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„Die Branche ist im Wandel“

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Von: Andreas Steppan

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In Tölz ist „Haibel“ der Inbegriff einer Spedition. Jakob Haibel will sein Unternehmen in Richtung eines „grünen Unternehmens“ führen.
In Tölz ist „Haibel“ der Inbegriff einer Spedition. Jakob Haibel will sein Unternehmen in Richtung eines „grünen Unternehmens“ führen. © Pröhl

Das Traditionsunternehmen Haibel aus Bad Tölz hat jetzt seinen Fernverkehrsbereich an die wachsende Firma SGR Logistics in Wolfratshausen verkauft. Einiges bleibt gleich, einiges ändert sich auch...

Bad Tölz/Wolfratshausen – Versorgungsengpässe aufgrund des Mangels an Lkw-Fahrern in Großbritannien sorgen gerade für Schlagzeilen. Doch die Speditionsbranche steht europaweit vor noch weiteren großen Herausforderungen. Im Landkreis stellen sich nun das 143 Jahre alte Traditionsunternehmen Haibel aus Bad Tölz und die relativ junge, wachsende Firma SGR Logistics in Wolfratshausen mit jeweils eigenen Ansätzen für die Zukunft auf. Beide Strategien passten offenbar ideal zusammen. SGR Logistics hat zum 1. Oktober den kompletten Fernverkehrsbereich von Haibel übernommen.

Das Unternehmen wurde 1878 gegründet

In Bad Tölz ist der Name Haibel immer noch der Inbegriff einer Spedition. Jakob Haibel führt das 1878 gegründete Unternehmen seit 1977 in vierter Generation – und das will der 71-Jährige auch noch einige Jahre tun. Um die Firma bereit für die nächsten Generationen zu machen, verkleinert er sie allerdings seit 15 Jahren kosequent, wie er berichtet. Auf dem Höhepunkt war Haibel ein Gebilde aus „fünfeinhalb Firmen“, wie der Inhaber sagt: „Wir waren bundesweit aufgestellt, mit fünf Standorten, fast 200 Mitarbeitern und 230 Fahrzeugeinheiten inklusive Auflegern.“ Das sei „kräftezehrend“ gewesen, sagt Haibel.

In Absprache mit Sohn Alexander schlug Jakob Haibel nach eigenen Worten den Weg ein, „wieder klein und kompakt zu werden“. Zuvor „waren wir extrem breit aufgestellt“, so Haibel. Doch die Branche sei im Wandel. Weil es in jedem einzelnen Tätigkeitsbereich immer mehr Auflagen gebe und der Verwaltungsaufwand steige, sei es nötig, sich zu spezialisieren. Außerdem möchte Haibel seine Spedition in Richtung eines „grünen Unternehmens“ führen, etwa energieunabhängig werden und auf neue Antriebsarten setzen. Da sei man mit einer kleineren Fahrzeugflotte flexibler und könne besser reagieren. So trennte sich Haibel nach und nach von Unternehmensbereichen. Auf den Entsorgungsfahrzeugen etwa ist zwar weiterhin der Name Haibel zu lesen, sie stehen auf dem Hof der Firma im Farchet, „und die meisten Fahrer sagen weiterhin Chef zu mir, wenn sie mich sehen“, sagt Haibel mit einem Schmunzeln. Tatsächlich aber gehört der Bereich seit Jahren zu dem großen Entsorgungsunternehmen Remondis.

Wertschätzung der Mitarbeiter wichtig für Helmut Grüner

Nun hat Haibel auch den Fernverkehrsbereich verkauft. Er umfasste zuletzt sieben Mitarbeiter und drei Fahrzeugzüge. Einen Partner fand Haibel im Landkreis, und zwar in der Nachbarstadt Wolfratshausen – und schwärmt, dass es sich fast angefühlt habe wie eine „innerfamiliäre Übergabe“. Das beschreibt Helmut Grüner, Hauptgesellschafter von SGR Logistics, ähnlich. In den Gesprächen mit Haibel „hat man gleich gemerkt, dass die Chemie stimmt“, sagt er. Zuvor hätten die Firmen eigentlich wenig Berührungspunkte gehabt, seien sich aber auch nie ins Gehege gekommen. Nun habe man festgestellt, „dass wir von der Philosophie her gut zusammenpassen“.

Bei der ist laut Grüner „die Wertschätzung der Mitarbeiter“ zentral – was bei vielen „Marktbegleitern“ nicht unbedingt der Fall sei. Lkw-Fahrer, sagt Grüner, seien „die wichtigste Visitenkarte und das Gold Nummer eins der Branche“. Und der Speditionschef betont: „Auch die ,Geiz ist geil‘-Mentalität, die sich vor einigen Jahren in der Branche verbreitet hat, teilen wir nicht.“ Lange, gesunde Geschäftsbeziehungen mit Kunden etwa aus dem Bereich Maschinenbau oder Messe-Event-Logistik seien ihm wichtiger als das kurzlebige Geschäft mit Partnern etwa aus der Automotive-Branche, die schon wegen geringer Preisunterschiede abspringen.

Pizzakartons und Packungen mit Tomatensauce stapeln sich

Nachdem es erst im Juli/August die ersten persönlichen Treffen mit Haibel gegeben habe, sei der Kauf des Fernverkehrsbereichs schon zum 1. Oktober vollzogen gewesen, so Grüner. Die Mitarbeiter wurden übernommen und werden – „als Zeichen der Kontinuität gegenüber den Kunden und um zu signalisieren, das ist keine böse Heuschrecke, die Euch übernimmt“ – für die bisherigen Haibel-Kunden auf den gewohnten Strecken eingesetzt, also vorwiegend deutschlandweit und teils nach Belgien und Frankreich.

Die Wertschätzung der Mitarbeiter ist zentral, sagt der Hauptgesellschafter von SGR Logistics in Wolfratshausen, Helmut Grüner.
Die Wertschätzung der Mitarbeiter ist zentral, sagt der Hauptgesellschafter von SGR Logistics in Wolfratshausen, Helmut Grüner. © Foto: Hermsdorf-HISS

Für SGR selbst zählt laut Grüner das Vereinigte Königreich zu den wichtigsten Märkten, man sei außerdem in ganz Westeuropa unterwegs. Vom Portfolio und der Fuhrparkbreite her bezeichnet der Hauptgesellschafter das Unternehmen als „eierlegende Wollmilchsau“. Man fahre für die Pharmaindustrie, transportiere Tiefkühlpizzen genauso wie wertvolle Maschinen.

Und auch das Thema Lager werde bei SGR Logistics groß geschrieben. In einer Halle am Hans-Urmiller-Ring stapeln sich zum Beispiel Pizzakartons und Packungen mit Tomatensauce des Geretsrieder Tiefkühl-Herstellers „Gustavo Gusto“ oder Tees von „Bad Heilbrunner“, die bei Bedarf an die Produktionsstätten oder auch an Supermärkte ausgeliefert werden. Neben der jetzigen Halle entsteht gerade eine neue, die um eine Vielfaches größer ist und die noch heuer in Betrieb gehen soll. Auch sonst setzt SGR Logistics auf Wachstum. Gegründet 2008 von Grüner und den Mitgesellschaftern Bernhard Schultes und Christian Raba, übernahm das Unterhemen 2016 schon die Wolfratshauser Spedition Hasch. Heute hat sie 60 Mitarbeiter und 32 Fahrzeugzüge. Dank breiterer Aufstellung und Synergieeffekten könne man den Kunden auch mehr aus einer Hand anbieten, so Grüners Marschrichtung.

Die Tölzer Firma Haibel wiederum konzentriere sich nun mit noch rund 20 Mitarbeitern auf die Bereiche Lagerung, Möbel- und Spezialtransporte, so der Inhaber. So geht der eine kleiner, der andere größer in die Zukunft.

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