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Ring von verstorbenem Ehemann verloren - diese Suchaktion geht ans Herz

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Stück für Stück suchen die Freiwilligen die Wiese mit ihren Sonden ab.
Stück für Stück suchen die Freiwilligen die Wiese mit ihren Sonden ab. © Patrick Staar

Helmi Schonner verlor ihren Ehering im Schnee und den ihres verstorbenen Ehemanns - sie trug ihn mit am Finger - gleich mit. Nun versammelten sich 30 Schatzsucher, um der 80-Jährigen zu helfen.

Greiling – Wo hat die Gaißacherin Helmi Schonner ihre Eheringe im März verloren? Dieses Mysterium bleibt weiter ungelöst. Auch 30 Schatzsucher aus ganz Oberbayern und Österreich schafften es am Samstag bei der wohl größten organisierten Ringsuche in der Geschichte der Bundesrepublik nicht, das Erinnerungsstück aufzuspüren.

Den Startort der Suche hätte sich ein Hollywood-Regisseur kaum besser ausdenken können. Die Schatzsucher treffen sich auf dem Gelände des Greilinger Sägewerks, wo auf der Zufahrtsstraße gerade ein Unfall passiert ist. Beim Versuch, einen Holzlaster abzuladen, ist irgendetwas schief gegangen. Holzstämme kamen ins Rutschen, der Anhänger kippte um. Die einen Reifen am Boden, die anderen zwei Meter in der Luft. Arbeiter kämpfen nun darum, ihn wieder aufzurichten. Die Schatzsucher, die nach und nach eintreffen, beobachten das Spektakel. Musik beschallt das Firmengelände. Wie es der Zufall will: Es läuft ausgerechnet der Titelsong von „Mission impossible“. Eine unmögliche Mission – das passt irgendwie zum Tag.

30 Schatzsucher aus Oberbayern und Österreich kamen am Samstag nach Greiling um die Ringe zu finden.
30 Schatzsucher aus Oberbayern und Österreich kamen am Samstag nach Greiling um die Ringe zu finden. © Patrick Staar

Es ist eine bunte Truppe, die am Sägewerk der ganz speziellen „Mission impossible“ entgegen fiebert: Die einen tragen Militärhosen in Tarnfarben, andere Retro-Trainingsanzüge oder Wanderklamotten. Organisator Adrian Aigner begrüßt die Schatzsucher und stimmt sie auf ihre Mission ein: „Ihr seid die liebenswertesten Idioten, die ich kenne.“ Was die Schatzsucher zusammengebracht hat, ist die anrührende Geschichte der 80-jährigen Gaißacherin Helmi Schonner.

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Es war ein eiskalter Tag im März. Schonner fuhr mit ihrem Hund und einer Bekannten in die Gaißacher Filze, um einen unbeschwerten Tag zu verbringen. Sie malte Herzchen in den Schnee und schoss Fotos. Um besser fotografieren zu können, zog sie ihre Handschuhe aus. Dabei passierte es, vermutet sie: Ihr eigener Ehering fiel in den Schnee. Und der zweite Ehering, den sie zur Erinnerung an ihren 2004 verstorbenen Mann Jakob trägt, ebenfalls. „Er war meine erste große Liebe“, sagt Schonner. „Ein ganz ruhiger, familiärer, naturverbundener und fleißiger Mann, der fast sein ganzes Leben lang gearbeitet hat.“ Jakob Schonner sei ein Gendarm der alten Schule gewesen: „Wenn er auf Streife ging, haben ihn die Leute immer angesprochen.“

Und so ging die Sache los: Schatzretter“ wollen Eheringe suchen

Nachdem sie ihren Verlust bemerkt hatte, fragte sie im Fundbüro der Gemeinde Greiling nach – ohne Erfolg. Ein paar Wochen später wandte sie sich an den Tölzer Kurier, mit der Frage, ob man vielleicht einen Aufruf starten könnte. Schonner kam auf diese Weise in Kontakt mit „Schatzretter“ Adrian Aigner. Der Münchner suchte die Wiese in Greiling gemeinsam mit seinem Geretsrieder Mitstreiter Sergej Wöhl ab – ergebnislos. Aigner beschloss, den Fall in der Facebook-Gruppe „Die Sondler“ zu posten, die gut 1700 Mitglieder hat. „Die Resonanz war Wahnsinn. Jeder, der eine Sonde hat, wollte helfen.“ Um die 100 Aufmunterungs-Nachrichten gingen bei ihm ein. Aigner liest schmunzelnd eine vor: „Auch im entfernten Mönchengladbach werden euch die Daumen gedrückt.“

Rund 30 Schatzsucher nehmen am Samstag schließlich die Fahrt nach Gaißach auf sich. Darunter eine vierköpfige Gruppe aus dem 250 Kilometer entfernten Vöcklabruck und Wels im Salzkammergut. Schonner ist gerührt angesichts von so viel Hilfsbereitschaft und Anteilnahme: „Dass es so etwas in unserer heutigen Ellenbogen-Gesellschaft noch gibt. Das ist Wahnsinn, überwältigend. Ein sehr emotionaler Moment.“

Als Stärkung gibt es für die Gruppe erst einmal Wurst- und Käsesemmeln, Apfelkuchen und alkoholfreies Weißbier. Danach geht es im Gänsemarsch in Richtung der Wiese, auf der Schonner möglicherweise die Ringe verloren hat. Mit einem rot-weißen Baustellenband markiert Aigner die Fläche, auf der gesucht werden soll. „Wir machen das systematisch, wie Archäologen. Dann startet die Suche. „Ich schätze, heute sind wir mit Metall-Detektoren im Wert von 50 000 Euro vertreten“, sagt Aigner.

„Ich hab einen Schatz gefunden“

Die Schatzsucher bewegen ihre Sonden im Halbkreis über die sumpfige Wiese, so als ob sie mit Sensen Gras schneiden wollten. Die Sonden beginnen zu krachen, knirschen, fiepen, pfeifen. Eine Geräuschkulisse, wie man sie sonst allenfalls aus Raumschiff-Enterprise-Filmen kennt. Erfahrene Schatzsucher können anhand dieser bizarren Töne erkennen, was sich im Boden verbirgt. Dann Aufregung. „Leck mich am A..., ist das ein gutes Signal“, sagt Riccardo Kraus. Er packt seinen Spaten aus, schaufelt und findet tatsächlich ein Metallstück. Allerdings nicht den erhofften Ring – sondern den Boden einer Schrotpatrone. „Ein 16er-Kaliber“, stellt er nüchtern fest. Wenig später schlägt der Detektor von Jörg Bergmann aus Lenting bei Ingolstadt an. Auch er buddelt – und findet ein verrostetes Taschenmesser. Mit ein paar Kollegen philosophiert Bergmann, wie alt das Fundstück sein könnte. Die Gruppe einigt sich auf 30 bis 40 Jahre. Bergmann: „Ich leg’ es in Moosöl ein, dann kann ich es wieder ausklappen.“

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Ein paar Meter weiter hält Michaela Herbolzheimer ihr Fundstück in die Höhe: „Ich hab’ einen Schatz gefunden“, verkündet sie grinsend – und zeigt eine alte Nivea-Dose: „Da ist bestimmt ein Packerl Tausend-Euro-Scheine drin.“ Sie öffnet den Deckel – und findet: Rost. Sie nimmt es mit Humor: „Vielleicht finde ich ja noch eine größere Dose.“

Nach zwei Stunden mit merkwürdigen Fundstücken schwant dem Ingolstädter Stefan Tensfeld: „Auf dem Acker ist nix.“ Dies sieht auch Adrian Aigner so: „Wenn so viele Sondler mit unterschiedlichen Detektoren und Erfahrungen unterwegs sind, dann würden wir den Ring garantiert finden.“ Die Bilanz der Schatzsucher: Sie fanden Schnapsflaschen, Hufeisen von Kaltblütern, landwirtschaftliches Werkzeug und einige Münzen aus der Zeit der Weimarer Republik. Zwei Vorteile habe die Aktion, sagt Aigner: „Es liegt jetzt kein Müll mehr auf der Wiese, und der Bauer kann ganz sicher sein, dass keine Metallteile in seine landwirtschaftlichen Geräte kommen.“

pr

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