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Integration mit Nadel und Faden

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Von: Andreas Steppan

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Drei geglückte Probestücke: Masuma Hasani (3. v. li.) hat für (v. li.) die Lenggrieserinnen Franziska und Barbara sowie für ihre Nachbarin Monika Gerg Dirndl genäht. Zuvor hatte das der Schneiderin aus Afghanistan niemand zugetraut. © privat

Sie lebt mit ihrer Familie als Asylbewerberin in der Jachenau. Nun hat sich die gelernte Schneiderin Masuma Hasani (33) mit Nadel und Faden einem besonderen Aspekt der bayerischen Lebensart angenähert – und unter Beweis gestellt, dass sie Dirndl nähen kann.

Jachenau – Der Stoff, aus dem Integration gemacht wird, kann auch ein Dirndlstoff sein: So ist es im Fall der aus Afghanistan stammenden Asylbewerberin Masuma Hasani. Die 33-Jährige, die mit ihrer Familie in der Jachenau lebt, hat ihr Händchen für die bayerische Tracht entdeckt. Sie verblüffte ihre Nachbarin, indem sie ihr ein astreines Dirndl anfertigte.

„Ich danke Monika, dass sie es einmal ausprobiert hat“, sagt Masuma Hasani. Zuvor hatte der Afghanin nämlich niemand so recht glauben wollen, dass sie es fertig brächte, ein Dirndl zu nähen. Dabei hat die junge Frau den Beruf der Schneiderin in Afghanistan erlernt und zehn Jahre lang im Iran ausgeübt. „Dort habe ich zu Hause Kleidung für den Basar genäht und in einem Geschäft Hochzeitskleider“, berichtet sie auf Deutsch. Die Sprachkenntnisse hat sie sich ohne Kurs im Selbststudium angeeignet.

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Ihre Heimat haben Masuma Hasani und ihre Familie schon vor langer Zeit verlassen. Sie gehören zur persischsprachigen Ethnie der Hazara, die als Minderheit in Afghanistan immer wieder Diskriminierung und teils auch Anschlägen ausgesetzt ist. Viele Hazara suchten Zuflucht im Iran – von dort gibt es wiederum Berichte über die systematische Benachteiligung und Drangsalierung der afghanischen Flüchtlinge.

Im November 2015 führte der Weg der Familie nach Deutschland – und hier in den Isarwinkel. Untergebracht waren die Hasanis zunächst am Kranzer (Gemeinde Reichersbeuern) und in Gaißach. Seit einiger Zeit lebt die mittlerweile siebenköpfige Familie – die Oma, Masuma und ihr Mann sowie vier Kinder im Alter zwischen 18 und eineinhalb Jahren – in der Jachenau.

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Seit sie eine alte, aber noch bestens funktionierende Nähmaschine geschenkt bekommen hat, näht Masuma Hasani Bekleidung für ihre Familie und sich – Mäntel, Jacken, Blusen. Auch an den schönen Trachten, die sie im Isarwinkel gesehen hatte, wollte sie sich schon lange einmal ausprobieren. „Aber bis jetzt hat mir nie jemand geglaubt, dass ich das kann“, sagt sie mit einem Lächeln.

Das änderte sich, als sie mit ihrer Jachenauer Nachbarin Monika Gerg darüber sprach, dass sie gerne wieder als Schneiderin arbeiten würde. „Ich habe ihr gesagt, dass die meisten Menschen bei uns ihre Kleidung von der Stange kaufen“, sagt Monika Gerg. „Das Einzige, was wir hier brauchen, sind Dirndlschneiderinnen. Ich habe aber auch nicht geglaubt, dass sie das kann.“

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Doch Monika Gerg ließ es auf einen Versuch ankommen. „Ich habe ihr dafür alte Bettlaken und Leintücher gegeben“, berichtet die Jachenauerin. Sie hatte aber so ihre Zweifel. „Wir sind hier ja ziemlich extrig mit dem Dirndl. Da muss alles passen, mit Schößerl und passepoilierten Ausschnitt.“ Mit Worten beschreiben konnte Gerg der Afghanin solche Anforderungen nicht – sie gab ihr einfach ein anderes Dirndl als Vorlage.

Masuma Hasani nahm bei ihrer Nachbarin Maß, fertigte aus Zeitungspapier Schnittmuster an und setzte sich an ihre alte Singer – nur für die Knopflöcher musste sie sich eine andere Nähmaschine ausleihen. „Vom Ergebnis war ich total begeistert“, sagt Monika Gerg. Die Afghanin nimmt die Komplimente gelassen. „Für mich war das leicht“, sagt sie. In mancherlei Hinsicht ähnle das Dirndl den Hochzeitskleidern, die sie früher anfertigte. „Es muss oben eng sein, fest sitzen und ein bisschen steif sein.“

Nach dem ersten Erfolgserlebnis bekam die 33-Jährige Gelegenheit zu zwei weiteren „Probe-Dirndln“. Die Schwestern einer Arbeitskollegin von Monika Gerg, zwei 15 und 18 Jahre alte Lenggrieserinnen, hatten seit geraumer Zeit Dirndlstoff im Schrank liegen, bisher aber noch keinen freien Termin bei einer Trachtenschneiderin ergattert. Auch diesmal bewältigte Masuma Hasani die Herausforderung mit Bravour.

An liebsten hätte sie sich daraufhin gleich selbstständig gemacht. Das ist für sie als Asylbewerberin – bislang ohne gesicherten Aufenthaltsstatus – aber nicht erlaubt. Als Angestellte dürfte sie arbeiten. Sie träumt jetzt davon, eine Stelle bei einer Trachtenschneiderin zu bekommen – und im Idealfall Arbeiten in Heimarbeit ausführen zu dürfen. „Ich liebe diesen Beruf“, sagt sie. „Sehr gerne würde ich auch eine Ausbildung machen.“

Monika Gerg kann sich zumindest vorstellen, dass Bedarf gegeben ist. „Oktoberfestdirndl gibt es zwar überall zu kaufen, aber bei uns lässt man sich in den meisten Familien die Dirndl maßschneidern.“ Die Trachtenschneiderinnen würden aber weniger und hätten oft lange Wartezeiten. Eine weitere Fachfrau könnte da willkommen sein.Bis dahin hat sich Masuma Hasani vorgenommen, für sich selbst und ihre älteste Tochter Dirndl zu nähen.

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