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Historisches Gaißach

Die letzten Kriegstage in Gaißach: 200 Interessierte bei Vortrag

Viele Interessierte aus allen Altersgruppen kamen zum Vortrag von Vroni Müller und Robert Huber in die Schulturnhalle in Gaißach. 

Gaißach Der Zweite Weltkrieg hat in Gaißach einen hohen Blutzoll gefordert. 85 Soldaten aus dem Dorf sind fern ihrer Heimat gefallen, wobei manche Familien gleich drei Söhne verloren haben. Ganz am Schluss ist der Krieg ins Dorf gekommen – mit schlimmen Folgen. Bei einem Vortragsabend in der Schulturnhalle haben der Lehrer und Militärhistoriker Robert Huber und die Gaißacher Lehrerin und Heimatforscherin Vroni Müller die Ereignisse beleuchtet.

Es kamen über 200 Zuhörer aus allen Altersgruppen. Und sie nahmen zwei Botschaften mit: „Bewahrt Demokratie, Frieden und Freiheit“ und „nie wieder Krieg“.

Es lag frischer Neuschnee, als am 2. und 3. Mai 1945 Einheiten der SS die „Alpenfestung“ gegen die anrückenden Amerikaner verteidigten. Im Dorf starben 19 SS-Angehörige, drei US-Soldaten und vier Zivilisten. Neun Anwesen gingen nach Granateinschlägen in Flammen auf. Robert Huber, der am St.-Ursula-Gymnasium in Hohenburg unterrichtet, hat die Ereignisse der letzten Kriegstage anhand der „Kriegstagebücher“ der Amerikaner rekonstruiert. Diese Dokumente waren lange unter Verschluss und sind erst jetzt zugänglich. In ihnen sind alle Abläufe, Meldungen, Befehle und Verluste genau dokumentiert worden.

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Was hat es mit der Alpenfestung auf sich, die es in der von den Amerikanern befürchteten Größenordnung gar nicht gegeben hat? Dazu Robert Huber: „Es wurde von einer Rattenlinie gesprochen, weil sich viele Nazi-Größen wie Himmler, Göring und Dönitz in den Alpen verstecken wollten; Himmler etwa hatte vor, in Vorderriß unterzutauchen.“ Ende Mai 1945 standen im Oberland 1500 SS-Angehörige mit zwei Geschützen einer Übermacht von 3000 Soldaten der 16. US-Infanteriedivision mit 54 Geschützen und 16 Flugzeugen gegenüber.

Während sich die Nazigrößen längst aus dem Staub gemacht hatten, bedeutete es für ihre Untertanen ein tödliches Risiko, die weiße Fahne zu hissen: In Penzberg wollten besonnene Bürger die Kapitulation erzwingen und die Stadt vor der Zerstörung bewahren. Sie wurden deshalb von einem Fliegenden Standgericht der SS hingerichtet. Bad Tölz ist laut Robert Huber „nicht durch den Bürgermeister, sondern nur durch die Einflussnahme des hier kurenden Generalfeldmarschalls a.D. Gerd von Rundstedt“ vor der Zerstörung bewahrt worden.

In Gaißach und Wackersberg hätten sich die deutschen Truppen „stubborn“ (halsstarrig) verhalten, ist im Kriegstagebuch vermerkt. Dementsprechend kam es hier zu schweren Gefechten, wozu Robert Huber ausdrücklich festhält: „Die Amerikaner gaben keinen Befehl zur flächendeckenden Bombardierung. Um Verluste gering zu halten, griffen sie zielgenau nur dort an, wo deutsche Truppen ihre Verteidigungsnester hatten.“

Zur Ehrenrettung mancher Verteidiger ergänzt Huber: „Das waren nicht nur altgediente linientreue Nazis, sondern auch viele blutjunge zwangsrekrutierte Soldaten, weil die SS noch vor der Wehrmacht den ersten Zugriff auf sie hatte.“

Was ihrem Dorf Schreckliches widerfahren ist, hat Vroni Müller („Steinhauserin“) anschließend in ihrem Vortrag „Wia da Kriag gor worn is“ herausgearbeitet. In vielen Interviews mit alten Gaißachern hat sie dem Grauen ein Gesicht gegeben. „Auf den Höfen waren unzählige Flüchtlinge untergekommen, alleine beim „Schalchbauern“ etwa 40. Zahlreiche Menschen suchten Schutz in den angrenzenden Bergen.“

Zeitzeugen berichteten ihr auch von der Todesangst junger Soldaten, die als „Kanonenfutter verheizt“ wurden und zuvor in ihren letzten Stunden ihre Soldbücher verbrannt hatten. Am heftigsten verliefen die Kämpfe im Süden des Dorfes entlang einer Hauptverteidigungslinie bei Puchen, Taxern und beim Pulverwirt.

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Vroni Müller beleuchtete in ihrem Vortrag einige tragische Schicksale, wie jenes des 13-jährigen Rudolf Uhrmeister, den seine Eltern aus der Großstadt Essen in das vermeintlich sichere Gaißach verschickt hatten, wo ein verirrter Granatsplitter sein junges Leben auslöschte. Ebenso erging es den drei Gaißachern Jakob März („Drahtzieher“, 23), Kreszenz Loidl („Großbauer“ in Taxern, 22) und Benedikt Haslinger („Pulverer“, 38).

Das gleiche Schicksal erlitt auch der junge Soldat Hans Hauser (18) aus dem Rheinland, der sich in Puchen mit einer Panzerfaust bewaffnet eingraben musste – in der sicheren Gewissheit, dass er sterben würde. Ohne sein Soldbuch haben seine Hinterbliebenen später keine Rente bekommen. „Am Schluss waren alle froh, dass es endlich vorbei war“, schloss Vroni Müller.

Bürgermeister Stefan Fadinger dankte den beiden Referenten, dass sie die Erinnerung an die Ereignisse und an persönliche Schicksale wachhalten: „In unserem Dorf war jede Familie betroffen.“ Und diese Betroffenheit war im Raum spürbar. (Rainer Bannier)

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