Hand in Hand mit dem weißen Hai

Walchensee - Einfach mal abtauchen: diesen Luxus gönnte sich nun Kurier-Mitarbeiter Thomas Gröbner. Was er in den Tiefen des Walchensees erlebte:

Bevor es ins Wasser geht, stehen aber erst einmal Trockenübungen auf dem Programm: Theorie von Michael Hell, dem Besitzer der Tauchschule. Der hat einen humanbiologischen Crashkurs vorbereitet, doziert begeistert über Trommelfellrisse.Hell versucht keine Sekunde, die Risiken kleinzureden, die unter Wasser drohen - auch auf die Gefahr hin, Schnuppertaucher (oder deren Mütter) abzuschrecken. „Tauchen ist so gefährlich, wie man es sich macht. Wer seine Grenzen kennt und einhält, dem kann kaum etwas passieren“.

Einen Hai hat sich Hell auf die Haut tatöwieren lassen. Das Maul weit aufgerissen, mit spitzen Zähnen scheint das Tier vorwärtszuschießen. „Sohalameauo“, weißer Hai, so wurde Hell vor ein paar Jahren in Thailand genannt, wo er eine Tauchschule leitete. Weil er für einen Tauchlehrer außergewöhnlich blass ist. Zwischen heiserem Lachen ein Schluck Kaffee, ein Zug an der Zigarette, dann erzählt er weiter. Wie er hier am Walchensee 1997 das erste Mal getaucht ist, später Assistent wurde, dann Lehrer. 2007 übernahm er die Schule von dem Tauchlehrer, bei dem er seinen ersten Schnupperkurs absolviert hatte.

Daumen und Zeigefinger formen einen Kreis, die restlichen Finger werden aneinandergepresst. Das internationale Taucher-Zeichen für „Okay“. Ich werde dieses Zeichen an diesem Tag ständig brauchen. Der nach oben gereckte Daumen bedeutet in der Tauchersprache übrigens „Auftauchen“.

Ich quäle mich in einen Neoprenanzug, in dem ich sofort erbärmlich zu schwitzen beginne. Mit 20 Kilo Ausrüstung auf meinen Schultern watschle ich recht behäbig durch die badende Menge ins knietiefe Wasser. Als wir eintauchen, dringt Wasser in meinen Anzug ein und umgibt meinen Körper mit einer dünnen, kalten Schicht. Mein Tauchlehrer fasst mich an beiden Händen, wir tauchen zum ersten Mal vollständig unter Wasser.

Vorher nochmal eine letzte Kontrolle von Hell, ob alles klar sei. In meiner Aufregung zeige ich ihm stolz den nach oben gestreckten Daumen. Falsch! Ich bringe die Zeichen durcheinander, bis mir endlich wieder einfällt, wie ich das Okay-Zeichen forme.

In diesem fremden Element fühle ich mich wie ein Kind, mit allen Sinnen auf die einfachsten Dinge fokussiert. Einatmen. Ausatmen. Erst einmal das Gehirn überlisten, das sich dagegen sträubt, unter Wasser Luft zu holen. Dann den Reflex unterdrücken, die Luft anzuhalten. Sich zwingen, normal zu atmen.

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Obwohl wir unsere Kommunikation nur auf wenige Zeichen beschränken, klappt die Verständigung gut. Hell dirigiert unser Unterwasser-Synchronschwimmen mit leichten Bewegungen.

Wie losgelöst man während eines Tauchgangs von der Welt über dem Wasserspiegel ist, wird mir erst klar, als wir nach einer guten Stunde wieder auftauchen. Hagelkörner bedecken den Boden, Gewitterwolken den vorher blauen Himmel. Von dem Unwetter haben wir in unserem Element nichts mitbekommen. 6,80 Meter tief, 68 Minuten lang - die nackten Zahlen meines Tauchgangs. Als Hell fragt: „Wie war’s?“ Ich forme mit den Fingern den Kreis: „Wahnsinn.“ Mehr bringe ich nicht raus, denn das Adrenalin rauscht noch durch meinen Körper.

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