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Mit Liebe zum Detail: Die gelernte Kirchenmalerin Veronika Stürzer aus Gaißach sorgt anderem dafür, dass überdimensionale Blattlaus-Modelle den richtigen Farbanstrich bekommen.

Eine Gaissacherin und ihr ungewöhnlicher Beruf

Große Kunst in Blattlaus-Grün

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Gaißach – Das Deutsche Museum in München gewährt am Samstag Einblicke in seine Werkstätten. Dort hat auch die Gaißacherin Veronika Stürzer ihren ungewöhnlichen Arbeitsplatz. Die gelernte Malermeisterin verleiht Ausstellungsstücken die richtige Farbe: vom überdimensionalen Modell einer Blattlaus bis hin zum Flugzeug.

Welche Farbe hat ein luftgetrockneter Fisch? Welches Grün trägt eine Blattlaus? Wie sehen die Lötstellen eines Transistors aus? Im Arbeitsalltag ist Veronika Stürzer immer wieder mit Fragen konfrontiert, die sie sich zuvor nie gestellt hat. Die Malermeisterin aus Gaißach ist im Deutschen Museum in München beschäftigt. Und dort gilt es, eine enorme Vielfalt von Ausstellungsstücken mit der richtigen Farbe oder dem geeigneten Lack zu versehen.

Der Golem: Die ersten fünf Schichten Farbe hat Veronika Stürzer auf die Figur dieses „Ur-Roboters“ schon aufgetragen – längst nicht die letzten.

„Immer offen zu sein für neue Wege“, das ist laut der 29-Jährigen Grundvoraussetzung für ihren Job. Dass ihr Berufsweg sie einmal ins Deutsche Museum führen würde, hatte sie noch vor ein paar Jahren selbst nicht für möglich gehalten. In den Gaißacher Restaurierungswerkstätten Wiegerling hatte sie sich zur Vergolderin und Kirchenmalerin ausbilden lassen und ist zudem Malermeisterin. „Eines Tages habe ich in der Zeitung eine Stellenanzeige gelesen, dass das Deutsche Museum einen Kirchenmaler sucht“, berichtet sie. „Ich ging aber nicht davon aus, dass die genau mich haben wollen.“ Wollten sie aber. Seit 2012 ist Veronika Stürzer in der Malerwerkstatt des Museums angestellt.

Tatort Atelier: Bei diesem Diorama war Veronika Stürzer für die Gestaltung des unvollendeten Gemäldes zuständig.

Der Vorteil einer Beschäftigung im Museum? „Man friert nicht so wie in der Kirche“, sagt die 29-Jährige und lacht. „Aber beides hat seinen Reiz.“ Im Deutschen Museum seien ihre Aufgaben auf alle Fälle sehr vielseitig. „Das heißt nicht, dass ich alles kann“, meint sie. Doch viel Offenheit und Flexibilität braucht sie.

Genau wisse sie vorher oft nicht, was sie erwartet. „Da heißt es zum Beispiel, wir bekommen jetzt größere Blattläuse“, sagt sie. „Aber so ganz genau kann man es sich doch nicht vorstellen, bis man sie sieht.“ Von Kunststoffen über Metalle, Gips und Papier malt Stürzer auf allen möglichen Materialien und muss die richtigen Farben oder Lacke auswählen.

„Oft ist es schwierig, einen Mittelweg zu finden“, sagt die Gaißacherin, „zwischen dem, wie etwas wirklich aussieht und dem Wunsch, dass der Betrachter nicht von dem abgelenkt wird, was eigentlich das Thema ist.“ So habe sie einmal für die Nachbildung einer sibirischen Eisenbahn einen luftgetrockneten Fisch bemalt, der dort „serviert“ wird. „In Wirklichkeit ist das Auge des Fisches weiß. Aber wenn ich es so mache , denkt sich jeder nur: Warum ist das Auge jetzt weiß?“

Bei vielen Modellen muss sich die Malerin zuerst über die technischen, biologischen oder chemischen Zusammenhänge informieren. „Ich muss schon genau wissen, wie eine Sache funktioniert.“ Um sich schlau zu machen, steht ihr die Bibliothek des Museums zur Verfügung, und die Kuratoren der einzelnen Abteilungen beraten sie.

Gefragt ist Stürzer unter anderem bei der Erstellung von Dioramen, also Schaukästen mit bemaltem Hintergrund und Modellfiguren und -landschaften, die auf spielerische und anschauliche Art Wissen vermitteln. So ein Diorama gibt es zum Beispiel mit einer Darstellung des Walchenseekraftwerks. Für die Chemie-Abteilung sind Tatort-Dioramen entstanden, die zeigen, wie Kriminalisten Blut, Drogen, Gift oder Sprengstoff nachweisen.

Hinterhof: „Der Gartschlauchhalter hängt genau so bei meinen Eltern in Gaißach an dem Eingang zum Stall“, sagt Veronika Stürzer.

Eine Szenerie zeigt ein Atelier, am Boden liegt eine Leiche, das Gemälde, an dem der Mann arbeitete, ist unvollendet. „Das Gemälde war zum Beispiel mein Part“, sagt Stürzer. Ein anderes Bild zeigt einen Hinterhof. „Ich habe die Wände der Außenfassade gestaltet und dann patiniert, inklusive Moos an der Treppe und am Kopfsteinpflaster.“ Teil der Arbeit sei auch, Vorlagen für passende Objekte zu suchen und zu fotografieren. „Der Gartenschlauchhalter hängt genau so bei meinen Eltern am Eingang zum Stall“, sagt die Gaißacherin. Für die Dioramen arbeitet Stürzer mit einem ganzen Team zusammen – weitere Maler, Bildhauer, Mechaniker, Elektroniker: Jeder steuert etwas bei.

Kartoffelkäfer: „Weil es einfacher ist, einzelne Teile zu bemalen, hat der Käfer in diesem Fall noch keine Beine und Fühler“, erklärt Stürzer.

Stolze 2,20 Meter groß ist ein Gipsobjekt, an dem die Gaißacherin gearbeitet hat: ein „Golem“, eine Art Urbild des ersten Roboters nach der Vorlage des gleichnamigen Films von 1920. „Viele Farbschichten verleihen der Figur Tiefe.“ Auch Flugzeuge, Hubschrauber, Schiffe und Autos bemalt oder lackiert Stürzer: Denn zum Deutschen Museum gehören ebenfalls das Verkehrszentrum an der Theresienwiese und die Flugwerft Schleißheim. Andererseits restaurieren die Maler des Teams Gemälde und die dazugehörigen Rahmen – etwa die aus der Bibliothek, die eben renoviert wurde. Kein Wunder, dass die 29-Jährige sagt: „Bei uns gibt es keinen Einheitsbrei. Es gibt für mich nie den einen Weg, den ich gehen kann.“

Tag der offenen Werkstatt

In den Werkstätten des Deutschen Museums wird normalerweise unter Ausschluss der Öffentlichkeit gearbeitet. Einen Blick hinter die Kulissen können Interessierte am Samstag, 4. Juni, zwischen 8 und 16 Uhr werfen. Es gibt drei unterschiedliche Führungen in je sechs Werkstätten (Dauer: zirka 100 Minuten). Tourbeginn ist ab 8 Uhr alle 30 Minuten. Treffpunkt ist der Innenhof des Deutschen Museums.

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