Hingerissen von der Landschaft skizzierte der Reisende die Kirche St. Nikolaus – eine seltene Darstellung des alten Turms – „mit Aussicht auf das Tal und die Berge“ und St.-Leonhard-Säule.
+
Hingerissen von der Landschaft skizzierte der Reisende die Kirche St. Nikolaus – eine seltene Darstellung des alten Turms – „mit Aussicht auf das Tal und die Berge“ und St.-Leonhard-Säule.

Ein früher Ausflügler

„Das Tal ist ganz vortrefflich“: Wie ein bedeutender Architekt 1808 dem Zauber der Jachenau erlag

  • Andreas Steppan
    vonAndreas Steppan
    schließen

Die Jachenau und der Walchensee sind beliebte Ausflugsziele. Dass das schon vor über 200 Jahren so war, zeigt ein Blick in historische Tagebuch-Aufzeichnungen.

Jachenau – Ob im Sommer zum Baden, im Herbst zum Wandern oder im Winter zum Langlaufen: Die Jachenau und der Walchensee sind immer beliebte Ausflugsziele: Dieser Trend hat sich in der Corona-Zeit noch einmal verstärkt, teils bis an die Grenzen der Belastbarkeit. Neu ist die Begeisterung der Auswärtigen für das Sonnental aber keineswegs – wie auch die schwärmerischen Tagebuchaufzeichnungen des bedeutenden Architekten und Archäologen Carl Haller von Hallerstein aus dem Jahr 1808 beweisen.

Diesen Text hat der Jachenauer Hobby-Historiker Jost Gudelius jetzt genauer unter die Lupe genommen und will ihn der Öffentlichkeit bekannt machen.

Zeichnung von 1808 zeigt Jachenauer Kirche in ursprünglichem Zustand

Zu dem Thema gelangte Gudelius ganz unverhofft, als ihn im Sommer 2020 Bertold Haller von Hallerstein kontaktierte. Der Spross der Nürnberger Patrizierfamilie war im Internet auf den Jachenauer Heimatforscher gestoßen.

Gudelius’ Interesse war spätestens geweckt, als Berthold Haller auf eine Skizze der Jachenauer Kirche hinwies, die sein Urahn seinerzeit angefertigt hatte. „Die Zeichnung ist eine der seltenen Darstellungen der Kirche in ihrem ursprünglichen Zustand, bevor 1874 der heutige barocke Zwiebelturm gebaut wurde“, erklärt Gudelius. Wie St. Nikolaus früher aussah, das kann man ansonsten nur noch auf einem Deckenfresko von Alois Gaibler von 1778 im Inneren des Gotteshauses sehen. Und dann gibt es laut dem Hobbyforscher noch ein Foto von 1874, auf dem der neu gebaute Zwiebelturm und der alte kleinere, gedrungene Turm nebeneinanderstehen.

Carl Haller von Hallerstein war an wichtigen archäologischen Funden beteiligt

Gudelius beschäftigte sich näher mit Carl Haller von Hallerstein (1774-1817) – ein bedeutender Architekt seiner Zeit. Zudem machte er gemeinsam mit anderen Archäologen wichtige Funde in Griechenland, die sich heute in der Münchner Glyptothek und im Britischen Museum in London befinden. Für den Bau der Walhalla bei Regensburg übernahm Leo von Klenze einige wesentliche Ideen von Haller. 2017, zu seinem 200. Todestag, widmeten ihm die Kunstsammlungen der Stadt Nürnberg eine große Ausstellung.

Über dessen Wanderung durch die Jachenau hat Jost Gudelius nun einen Bericht verfasst. Demnach hatte der Adelige nach dem Architekturstudium in Stuttgart und Berlin 1806 bei der Stadt Nürnberg eine Anstellung als königlicher Bauinspektor gefunden. Jahresgehalt: 500 Gulden.

Carl Haller von Hallerstein auf einem Selbstporträt von 1808.

Viel zu tun gab’s vor Ort aber gerade nicht. „Die Stadt wie auch der bayerische Staat hatten in den damaligen Zeiten der Napoleonischen Kriege kein Geld für größere Bauten“, schreibt Gudelius. In Haller von Hallerstein reifte der Plan, den lang gehegten Wunsch einer Italien-Reise zu verwirklichen. „Sein Gesuch wurde im März 1808 vom bayerischen König genehmigt“, so Gudelius. „Er erhielt anderthalb Jahre Urlaub bei Weiterzahlung seines Gehalts.“

„Beständiger Wechsel von sehr malerischen Aussichten“

Der Architekt verließ Nürnberg am 3. Juni 1808. Bis 24. August hielt er sich in München auf, bereitete sich in Bibliotheken auf seine Reise vor und bekam Audienzen beim König und beim Innenminister Montgelas. Am 25. August erreichte er Bad Tölz. Von hier setzte er – „um die Landschaft intensiver erleben zu können“, so der Jachenauer Chronist – seinen Weg zu Fuß fort. Zusammen mit seinem Begleiter, einem Landshuter Medizinstudenten namens Pals, marschierte er über Heilbrunn, Benediktbeuern, Kochel und den Kesselberg nach Urfeld. Von dort brachte sie am Abend ein Boot über den See nach „Wallersee“, wie Haller von Hallerstein schreibt.

Nach einer Nacht auf dem Stroh in der „Wirths Stube“ unter Soldaten und Knechten ging es am folgenden Morgen zunächst mit einem Kahn wieder über den See.

In Niedernach angekommen, so steht in Hallers Tagebuch, „konnte ich ohnmöglich gleich weitergehen, sondern zeichnete die Aussicht auf den See gegen Wallersee und die ihn umgebenden Gebirge. Unser Gang durch die Jachenau war mit einem beständigen Wechsel von sehr malerischen Aussichten begleitet. Das Tal ist ganz vortrefflich. In einem Bauernhause aßen wir Milch“, schildert der Bauinspektor und rühmt die „ungewöhnliche Reinlichkeit“ und die „gutmüthigen“ Menschen. „Sie wollten nicht einmal eine Gabe für die Labung nehmen.“

Jachenauer bieten dem Wanderer unentgeltlich Milch an

Haller von Hallerstein erfreute sich am Anblick eines Babys. „Das Kind war von einer ungewöhnlichen Schönheit und strotzte an Fülle der Gesundheit, die ich nicht leicht bei einem Säugling gesehen habe.“ Auf dem Schoß eines alten Mütterchens habe es dann „ein herrliches Gemälde ländlicher, häuslicher Glückseligkeit“ abgegeben.

Der Reisende beschrieb auch, wie er – beim Warten auf das „Mittags-Mahl“ im nächsten „Wirths-Hause“ – die „Aussicht auf das Tal und die Berge, im Vordergrund eine Kirche“ zeichnete – „eine sehr malerische Parthie“, wie er befand. „Das Tal war durch die arbeitenden Landsleute in der Ernte sehr belebt. Wir sahen mehrere recht hübsche Mädchen unter denselben; ich machte mir den Spaß, ein paar mit dem Fernrohr zu beguken, welches sie herzlich lachen machte.“

Später flüchteten sich der Architekt und der Medizinstudent vor einem Gewitter „in die Hütte eines Floßmanns“ – und genossen erneut Jachenauer Gastfreundschaft. „Auch hier wurde uns unentgeltlich Milch geboten.“

Lange nach Einbruch der Dunkelheit erreichten die beiden dann endlich wieder Bad Tölz. Nach einem Besuch des Tegernsees überschritt das Duo am 31. August am Achenpass die Grenze nach Tirol mit dem Ziel Italien. Den Reizen der Jachenau sind nach ihm noch viele Künstler, Maler und Schriftsteller erlegen.

Lesen Sie auch:

Lady Chatterleys Wurzeln im Isarwinkel: Der Besuch von D. H. Lawrence in Tölz 1912

Ein weiterer prominenter Gast vergangener Zeiten war Mark Twain, der 1893 vier Wochen in Tölz verbrachte

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare