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Eine ganze Reihe von Kräutern mischt Petra Waldherr-Merk für den „Hirschkuss“ zusammen. Die Rezeptur ist zwar streng geheim, doch vor Nachahmer-Produkten ist auch der Gaißacher Likör nicht sicher.

Gaißacher Unternehmen bläst zur Jagd

Plagiatsvorwürfe: "Hirschkuss" kämpft gegen Likör-Hersteller

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Gaißach - Likör-Herstellerin Petra Waldherr-Merk hat mit ihrer Marke „Hirschkuss“ schon einige Stürme überstanden. Am Ende war die Manufaktur aus Gaißach immer der Sieger – beispielsweise im Markenstreit mit Jägermeister. Nun erhebt Waldherr-Merk Plagiatsvorwürfe.

Es ist im Spätherbst 2015, als ein Mann, der als unabhängiger Tester für die Gastronomie neue Spirituosen verkostet, Petra Waldherr-Merk anruft. Kurz zuvor hat er einen Likör namens „HirschRudel“ probiert und ist danach der festen Überzeugung, dass es sich dabei eigentlich um „Hirschkuss“ handelt. Die Gaißacher Unternehmerin recherchiert. Die Internetseite der „HirschRudel GmbH“ führt sie schließlich zur Firma Seven Spirits, zu deren Produkten „HirschRudel“ gehört. Geschäftsführer ist Dirk Verpoorten aus der gleichnamigen Bonner Eierlikördynastie.

Auch die Legende rund um den Kräuterlikör kommt Waldherr-Merk irgendwie bekannt vor. Oma Elly Verpoorten sei schon in ihrer Kindheit eine begeisterte Kräutersammlerin gewesen, heißt es auf der Homepage der Firma. Eines Tages habe sie dabei ein Rudel Feisthirsche entdeckt. „Inspiriert von den Hirschen kehrte sie wieder und wieder zu diesem magischen Ort zurück, sammelte und probierte die dort wachsenden Kräuter und presste sie anschließend als Andenken in ihr Poesiealbum“, heißt es auf der Homepage. Zu einem Familienjubiläum soll sie dann aus den einst gesammelten Kräutern einen Likör kreiert haben. Das Rezept sei aber in Vergessenheit geraten, bis Enkel Dirk Verpoorten vor wenigen Jahren auf das alte Poesiealbum mit dem Likör-Rezept stieß. Es wird von einer Produktion in kleinen Chargen gesprochen, von Handabfüllung und Handetikettierung.

„Die Bilder, die gezeigt werden, ähneln den unseren zum Verwechseln. Es tauchen zu viele Ähnlichkeiten zu unserer Geschichte, unserem Produkt und unserem Herstellungsprozess darin auf. Wenngleich die Homepage, vermutlich aus aktuellem Anlass, verändert wurde“, sagt Waldherr-Merk. Tatsächlich stammt das Hirschkuss-Rezept von Waldherr-Merks Großtante. Zutaten und Zubereitung sind seit Langem ein Familiengeheimnis und werden streng gehütet. „Es scheint, als ob hier praktisch unsere komplette Geschichte kopiert worden ist“, sagt die 49-Jährige. Sie bezweifelt auch, dass Oma Elly bei ihren Streifzügen durch Berliner Wälder auf Alpenkräuter wie Enzian gestoßen ist – Bestandteil von „Hirschkuss“ und „HirschRudel“.

Waldherr-Merk schickt Proben ihres eigenen Likörs und von „HirschRudel“ in ein Berliner Labor. Das Ergebnis: „Das Aromaprofil ist bei beiden Produkten nahezu identisch.“ Trotz dieses Ergebnisses denkt die Gaißacher Unternehmerin „lange nach, ob wir uns wehren“. Rechtstreitigkeiten – das weiß sie aus der Vergangenheit – können langwierig sein, kosten Kraft und Geld. Doch ein Faktor gibt den Ausschlag: „Normalerweise sind Plagiate immer eine Billigvariante des Originals.“ Doch „HirschRudel“ kostet deutlich mehr als der Gaißacher Likör. „Ich befürchte einfach, dass irgendwann jemand denkt, dass es sich bei Hirschkuss um das Plagiat handelt“, sagt Waldherr-Merk.

Warum aber wurde die Rezeptur von „Hirschkuss“ nicht von Anfang an geschützt? „Wir haben es nicht gemacht, weil wir davon ausgehen, dass – wie bei Patenten – die Rezeptur dann en Detail veröffentlicht hätte werden müssen. Das wäre quasi eine Einladung an jedermann, unseren Hirschkuss nachzumachen. Gegen einen Spirituosenexperten hingegen hat man keine Chance.“ Aber da gehe es „Hirschkuss“ wie vielen anderen: „Früher oder später wird jeder erfolgreiche Likör kopiert.“ Doch Waldherr-Merk kämpft um ihr Produkt. „Ich lasse mir auf gar keinen Fall gefallen, was hier mit uns gemacht wird.“ Sie schaltet ihren Patentanwalt Herbert Pätzold ein. Der 85-Jährige begleitet das Gaißacher Unternehmer seit Jahren, steuerte es auch durch den Streit mit Jägermeister über die Verwendung des Hirschs in der Marke. Pätzold schreibt an die Seven Spirits GmbH und weist auf die Verletzung der gewerblichen Schutzrechte durch „HirschRudel“ hin. Die Reaktion erfolgt prompt: Die Gegenseite droht mit einer Feststellungsklage. Waldherr-Merk sieht dem unerschrocken entgegen. Wenn das Unternehmen nicht einlenke, „werden wir beim Patentamt München Löschungsantrag für ,HirschRudel’ stellen“.

Dirk Verpoorten reagiert gelassen auf die Vorwürfe: In der Familie habe man seit 140 Jahren in der Herstellung von Likören größte Erfahrung, lässt der Geschäftsführer, der sich in den vergangenen Tagen auf einer Auslandsgeschäftsreise befand, übermitteln. Bei „HirschRudel“ handele es sich um ein „ultra Premium Produkt“, die Abfüllung erfolge per Hand. „Eine Ähnlichkeit hinsichtlich ,HirschRudel’ und ,Hirschkuss’ sehen wir überhaupt nicht. Erstens ist die Aufmachung eine völlig andere – Farbe der Flasche, Etikett, Naturkork und andere Flaschenform.“

Außerdem habe „Hirschkuss“ nach seinem Wissenstand einen Alkoholgehalt von 38 Prozent, bei „HirschRudel“ sind es nur 35 Prozent. Verpoortens Tipp: „Ich würde Ihnen empfehlen, sich selbst mal eine Anzahl an Kräuterlikören zu beschaffen und eine eigene Blindverkostung zu probieren. Dann werden Sie sehr schnell feststellen, dass fünf bis sechs Produkte eine Ähnlichkeit mit ,Hirschkuss’ aufweisen.“

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