Ein Arzt injiziert einem Patienten den Grippe-Impfstoff in den Oberarm.
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Kleiner Pieks: Schutzimpfungen gegen Grippe sind vor allem für Risikogruppen wichtig.

Hohe Nachfrage

Grippe-Impfstoff begehrt wie nie: Apotheker befürchtet Engpässe

  • Melina Staar
    vonMelina Staar
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  • Silke Scheder
    Silke Scheder
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Aus Angst vor dem Coronavirus wollen sich heuer offenbar mehr Landkreisbürger als sonst gegen Grippe impfen lassen. Doch nicht jeder Arzt will jeden Patienten impfen.

  • „Die Impfdosen gehen weg wie warne Semmeln“, sagt Allgemeinarzt Dr. Jörg Lohse aus Münsing.
  • Christopher Hummel, der Sprecher der Apotheken im Landkreis, übt Kritik: Der Grippe-Impfstoff könnte heuer nicht für alle reichen, die ihn haben möchten.
  • Grund für die hohe Nachfrage ist die Hoffnung, durch die Grippe.Impfung auch einen schweren Covid-19-Verlauf unwahrscheinlicher zu machen.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Aus Angst vor dem Coronavirus wollen sich heuer offenbar mehr Landkreisbürger als sonst gegen Grippe impfen lassen. Die Impfdosen „gehen weg wie die warmen Semmeln“, bestätigt der Münsinger Allgemeinarzt Dr. Jörg Lohse. Aber werden sie auch reichen – vor allem für die Risikogruppen, für die der Impfstoff eigentlich gedacht ist?

Das Paul-Ehrlich-Institut, das in Deutschland für Impfstoffe verantwortlich ist, sagt ganz generell: Ja. Diese Aussage findet Christopher Hummel bedenklich. „Der Bedarf ist viel höher“, sagt der Landkreis-Apothekensprecher. Man merke, dass die Leute verängstigt seien. Viele hätten die Hoffnung, dass mit der Grippe-Impfung auch eine mögliche Covid-19-Erkrankung milder verlaufen könne. Dazu kommt Hummel zufolge die Empfehlung von Gesundheitsminister Jens Spahn, dass sich auch Kinder als mögliche „Superspreader“ von Grippe-Viren impfen lassen sollten.

Apotheker fragt im Großhandel nach Grippe-Impfstoff. „Die haben nichts mehr“

Fakt ist: Die Ärzte und Apotheken in der Region haben im Frühjahr rund zehn Prozent mehr Grippe-Impfdosen bestellt, sagt Hummel. Auch die Kühlschränke in seinen beiden Apotheken in Bad Heilbrunn und Gaißach seien voll. Da die Nachfrage so hoch sei, habe er aber trotzdem im Großhandel nachgefragt, ob er Nachschub bekommen könne. „Aber es gibt nichts mehr.“

Hummel findet das Vorgehen vor allem von staatlicher Seite nachlässig. „Man hätte mehr produzieren lassen müssen. Und wenn das nicht passiert ist, dann darf Spahn nicht solche Aussagen machen“, kritisiert er. Klar sei die Produktion teuer, und man könne nicht unbegrenzt viel Impfstoff herstellen. „Aber man wusste im Frühjahr doch schon, wo die Reise hingeht.“

Dr. Lohse entscheidet nach medizinischen Kriterien, wer Grippe-Impfstoff bekommt

Auch von seinen Kollegen im Landkreis und aus dem benachbarten Österreich habe Hummel gehört, dass die Nachfrage enorm sei. Wichtig sei, so der Apotheker, dass für die Risikopatienten genügend Impfstoff vorhanden sei.

Das sieht Dr. Jörg Lohse aus Münsing genauso. Wer geimpft wird und wer nicht, entscheidet der Allgemeinmediziner nach streng medizinischen Gesichtspunkten: „Einen gesunden 40-Jährigen werde ich nicht impfen – es sei denn, er pflegt zum Beispiel einen hochbetagten Menschen.“ Auch Kinder würde Lohse – anders als von Jens Spahn empfohlen – nicht ohne Indikation gegen die Grippe impfen.

Er selbst hatte für seine Praxis, die er sich mit Nergiz Özden teilt, 350 Impfdosen bestellt. Trotz der hohen Nachfrage – grob geschätzt 20 Prozent mehr als in den Jahren zuvor – gibt der Allgemeinmediziner Entwarnung: „Es ist nicht abzusehen, dass der Impfstoff ausgeht.“

Grippe -Impfung schon jetzt oder erst im November?

Neu war dem Allgemeinmediziner heuer, dass der Grippe-Impfstoff nur fünf bis sechs Monate lang einen zuverlässigen Schutz biete. Inzwischen gebe es deshalb zwei verschiedene Standpunkte in der Wissenschaft, wann der ideale Zeitpunkt zum Impfen sei: Viele Ärzte wie Lohse impften nach wie vor bereits jetzt im Herbst. Andere – wie zum Beispiel das Klinikum Starnberg – spritzen erst im November. So sollen die Mitarbeiter vor der „echten“ Grippe-Welle im März geschützt sein.

Empfohlen wird die Impfung laut dem Lenggrieser Hausarzt Dr. Sebastian Forstner für über 60-Jährige sowie für alle mit gewissen Vorleiden wie Atemwegs- oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder auch Schwangere. In seiner Praxis sei die aktive Nachfrage nach der Grippe-Impfung leicht gestiegen. In persönlichen Gesprächen empfiehlt Forstner sie Patienten der Risikogruppen.

Grippe-Impfung für Kinder: Lenggrieser Arzt plädiert fürs Abwägen

Der erste Bestand an Impfstoff ist dem Mediziner zufolge schon aus. Einen Engpass fürchtet Forstner noch nicht. „Es dauert jetzt halt wieder zwei, drei Wochen, bis die nächste Lieferung kommt.“ Er habe schon im Frühjahr etwas mehr Impfstoff bestellt als im Vorjahr.

Die Empfehlung, dass Kinder geimpft werden sollen, weil sie wohl eine besondere Rolle bei der Übertragung der Grippe-Viren spielen, müsse man abwägen. Natürlich sollten Kinder, die einer Risikogruppe angehören, immunisiert werden. „Aber was ist, wenn wir jetzt Millionen gesunde Kinder impfen und am Ende der Impfstoff für die Risikogruppe nicht mehr zur Verfügung steht?“

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