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Das Angebot im Dorfladen ist zugeschnitten auf die Bedürfnisse von Jachenauern und von Touristen, die wandern oder radfahren.

Feier zum 20. Geburtstag

Dorfladen Jachenau: Mehr als Brot und Butter

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Seit 20 Jahren können sich die 860 Einwohner in der Jachenau im Dorfladen versorgen. Die Zeiten für das kleine Geschäft waren nicht immer leicht. Doch Inhaber Peter Krauß und sein Team haben viele Hürden genommen. Heute ist der Laden ein Vorbild – auch für regionales Einkaufen und Umweltbewusstsein.

Jachenau– Wie wichtig der Dorfladen ist, zeigte sich wieder einmal im vergangenen Winter: Als die Jachenau wegen Schnee und umgestürzter Bäume mehrere Tage von der Außenwelt abgeschnitten war, hielt der Laden die Lebensmittelversorgung aufrecht.Als die Jachenauer Feuerwehr mit Schneeketten am Fahrzeug eine bestellte Lieferung von wichtigen Produkten vom Supermarkt in Krün anlieferte, sagte Ladeninhaber Peter Krauß vor den versammelten Journalisten aus nah und fern: „Am wichtigsten ist das Klopapier.“

Wenn Krauß heute daran zurückdenkt, schmunzelt er sehr. „Das war eine Steilvorlage für sämtliche Faschingszüge in der Region“, sagt er und lächelt noch immer. „Aber ganz im Ernst“, sagt er dann: „Im Winter hat sich mal wieder gezeigt, was da ist, wenn nix da ist. Nämlich nix.“

Das Dorfladen-Team: (v. li.) Christine Schwaiger, Magdalena Grünwald, Resi Sachenbacher, Lea Happach, Evi Oswald, Christine Stock, Barbara Müller, Barbara Brandhofer, Martina Sanktjohanser (Marktleiterin) und Elisabeth Willibald mit Inhaber Peter Krauß.

Vor 20 Jahren hat Peter Krauß den Dorfladen mit seiner verstorbenen Frau und seiner Schwägerin aufgebaut. „Eine Einkaufsmöglichkeit ist wichtig für die Lebensqualität von Alt und Jung in der Gemeinde.“ Doch das Geschäft unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von anderen Lebensmittelläden: Die Lage ist abgeschieden, die Verkaufsfläche begrenzt, die Lagermöglichkeiten gering. Die Kunden sind ausschließlich Dorfbewohner und im Sommer Tagesausflügler sowie Touristen mit Rucksack oder Radl, die besondere Bedürfnisse haben. Im Winter ist ein Umdenken gefragt, denn die Urlauber bleiben aus. Die Fixkosten bleiben jedoch gleich, etwa für Strom im Kühlregal.

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Um alles zu optimieren, musste das Team immer wieder sowohl am Konzept als auch an der Produktpalette feilen. Mit Erfolg: Der Laden hat nicht nur alle Hürden genommen, sondern gilt auch als Vorzeigeprojekt. „Immer wieder kommen Besucher aus anderen Gemeinden, die sich das bei uns mal anschauen wollen.“

Planung ist für Krauß und sein Team das A und O. Jeden Montag, Mittwoch und Freitag kommt ein Lkw vom Edeka-Zentrallager in Landsberg und bringt unter anderem frisches Obst und Gemüse. Zwei Bäcker und zwei Metzger, alle aus der Region, bringen täglich Fleisch, Wurst, Brot und Semmeln. Bei der Planung spielt auch das Wetter – sprich der Ausflugsverkehr – eine Rolle. „Brauchen wir 150 oder 300 Semmeln?“, nennt Krauß ein Beispiel. Wird der Andrang groß, können tiefgekühlte Rohlinge aufgebacken werden. Grundversorgung bedeutet heutzutage weitaus mehr als Brot, Butter, Fleisch und Milch. Das gilt auch für die Jachenau mit rund 170 Haushalten. „Der heutige Kunde möchte Vielfalt, und die soll in jeglicher Form verfügbar sein“, sagt Krauß. Obwohl der Dorfladen nur 75 Quadratmeter Verkaufsfläche hat, ist er kontinuierlich gewachsen: Heute sind über 1300 Artikel erhältlich, inklusive Getränken und einer kleinen Drogerieecke. Vieles ist auf Jachenauer Bedürfnisse abgestimmt, etwa biologisch abbaubare Putzmittel, denn die Bürger haben alle biologische Kläranlagen.

Zur großen Feier zum 20-jährigen Bestehen kamen viele Besucher. Es gab ein buntes Programm mit Musik und Kutschfahrten.

Was noch nicht im Verkaufsraum steht, wird im ersten Stock oder im Anbau gelagert. Der Platz ist begrenzt. Aber nicht nur deshalb soll Müll vermieden werden – auch aus ökologischen Gründen. „Wir planen gut und kriegen die Sachen auch gut weg“, sagt Krauß.

Preisgestaltung ist für den Inhaber ein wichtiges Thema. „Wir sind halt kein Großabnehmer.“ Weil der Laden abseits der Edeka-Lieferstrecke liege, müsse man einen Aufschlag bezahlen, zudem erfülle man bei manchen Produkten nicht die Mindestbestellmenge. „Das Ganze ist eine Mischkalkulation“, sagt Krauß über den Betrieb. „Wenn der Umsatz passt, dann sind die laufenden Kosten gedeckt.“

Was ins Regal kommt, hat für Krauß weitreichende Bedeutung: „Im Gegensatz zu früher fragen die Kunden heute bewusst nach regionalen Lebensmitteln.“ Deshalb gibt es zum Beispiel Milch- und Getreideprodukte, Honig, Eis, Käse, Nudeln, Limo, Bier und Schnaps aus der Region. Zudem wird Selbstgemachtes von Jachenauern verkauft.

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Krauß verbindet damit mehrere Aspekte, die ihm wichtig sind: Regionale Warenversorgung und Wertschöpfung, kurze Einkaufswege, weniger Verkehr und Unterstützung des örtlichen Tourismus’. Für Gäste, vor allem aus dem städtischen Bereich, sei der Laden regelrecht ein Erlebnis: „Die Leute sind vom Laden und der Atmosphäre oft derart begeistert, dass es für sie regelrecht Teil des Urlaubs ist“, sagt der Inhaber schmunzelnd.

Nicht zuletzt schafft der Laden Arbeitsplätze. Krauß beschäftigt zehn Mitarbeiterinnen – alles Frauen, alle in Teilzeit, alle aus dem Dorf. „Alle top“, sagt der Chef lächelnd. „Ohne sie ginge nichts. Bei uns helfen alle zusammen. Das ist ein schönes Miteinander.“

Ein Dorfladen ist auch ein Treffpunkt, an dem Neuigkeiten ausgetauscht werden. Wobei Krauß betont: „Der Dorfladen ratscht nicht über die Leute, sondern die Leute reden über sich, weil sie sich da treffen.“ Dazu einladen soll die Bank, die vor der Tür des Geschäfts steht. Müde Wanderer können dort auch ihren Rucksack abstellen, während sie drinnen Blasenpflaster kaufen oder sich mit Wasser, Bananen und Schokoriegeln versorgen – bei Fernwanderern noch immer die Klassiker, während Tageswanderer am Samstagvormittag vor allem zu Vinschgerln, Hartwurst und Käse greifen.

Sechs Tage in der Woche hat der Dorfladen geöffnet. Im Sommer vormittags täglich von 7.30 bis 12.30 Uhr und nachmittags von 15 bis 18 Uhr. Im Winter (November bis Ende April) ist vormittags bis 14 Uhr geöffnet, dann wird zugesperrt. Zum einen, weil keine Touristen kommen, zum anderen, um an Kosten wie Licht und Strom zu sparen.

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Die laufenden Kosten muss Krauß natürlich ständig im Blick haben. Er selbst steht im Dorfladen übrigens selten hinter der Theke. Der gelernte Elektrotechniker arbeitet Vollzeit im Wasserwirtschaftsamt Weilheim. Ums laufende Geschäft kümmert sich seine Lebensgefährtin Martina Sanktjohanser als Marktleiterin.

Dass zur Feier des 20-jährigen Bestehens am 1. Juni so viele Besucher kamen, hat nicht nur die beiden, sondern das gesamte Laden-Team sehr gefreut. „Wir bemühen uns alle immer, das Geschäft so gut wie möglich zu machen“, sagt Krauß. Das soll auch künftig so bleiben. „Wir werden immer schauen, dass wir den Laden erhalten.“

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