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Zum 125. Geburtstag vom „Kraudn Sepp“: Die Zither war im Rucksack immer dabei

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Josef Bauer (Kraudn Sepp) mit (v. li.) Martin Kloiber und Benedikt Trischberger sen. auf einem Foto von 1976.
Josef Bauer (Kraudn Sepp) mit (v. li.) Martin Kloiber und Benedikt Trischberger sen. auf einem Foto von 1976. © Repro: Krinner

Er war ein bayerischer Volksmusikant und Volkssänger im wahrsten Sinne des Wortes und ist in diesen Kreisen bis heute unvergessen: Der Kraudn Sepp aus Gaißach. Heute vor 125 Jahren ist er auf die Welt gekommen.

Gaißach - Eigentlich stammte er ja aus Greiling. Als jüngstes von acht Kindern wuchs er dort auf dem Hof der Greibauern-Familie auf. Und schon mit fünf Jahren, so ist überliefert, hat er mit dem Zitherspielen angefangen. In den Kindheits- und Jugendjahren galt es, wie es seinerzeit halt üblich und notwendig war, daheim mit anzupacken.

Der Bruder fiel im Ersten Weltkrieg, der Sepp kam unbeschadet heim

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs brachte für viele junge Burschen und Männer einen bitteren und oft schicksalhaften Einschnitt in ihren Lebensplan. Auch Josef Bauer, so sein Schreibname, wurde als 18-Jähriger zum Dienst für sein Vaterland rekrutiert. Er kam in Finnland und Italien zum Einsatz. Doch bei all den schrecklichen Erlebnissen an den Kriegsschauplätzen hatte der Sepp Glück – er kehrte unbeschadet zurück, während sein Bruder Georg auf dem Schlachtfeld blieb.

In Anna Trischberger fand er nicht nur seine musikalische Weggefährtin

Sepps Leidenschaft für das Zitherspielen und für das Volkslied war dennoch ungebrochen, und so war es nicht verwunderlich, dass fortan in seinem Freundes- und Bekanntenkreis Gleichgesinnte anzutreffen waren. Einer dieser Freunde war der Gaißacher Kaspar Fuchs, von Berufs wegen Holzknecht, aber nebenher auch noch Musikant und Gstanzlsänger. Durch Kaspar Fuchs wiederum lernte der Sepp die Geschwister Trischberger kennen. Und diese Bekanntschaft sollte den Grundstock bilden für sein weiteres Leben. In Anna, Maria und Benedikt Trischberger fand der Sepp nicht nur musikalische Weggefährten – Anna wurde 1923 auch seine Frau, mit der er eine harmonische, aber kinderlose Ehe führte. Nachdem Anna von ihren Großeltern das Kraudn-Anwesen im Gaißacher Ortsteil Lehen erbte und mit ihrem Mann bewirtschaftete, wurde aus dem Greibauern-Sepp aus Greiling der Kraudn-Sepp aus Gaißach.

Sepps erstes Zusammentreffen mit dem Kiem Pauli soll bereits 1920/21 stattgefunden haben

Der Alltag war mühsam, „sie haben sich geplagt bei der Arbeit auf dem Feld und im Wald“, erzählt Benedikt Trischberger, ein Neffe von Anna, heute rückblickend. Es brachte schon große Erleichterungen, als 1943 die Elektrizität und 1951 der erste Traktor auf den Hof kamen.

Josef Bauer, seine Frau Anna, ihr Bruder Benedikt Trischberger sen. und ihre Schwester Maria Fischhaber (v. li.) bildeten das „Gaißacher Zither- und Sänger-Quartett“. Das Foto enstand im April 1929. 
Josef Bauer, seine Frau Anna, ihr Bruder Benedikt Trischberger sen. und ihre Schwester Maria Fischhaber (v. li.) bildeten das „Gaißacher Zither- und Sänger-Quartett“. Das Foto enstand im April 1929.  © Repro: Krinner

Trotz der Beanspruchungen schufen sich die Kraudn-Eheleute noch Freiraum für ihre musikalische Liebhaberei. 1925 hatten sich Sepp und Anna und deren Geschwister Maria und Diktl Trischberger zum „Gaißacher Zither- und Sänger-Quartett“ zusammengetan und von da an bei verschiedenerlei Anlässen musiziert. Sepps erstes Zusammentreffen mit dem Kiem Pauli soll bereits 1920/21 stattgefunden haben, später lernte er durch seine Freundschaft mit dem Pauli auch den Volksliedforscher Prof. Kurt Huber kennen, so die Recherchen von Benedikt Trischberger und Sepp Kloiber, der ein Großneffe von Anna ist. Bei dem legendären „Preissingen alter Volks- und Almgesänge“ in Rottach-Egern 1930 holte sich das Gaißacher Quartett unter rund 40 mitwirkenden Gruppen den zweiten Platz.

Zu den Auftritten wurden zum Großteil mit dem Fahrrad gefahren

Die Übertragung des Wettbewerbs durch den Bayerischen Rundfunk machte die Volksmusik weithin populär, was den Akteuren zunehmends Anfragen bescherte. Ob Brauchtumsfeste, Musikanten-Treffen, Bildungs-Veranstaltungen, Film-Aufnahmen, überall war das Gaißacher Quartett zu hören. Wobei „’s Annä“, wie sie genannt wurde, meist die Entscheidungen traf, wo und was gespielt wurde. Sie konnte Noten lesen und schreiben.

Die Anfahrt zu den Auftritten wurde größtenteils mit dem Fahrrad bewältigt, nicht selten ging es ins Tegernseer Tal. In den 40er-Jahren – der Sepp musste im Zweiten Weltkrieg nicht mehr zum Militär – wurde die Gruppe gar für Auftritte in Nürnberg, Dresden und Berlin engagiert. Gespielt wurde aber ebenso daheim, wo sich zuweilen Besuch ansagte. Auch die Volkslied-Pflegerin Annette Thoma war in Lehen zu Gast.

Mit dem Tod seiner Frau brach für ihn eine Welt zusammen

Mit dem Tod seiner Frau 1964 brach für Sepp Bauer eine Welt zusammen, nur schwer überwand er diesen Verlust. Als er sich wieder gefangen hatte und der Hof an Annas Nichte Elisabeth Kloiber, geborene Trischberger, übergeben war, begann für ihn ein neuer Lebensabschnitt. Nun wurde der Name „Kraudn Sepp“ ein Begriff und sozusagen sein Markenzeichen als Solo-Wirtshaus- und Volkssänger. Den Anstoß dazu hatte sein Münchner Spezl Franz Xaver Grabmayer gegeben. Es entstanden Rundfunk- und Fernsehaufnahmen. „Nicht immer ist die eigentliche Sache im richtigen Licht dargestellt worden“, meinen dazu Trischberger und Kloiber.

Er spielte nicht nur in Wirtshäusern, sondern auch im Wartezimmer

Mobil mit dem Radl oder mit dem Zug oder auch per Auto-Chauffeur, eine Zither im Rucksack dabei oder vor Ort deponiert, kam der Sepp in viele Gasthäuser der Umgebung und spielte und sang zur Unterhaltung der Gäste. Im damaligen „Wienerwald“ in Tölz war er häufig anzutreffen, im Gasthof Zantl, aber ebenso zum Zeitvertreib der Patienten im Wartezimmer des Tölzer Heilpraktikers Thomas Rest.

Eine besondere Anlaufstelle war die Quellenwirtschaft am Sauersberg, wo der Wirt Toni Klee und Musikanten wie etwa der Dreer Heini und Willi Scheuerer, aber auch von auswärts Kommende gern zu ihren Instrumenten griffen. Sepps Stamm-Wirtschaft aber war das Gaißacher „Lindenstüberl“. „Einfach phänomenal“ sei dem Sepp sein Gedächtnis gewesen, sagt Kloiber. Sein Repertoire habe 80 bis 120 Lieder umfasst. Es waren Gstanzl, Liebes-, Heimat-, Jager-, Wildschützen- und Almlieder, erotische Lieder, Kriegs- und Totenklage-Lieder, Couplets und manches mehr. „Und die hatten teils 15 bis 20 Strophen, die er alle auswendig konnte.“

Am 1. April 1977 starb der „Kraudn Sepp“ im 81. Lebensjahr

Zuhause bei ihm gingen Freunde ein und aus – dass nicht alle wirkliche Freunde waren, sondern seine Gutgläubigkeit ausnutzten, habe er selber kaum bemerkt. Manchmal wurde der Kraudn Sepp auch angesprochen wegen seines rastlosen Umherziehens von einer Gaststätte zur anderen und des Anbiederns seiner Musik. „De Leit gfoits aber“, antwortete er dann. Nach dem Tod seiner Frau waren seine Zither, seine Lieder und Leute, die er unterhalten konnte, sein Lebensinhalt. Am 1. April 1977 starb er im 81. Lebensjahr. (Rosi Bauer)

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