Zeugnis der Geschichte unter Wasser: Von den Resten eines abgestürzten Lancaster-Bombers im Walchensee sind die meisten stark demoliert und nur noch wenige identifizierbar – wie das Teil auf dem linken Foto. Es handelt sich um die Aufhängung für eine Glaskanzel, die am Flugzeugheck angebracht war (in der Mitte ein Foto aus einer britischen Restaurierungswerkstatt). Darin konnte ein Heckschütze sitzen und nach hinten aus dem Flugzeug schießen (historisches Foto).
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Zeugnis der Geschichte unter Wasser: Von den Resten eines abgestürzten Lancaster-Bombers im Walchensee sind die meisten stark demoliert und nur noch wenige identifizierbar – wie das Teil auf dem linken Foto. Es handelt sich um die Aufhängung für eine Glaskanzel, die am Flugzeugheck angebracht war (in der Mitte ein Foto aus einer britischen Restaurierungswerkstatt). Darin konnte ein Heckschütze sitzen und nach hinten aus dem Flugzeug schießen (historisches Foto).

Geschichte

Kriegszeugnis unter Wasser: Das hat es mit dem britischen Bomber im Walchensee auf sich

  • Andreas Steppan
    vonAndreas Steppan
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In der Niedernacher Bucht liegen bis heute Trümmer eines im Zweiten Weltkrieg abgestürzten britischen Bombers unter Wasser: Das ist am Sonntag Thema bei „Terra X“.

Jachenau – Ein Stück Kriegsgeschichte aus dem Isarwinkel ist Thema in der neuen Folge der ZDF-Dokureihe „Terra X“: der Absturz eines britischen Lancaster-Bombers in der Niedernacher Bucht in der Nacht zum 3. Oktober 1943. Viele Trümmerteile des Flugzeugs des Typs Avro Lancaster Mk. III liegen bis heute im Walchensee.

Moderiert wird die „Terra X“-Folge vom aus Lenggries stammenden Unterwasserarchäologen Dr. Florian Huber. Zusammen mit den Teilnehmern eines Spezialkurses in Unterwasserarchäologie erfasste, vermaß, fotografierte und filmte er 2018 einen Großteil dieser Überreste in 10 bis 30 Metern Tiefe. Es war die erste systematische Bestandsaufnahme des archäologischen Objekts, nachdem es über viele Jahre relativ unbeachtet im Wasser gelegen hatte. In einem Artikel im Fachmagazin „Divemaster“ beschreibt Huber die historischen Ereignisse, von denen die Trümmerteile Zeugnis geben.

Brennende Lancaster fliegt durchs Jachental und stürzt in Walchensee

In der Nacht zum 3. Oktober 1943 sind demnach über 250 britische Flugzeuge an einem Bombenangriff auf München beteiligt. 223 Menschen kommen in jener Nacht in der Landeshauptstadt ums Leben, 906 werden verwundet, 21.872 obdachlos. „Wie bei anderen Angriffen auch sammeln sich die Bomber über den Seen südlich von München, darunter Starnberger und Ammersee“, schreibt Huber. „Denn sie bieten den Alliierten einen guten, natürlichen Orientierungspunkt, um von dort aus ihren Angriff auf die Stadt zu beginnen.“

Laut dem Münchner Polizeibericht werden in der Bombennacht fünf der angreifenden Flugzeuge abgeschossen. Über dem Walchensee gerät die Lancaster-Maschine ins Visier eines deutschen Nachtjägers vom Typ Messerschmitt. „Das Flugzeug erhält mehrere schwere Treffer, zwei seiner vier Motoren fallen aus, und es verliert rasch an Höhe“, schildert Huber. Während die brennende Lancaster durch das Tal der Jachenau fliegt, wirft sie die letzten Bomben auf ein Feld nahe dem Ortsteil Niggeln ab. Augenzeugen beobachten in der Niedernacher Bucht den Versuch einer Notlandung, der jedoch in einem Absturz in den Walchensee endet.

Nur ein Leichnam eines Besatzungsmitglieds wird am Ufer gefunden

Florian Huber nennt in seinem Artikel die Namen der sieben Besatzungsmitglieder, die allesamt ums Leben kommen: Pilot Derek Butterfield (20 Jahre), Derrik Crapper-Bovery (29), John Jackson, Joseph Kabelle, Donald Strong, Reginald Waters (19) und James Young.

Nur Waters’ Leichnam wird kurze Zeit später am Ufer gefunden und identifiziert. Das Sterberegister der Jachenau dokumentiert seine Bestattung auf dem örtlichen Friedhof. Dort steht auch, dass ihn die Amerikaner 1945 exhumiert hätten. Seine letzte Ruhestätte findet er erst 1948 auf dem Soldatenfriedhof Dürnbach in der Nähe des Tegernsees.

Der Abschuss wird offiziell dem Gruppenkommandeur des Nachtjägergeschwaders 3, Hauptmann Rudolf Siegmund zugeschrieben. Der stirbt bereits in der folgenden Nacht, als seine zweimotorige Messerschmitt südwestlich von Göttingen abgeschossen wird.

„Mahnmal des größten Konflikts des 20. Jahrhunderts“

In den 1950er-Jahren beauftragt das britische Generalkonsulat eine Spezialfirma mit der Bergung der Wrackteile der Lancaster sowie der sterblichen Überreste der Besatzung. Darüber berichtet seinerzeit der Tölzer Kurier. Doch abschließende Informationen über die Bergung der gestorbenen Soldaten fehlen. „Nachdem die meisten großen und gewinnbringenden Schrottteile geborgen waren, kehrte für die nächsten 20 Jahre Ruhe ein“, schreibt Huber. Erst in den 1970er-Jahren hätten die ersten Sporttaucher begonnen, sich für die Überreste im Walchensee zu interessieren. „Dabei wurden offensichtlich zwei der vier Flugzeugmotoren gefunden und zusammen mit einigen anderen teilen abgeborgen.“

Huber geht davon aus, dass in Richtung der Insel Sassau noch weitere Flugzeugteile in größeren Tiefen oder unter Sediment verborgen liegen. Aus den Aufnahmen einiger Wrackteile, die er mit seinen Kursteilnehmern 2018 dokumentierte, wurden am Computer 3D-Modelle erstellt. Die Lage der Funde lässt Rückschlüsse auf die Flugrichtung der Lancaster vor ihrem Absturz zu: aus der Jachenau in westliche Richtung. Das deckt sich mit den Augenzeugenberichten.

Die Überreste des Flugzeugs bezeichnet Huber als „materielle Zeitzeugen“ und als „Mahnmal und Denkmal des größten Konflikts des 20. Jahrhunderts“. Die Erforschung und der Schutz solcher Plätze sei wichtig, „um an die Schrecken des Krieges zu erinnern“. Der Archäologe ergänzt: „Darüber hinaus muss überlegt werden, ob die Fundstelle auch als Kriegsgrab angesehen werden soll, da dort sehr wahrscheinlich noch immer menschliche Überreste der einstigen Besatzung ruhen.“

„Terra X“

Die neue Folge der ZDF-Dokureihe mit dem Titel „Geheimnisse aus der Tiefe“ ist ab diesem Mittwoch, 17. März, in der ZDF-Mediathek im Internet abrufbar. Im Fernsehen läuft sie am Sonntag, 21. März, um 19.30 Uhr.

Forschungstaucher Florian Huber ist auch schon anderen Geheimnissen in Walchensee auf den Grund gegangen - etwa einem Mini-Bunker, der im Wasser liegt. Zuletzt sorgte er mit dem Fund einer Enigma-Chiffriermaschine in der Ostsee für Aufsehen.

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