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Sie hoffen, dass die Rettung gelingt: die Hebammen, die freiberuflich im Tölzer Krankenhaus arbeiten.

Rettungsversuch in Bad Tölz

Geburtshilfe in Gefahr

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Bad Tölz - Die Zahl der Geburten steigt stetig – und trotzdem stehen immer mehr Geburtshilfestationen in bayerischen Krankenhäusern vor dem Aus. Es fehlen Hebammen und Belegärzte. In Bad Tölz kämpft nun der Kreistag für den Erhalt der Geburtshilfe – doch Zuschüsse allein werden nicht reichen.

Die waschechten Tölzer sind vom Aussterben bedroht. Denn die Geburtshilfe an der Asklepios-Stadtklinik steht vor dem Aus. Bereits ab Mitte des Jahres werden bis auf ein paar wenige Hausgeburten keine Tölzer Kindl mehr zur Welt kommen, wenn keine Lösung gefunden wird.

Das Grundproblem: Das Krankenhaus kann keinen dritten Belegarzt auftreiben, der neben dem regulären Praxisbetrieb bereit ist, an sieben Tagen pro Woche rund um die Uhr auf Abruf zur Verfügung zu stehen. Im Moment teilen sich zwei Belegärzte diese Aufgabe, nachdem einer überraschend gestorben ist und ein zweiter aufgrund der hohen Arbeitsbelastung gekündigt hat. Auf Dauer ist die Arbeitsbelastung für zwei Ärzte aber viel zu groß, weshalb die beiden verbliebenen Gynäkologen nur noch bis Ende Juni in dieser Form weitermachen werden. Findet sich bis dahin kein neuer Arzt, ist Schluss mit der Tölzer Geburtshilfe.

Sie ist nicht die einzige in Bayern, die um ihre Existenz bangt. Allein in den vergangenen zehn Jahren haben zig kleinere Krankenhäuser ihre Geburtshilfe schließen müssen. Meistens war der Grund Hebammenmangel. Auch in Erding stand die Geburtshilfe deshalb 2015 vor dem Aus. Dort fand damals eine große Anwerbeaktion für Hebammen statt – mit Erfolg. Die Abteilung ist gesichert. Und die Geburtszahlen steigen.

Auch das ist ein bayernweiter Trend. Allein im Klinikum Starnberg sind im Jahr 2015 mehr als 2600 Babys zur Welt gekommen. In Bad Tölz sind es 500 bis 600 Babys pro Jahr. Auch dort Tendenz steigend. Das ist das Paradoxe an der Situation: Die Abteilung ist sehr beliebt. Denn viele Frauen ziehen die familiäre Atmosphäre den großen Perinatalzentren wie Starnberg oder Garmisch-Partenkirchen vor. „Man will sich gut aufgehoben fühlen und keine Nummer sein“, sagt Annette Schumacher-Gebler aus Bad Tölz, die ihr erstes Kind erwartet. Und Agnes Müller aus Lenggries fürchtet sogar um die Möglichkeit, „selbstbestimmt zu entbinden“. Denn gerade in großen Kliniken werde aus Raum-, Zeit- oder Personalnot allzu schnell ein Kaiserschnitt vorgenommen. In Tölz wäre so etwas laut Müller undenkbar: „Die Hebammen gehen auf die individuellen Wünsche der Frauen ein.“

Das mögliche Aus der Tölzer Geburtshilfe bewegt nicht nur werdende Mütter – sondern auch sehr viele Bürger, die bereits mit der Familienplanung abgeschlossen haben. Schließlich geht es um die eigene Identität und die eigenen Wurzeln. „Das Thema geht uns doch alle an“, findet Nanett Nordhausen. Zusammen mit anderen engagierten Tölzern hat sie die Facebook-Gruppe „Rettet die Geburtshilfe Bad Tölz“ gegründet. Die knapp 1200 Mitglieder planen Aktionen wie eine Lichterkette vor dem Tölzer Krankenhaus. Dabei entstand auch die Idee, eine Online-Petition ins Leben zu rufen. Innerhalb von nur einem Tag unterschrieben fast 1200 Unterstützer, inzwischen sind es knapp 4000.

Dass die Rettung der Geburtshilfe gelingt, liegt naturgemäß auch im Interesse der neun Hebammen, die freiberuflich für das Tölzer Krankenhaus arbeiten. Doch ihnen geht es nicht vornehmlich um die eigene berufliche Zukunft, wie sie sagen. Sondern um die Mütter und deren Kinder. In einer Stellungnahme warnten sie Ende vergangenen Jahres davor, dass künftig immer mehr Babys am Straßenrand geboren werden könnten, weil die Schwangeren lange Anfahrtswege bis nach Garmisch-Partenkirchen, Starnberg, Wolfratshausen oder Agatharied in Kauf nehmen müssen, wenn es in Tölz keine Geburtshilfe mehr gibt.

Noch deutlichere Worte fand Susanne Reichhardt-Geisbauer in einem offenen Brief, den sie an Landtagspräsidentin Barbara Stamm und den Tölzer Landrat Josef Niedermaier geschrieben hat. Darin heißt es unter anderem: „Die Lebensgefahr für Mütter und Kinder wird drastisch steigen.“ Dass die umliegenden Kliniken die 500 bis 600 Tölzer Geburten künftig zusätzlich zu ihren eigenen stemmen können, glaubt die Anästhesie-Assistenzärztin an der Asklepios-Klinik nicht, da auch deren Kapazitäten längst überschritten seien. Mit ihrer Meinung steht Reichhardt-Geisbauer nicht alleine da: 43 Ärzte und Mediziner, die am Tölzer Krankenhaus tätig sind, haben den offenen Brief unterschrieben.

Wird es noch Tölzer Kindl geben? In der Asklepios-Klinik ist die Geburtshilfe in Gefahr

Doch eine Lösung des Problems ist schwierig, da es fast unmöglich zu sein scheint, einen qualifizierten Gynäkologen als dritten Belegarzt zu gewinnen – vor allem, seit im Juni 2016 das Anti-Korruptionsgesetz in Kraft getreten ist. Dieses verhindert, dass die Krankenhäuser den Belegärzten bei den hohen Haftpflichtversicherungsbeiträgen finanziell unter die Arme greifen. 52 000 Euro müssen die Mediziner im Jahr allein dafür zahlen – viel Geld, selbst wenn die Klinik hilft.

Die letzte Hoffnung besteht nun darin, in Kooperation mit den umliegenden Krankenhäusern eine Hauptabteilung für Geburtshilfe in Bad Tölz aufzubauen. Dasselbe ist vor zwei Jahren in Weilheim passiert, als die Geburtshilfe dort vor dem Aus stand. Auch dort hatten sich die Belegärzte zurückgezogen. Der Kreistag von Weilheim-Schongau beschloss, die Geburtshilfe mit Zuschüssen zu retten.

Ohne dauerhaften finanziellen Zuschuss des Landkreises wird die Rettung auch in Bad Tölz nicht möglich sein. Deshalb hat der Tölzer Kreisausschuss gestern Landrat Josef Niedermaier einstimmig beauftragt, über eine dauerhafte finanzielle Beteiligung mit Asklepios zu verhandeln. Über die tatsächliche Höhe entscheidet der Kreistag zu einem späteren Zeitpunkt. Günstig dürfte das nicht werden. Es stehen Beträge in sechs-, wenn nicht siebenstelliger Höhe im Raum – und das pro Jahr und finanziert über die Kreisumlage von allen 21 Landkreis-Kommunen.

Letztlich löst das Geld aber auch nicht die größten Probleme: Als Erstes muss ein Kooperationspartner gefunden werden. Am wahrscheinlichsten ist das das Krankenhaus Agatharied im Nachbarlandkreis Miesbach. Sollte die gemeinsame Hauptabteilung gelingen, müssen aber immer noch weitere Ärzte gefunden werden. Der Beschluss des Kreisausschusses markiert für Niedermaier daher nicht die Rettung der Geburtshilfe in Bad Tölz: „Er ist nur der Anfang eines steinigen Wegs.“

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