+
Große Ehre für Helgard van Hüllen: Di e 76-Jährige ist stellvertretende Bundesvorsitzende des Weißen Rings und Vize-Präsidentin von „Victim Support Europe“. Das Buch „Rechtslehre“, das sie in Händen hält, wurde 1988 von ihr geschrieben. 

Die stellvertretende Bundesvorsitzende erhält die Bayerische Verfassungsmedaille in Silber

Hohe Auszeichnung für Helgard van Hüllen vom Weißen Ring

  • Christiane Mühlbauer
    vonChristiane Mühlbauer
    schließen

Helgard van Hüllen aus Gaißach wird am heutigen Freitag mit der Bayerischen Verfassungsmedaille in Silber ausgezeichnet. Grundlage dafür ist ihr großes Engagement für den Opferschutz – nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa.

Gaißach– „Ich sehe immer was, was man machen kann“, sagt Helgard van Hüllen und schmunzelt. Die 76-Jährige ist unermüdlich unterwegs, mehrere Termine innerhalb eines Monats in ganz Europa gehören zu ihrem Alltag. Van Hüllen ist stellvertretende Bundesvorsitzende des Weißen Rings und Vize-Präsidentin von „Victim Support Europe“ (VSE), das ist der Dachverband von Nichtregierungsorganisationen in der Opferhilfe. Für dieses Engagement erhält sie heute aus den Händen von Landtagspräsidentin Ilse Aigner die Verfassungsmedaille in Silber im Münchner Maximilianeum.

Mit dabei sind Joao Lazaro, Präsident des VSE, und Gaißachs Bürgermeister Stefan Fadinger. In der Begründung heißt es: „Frau van Hüllen trägt durch ihr umfangreiches Engagement seit vielen Jahren maßgeblich dazu bei, dass die Interessen von Gewalt- und Kriminalitätsopfern Berücksichtigung finden.“

Gekämpft hat van Hüllen schon immer – beispielsweise als eine von sehr wenigen Frauen, die Anfang der 1960er-Jahre in Deutschland Jura studierten. Geboren nahe Berlin, wurde die Familie nach dem Krieg in Krefeld sesshaft, und nach dem Abitur ging die junge Frau nach Freiburg, um dort Rechtswissenschaften zu studieren. Schon im Alter von 23 Jahren promovierte sie in Münster im Bereich Arbeitsrecht.

Lesen Sie auch: Sepp van Hüllen, der Gründer der Tölzer Orgelfesttage, erhält die Isar-Loisachmedaille

„Ich bin eine Gerechtigkeitsfanatikerin“, sagt Helgard van Hüllen über sich selbst. Ein Professor habe ihr bei einer Vorlesung im Strafrecht den schmalen Grat aufgezeigt, den ein Richter immer bedenken müsse – nämlich, wer schutzwürdiger sei: Der Täter oder das (nächste) Opfer. „Wann immer ich sehe, dass jemandem Unrecht getan wird, dann muss ich einschreiten“, erklärt van Hüllen, warum sie sich seit Jahrzehnten für den Weißen Ring und für den europäischen Dachverband engagiert. Und sie ist stolz: „Wir konnten viel erreichen. Aber es gibt noch viel zu tun.“

Schon auf der Uni in Freiburg lernte sie ihren Mann kennen, Sepp van Hüllen, ebenfalls aus Krefeld. Das Paar heiratete und zog Ende der 1970er-Jahre durch das berufliche Engagement von Sepp van Hüllen nach Gaißach. Das Ehepaar hat zwei Söhne. Helgard van Hüllen arbeitete zunächst als Lehrerin in Tölz an der Berufsschule und an der FOS und unterrichtete Wirtschaft und Recht. 1988 schrieb sie das Lehrbuch „Rechtslehre“, heute ein Standardwerk in der mittlerweile siebten Auflage, das Schüler und Studenten nutzen. „Es ist eine Einführung ins Recht“, erklärt Helgard van Hüllen.

Als ihr Mann Mitte der 1980er-Jahre beruflich nach Südafrika versetzt wurde, ging auch Helgard van Hüllen mit. Sie arbeitete an der University of South Africa (Unisa) am Institut für Recht und Rechtsvergleich und schrieb Gutachten. Die Juristin beherrscht nicht nur Englisch und Französisch, sondern auch Afrikaans.

Wieder zurück, begann sie das Engagement für den Weißen Ring zu vertiefen, vor allem ab 2007, als sie in Ruhestand ging. Bis heute leitet sie die Außenstelle im Landkreis in Bad Tölz und kümmert sich um Opfer. „In den vergangenen drei Tagen hatten wir fünf neue Fälle“, sagt van Hüllen. Sie führt die Erstgespräche und entscheidet dann, welcher Mitarbeiter den Fall übernimmt. Häufig gehe es um häusliche Gewalt und um Stalking, aber auch um Körperverletzung und Überfälle. „Von häuslicher Gewalt sind übrigens nicht nur Frauen betroffen“, sagt Helgard van Hüllen. Der Weiße Ring hatte eine Kampagne gestartet, um auch Männern Mut zu machen, sich Hilfe zu holen. „Männer denken nämlich noch häufig, sie schaffen das alleine.“

Lesen Sie auch über Helgard van Hüllen: Weltfrauentag: Vier Generationen an einem Tisch

Der Kontakt mit den Betroffenen vor Ort ist Helgard van Hüllen sehr wichtig. „Nur wenn man weiß, wie es in der Praxis läuft, weiß man, was man auf Bundesebene behandeln muss.“ Seit zehn Jahren ist van Hüllen Mitglied im Bundesvorstand des Weißen Rings. Sie hat die Schwerpunkte Europa und Internationales, kümmert sich um die Mitarbeiter der Online-Beratung und des Opfertelefons – das heißt, sie entscheidet, wer welche Funktion übernimmt, macht Seminare und lädt zu Besprechungen. „Dass dabei Mitarbeiter verschiedener Generationen zusammenfinden, finde ich ganz toll.“

Jedes Jahr gibt es in Brüssel eine Gedenkveranstaltung für die Opfer von Terroranschlägen des vergangenen Jahres. Dort vertrat Helgard van Hüllen die Opfer des Anschlags vom Berliner Breitscheidplatz. Zudem macht sie mit ihrem Team in Brüssel Lobbyarbeit für Opferschutz. Als größten Erfolg bezeichnet sie die „Allgemeine Opferschutzrichtlinie“, verabschiedet 2012. „Damals haben EU-Beamte sogar Rücksprache mit uns gehalten, ob die Richtlinie so sinnvoll ist“, erinnert sich die 76-Jährige und meint: „Lobbyismus ist auch etwas Gutes.“

Das ist aber längst noch nicht alles, wofür sich Helgard van Hüllen einsetzt. Auch auf politischer Ebene ist sie aktiv. Zuerst noch in Krefeld, „wo ich damals völlig überraschend in den Stadtrat gewählt wurde“. Sie saß für die CDU im Kulturausschuss und gründete den Unterstützungsverein „Freunde der Museen Burg Linn“, der vor Kurzem 40-jähriges Bestehen feierte. „Darauf bin ich schon stolz“, sagt sie. Im Tölzer Land war sie viele Jahre lang Kreisvorsitzende der FrauenUnion, nun ist sie die Vorsitzende der Senioren-Union.

Wie kriegt man das bloß alles gestemmt? Helgard van Hüllen schmunzelt. Wichtig sei, ein gutes Team zu haben, delegieren zu können und übergreifend zu planen. Und, nicht zu vergessen: „Man muss auch mal die Beine hochlegen.“ Das macht sie gerne mit einem guten Buch im Garten – oder beim Wandern.

Lesen Sie auch über Helgard van Hüllen:  Rollenbilder in der Politik

Auch interessant

Kommentare