mitarbeitern. Das Grundstück an der Erlenstraße konnte Wiegerling, der eigentlich in Benediktbeuern lebt, von der Gemeinde Gaißach in Erbpacht erwerben. „Ein junges Start-up konnte sich das gerade leisten“, sagt der Firmenchef (79) lächelnd. Zug um Zug hat es Wiegerling erweitert, und zwar nach dem Vorbild einer Dombauhütte: „Für jedes Gewerk ausgebildete Spezialisten.“ Heute hat die Firma über 50 Mitarbeiter in 15 verschiedenen Gewerken. Es gibt Fachleute für die Restaurierung von Gemälden, Möbeln, Metallobjekten und Skulpturen, Schmiede und Goldschmiede sowie Kirchen-, Kunst- und Wandmaler, um nur einige zu nennen. Wiegerling führte außerdem damals noch den Bereich der Archivforschung ein, beschäftigte einen Kunsthistoriker, Architekt und Fotografen; „Es ist wichtig, so viel wie möglich über ein zu restaurierendes Objekt in Erfahrung bringen zu können.“

Die Firmenspitze (v. li.) mit Gründer und Künstler Erwin Wiegerling, Eva Wiegerling-Hundbiß (zuständig für Dokumentation und Medien), Stefan Hundbiß (Kirchenmaler und Restaurator für Wandmalerei sowie verantwortlich für die fachliche Betreuung aller Vorhaben) sowie Marcus Grill (Kaufmännischer Leiter). Hundbiß und Grill führen die Geschäfte weiter. 
Die Firmenspitze (v. li.) mit Gründer und Künstler Erwin Wiegerling, Eva Wiegerling-Hundbiß (zuständig für Dokumentation und Medien), Stefan Hundbiß (Kirchenmaler und Restaurator für Wandmalerei sowie verantwortlich für die fachliche Betreuung aller Vorhaben) sowie Marcus Grill (Kaufmännischer Leiter). Hundbiß und Grill führen die Geschäfte weiter.  © mk

Die Geschichte der Werkstatt ist verknüpft mit der Geschichte der Denkmalpflege in Bayern. 1973, berichtet Eva Wiegerling-Hundbiß, die Schwester des Firmengründers, trat das bayerische Denkmalschutzgesetz in Kraft. Vorher hätten beispielsweise Kunstmaler beim Restaurieren eines Freskos häufig ihre eigene künstlerische Handschrift einfließen lassen. Mit Einführung des Gesetzes sollten Objekte von nun an anders, sprich mit Blick auf ihre Originalität, behandelt werden. Es galt nun, das Original zu respektieren und zu konservieren. „Nicht jeder fand das gut, es gab große Diskussionen.“

Viel Diskussion über den Umgang mit Denkmälern

Fachleute für solche filigranen Arbeiten gab es Anfang der 1970er-Jahre fast nur in Osteuropa, erinnert sich Erwin Wiegerling. Zusammen mit Handwerkern aus der Region – etwa Malern, Schreinern, Schmieden und Bildhauern – baute er die Firma aus. In dem Ausbildungsbetrieb wurden seit 1972 zudem über 100 junge Frauen und Männer als Kirchenmaler ausgebildet. Mit dem neuen Gesetz erstarkte nicht nur der Denkmalschutz, sondern es begann auch die professionelle Ausbildung von Restauratoren in Deutschland, zumeist an Universitäten. Noch heute haben viele im Vorfeld eine handwerkliche Ausbildung abgeschlossen, etwa als Goldschmied oder Bildhauer. Oft sind es Frauen, die diesen Beruf anstreben. „Vielleicht liegt es daran, dass man viel Geduld braucht und sowohl künstlerisch als auch handwerklich arbeiten kann“, sagt Eva Wiegerling-Hundbiß.

Die Firma pflegt gute Kontakte zum Landesamt für Denkmalpflege. Von diesem werden werden die Restaurierungsmaßnahmen betreut und überwacht, und in Gaißach werden sie dokumentiert. Auch mit den Kunstreferaten der Diözesen Augsburg und München und den Staatlichen Bauämtern arbeiten die Werkstätten gut zusammen. Um nah vor Ort zu sein, werden auch Büros in München und Augsburg unterhalten.

Vor allem Frauen interessieren sich für das Berufsfeld

Doch nicht viele Objekte kommen wirklich nach Gaißach. „Das meiste restaurieren wir vor Ort, also in Kirchen und Gebäuden“, sagt Stefan Hundbiß, der verantwortlich ist für die fachliche Betreuung aller Restaurierungsvorhaben. „Die Sachen kommen nur dann zu uns, wenn man sie vor Ort nicht lagern kann.“

Dazu zählt gerade die Figur des heiligen Wolfgang, Namenspatron der Pfarrkirche in Lengenwang. Sorgsam wurde er auf einen Arbeitstisch gelegt. In den Ateliers der Werkstätten muss auf eine niedrige Temperatur und eine konstante Luftfeuchte von 55 bis 60 Grad geachtet werden, damit die Objekte keine Risse bekommen. Vieles für die Restaurierung wird in Gaißach selbst hergestellt, zum Beispiel Lacke nach historischen Rezepten. Seinen ersten Auftrag hatte Erwin Wiegerling am Kloster Benediktbeuern, dort renovierte er die Fassade der Bibliothek. Mittlerweile ist die Liste aller Aufträge sehr lang, darunter sind auch klangvolle Namen wie die Schlösser Neuschwanstein (Restaurierung des Mobiliars im Sängersaal) und Linderhof (Restaurierung des Schlafzimmers von Ludwig II.)

Schlafzimmer von König Ludwig II. restauriert

Für die Frauenkirche in München wurde ein im Krieg zerstörter gotischer Flügelaltar nachgebildet. Und in der Residenz wurde im Rahmen eines Forschungsprojekts mit dem Landesamt der historische Chinalack für die Neufassung des Miniaturenkabinetts rekonstruiert.

Ein großer Mitarbeiterstab war gefragt, als das gesamte Kloster Seeon komplett renoviert werden musste. Aber auch in der Region hat die Werkstatt Wiegerling schon viel gemacht, etwa die historische Marmorfassung an der Tölzer Kalvarienbergkirche und den Erhalt des Interieurs im Kochler „Schusterhaus“. Einer der schwierigsten, aber auch spannendsten Aufträge im Oberland war die Versetzung der Reinthalkapelle bei Habach (Landkreis Weilheim-Schongau) in den 1990er-Jahren, berichtet Eva Wiegerling-Hundbiß. Vor dem Abbau wurde alles nummeriert, katalogisiert und verformungsgerecht gezeichnet, dann wurde es versetzt, konserviert und gereinigt. Die Kapelle stammt von 1735, alles war noch Original. „Solche Aufträge sind ein Juwel“, sagt sie.

Denkmalpflege, sagt Eva Wiegerling-Hundbiß, bedeute Nachhaltigkeit. „Wenn man heute etwas erhalten will, dann kann man es“, sagt sie. Waren die Mitarbeiter in den vergangenen Jahrzehnten vor allem in Kirchen und Klöstern beschäftigt, so seien es heutzutage auch Privathäuser. Allerdings: „Wir sind jetzt schon wieder in einer Phase, in der es billiger ist, etwas abzureißen als es zu erhalten“, bedauert sie. Es werde wohl immer eine Herausforderung bleiben, den Wert der Denkmalpflege zu vermitteln.

Tag der offenen Tür

Anlässlich des 50-jährigen Betriebsjubiläums laden die Werkstätten Wiegerling am Pfingstsonntag, 5. Juni, ab 11 Uhr zu einem Tag der offenen Tür ein, an dem auch die anderen Firmen an der Erlenstraße ihr Unternehmen vorstellen. Dies sind Metallgestaltung Gruber GmbH, Precupa Präzisionsformenbau, Thomas Pföderl (Zimmerei, Holzbau) und Tobias Ludwig (Sanitär, Heizung, Regenerative Energien). Die Musikkapelle Gaißach, die dort ihr Vereinsheim hat, sorgt für Unterhaltung. Für das leibliche Wohl ist mit Kaffee, Kuchen und Grillspezialitäten gesorgt. Zudem gibt es Angebote für Kinder.

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