+
Jennifer Warham lebt seit knapp drei Jahren in London.

Eine Jachenauerin in London

Brexit-Entscheidung: „Ein bisschen persönlich beleidigt“

  • schließen

Jachenau/London - Unglaube und Auswanderungspläne: So hat eine Jachenauerin in London die Tage nach dem Brexit-Referendum erlebt.

Großbritannien erlebt turbulente Tage. Auf das Brexit-Referendum folgten Turbulenzen an den Börsen, Machtkämpfe in den politischen Parteien brachen aus, Schottland und Nordirland denken laut über eine Abspaltung vom Vereinigten Königreich nach – und vielen Wählern geht erst im Nachhinein auf, welche Tragweite ihr Votum für einen Austritt aus der EU hat. Die Stimmung der Menschen vor Ort erlebt derzeit eine Jachenauerin mit: Jennifer Warham (29) wohnt seit knapp drei Jahren in London. Die Brexit-Entscheidung bedeutet auch für ihr persönliches Leben voraussichtlich einen tiefen Einschnitt, wie sie im Kurier-Interview erklärt.

Frau Warham, was war Ihre erste Reaktion, als Sie vom Ergebnis des Brexit-Referendums erfuhren?

Jennifer Warham: Meine erste Reaktion war einfach nur Unglaube und Trauer. Ich selbst habe die deutsche und die britische Staatsangehörigkeit und durfte auch wählen. Ich habe für „Stay“ gestimmt.

Wie haben Sie den Freitag nach dem Referendum in London erlebt?

Warham: Normalerweise reden die Leute in der U-Bahn zur Rushhour nicht miteinander. An diesem Morgen aber haben sich alle unterhalten, überall war zu hören: „Kannst du das glauben?“ Ich selbst arbeite in der Unternehmensberatung und habe viel mit Kunden aus dem Bankensektor zu tun. Viele Banker haben die Nacht auf Freitag durchgearbeitet, wegen der Turbulenzen an den Börsen. Sie waren am Freitag alle platt.

Und feiernde Brexit-Befürworter haben Sie nicht gesehen?

Warham: Kaum jemand traut sich, sich zu outen, dass er für „Leave“ gestimmt hat – zumindest nicht in dem Umfeld, in dem ich mich bewege. Und diejenigen, die es zugeben, sagen: „Eigentlich wollte ich mich ja nur beschweren, dass es so nicht weitergehen kann.“ Da kann ich nur sagen: Ihr hättet Eure Entscheidung besser informiert treffen sollen.

In Ihrer Branche arbeiten Sie vermutlich in einem sehr internationalen Umfeld. Wie waren hier die Reaktionen?

Warham: Auf meinem Stockwerk arbeiten Menschen aus 20 verschiedenen Nationen. Alle, die Ausländer sind – ob aus der EU oder von außerhalb – fühlten sich erst einmal richtig vor den Kopf gestoßen, fragen sich, ob sie in Großbritannien bleiben können oder in Zukunft ein Visum brauchen. Eine Bekannte von mir lebt seit 15 Jahren in London. Sie hat von ihrem Chef eine E-Mail bekommen, in der stand: „Du musst Dir keine Gedanken machen, Du kannst sicher bleiben, Dein Job ist sicher, also bekommst Du bestimmt auch ein Visum.“ So eine E-Mail ist natürlich gar nicht beruhigend, im Gegenteil: Meine Bekannte hatte das Gefühl, man zeigt mit dem Finger auf sie – und keiner fragt sie, ob sie überhaupt bleiben will. Viele Ausländer fühlen sich ein bisschen persönlich beleidigt – inklusive mir, obwohl ich auch Britin bin.

Hat sich Ihre Einstellung zu Großbritannien verändert?

Warham: Ich bin niemand, der viel auf Facebook veröffentlicht. Jetzt aber habe ich gepostet, dass ich stolz bin, eine Europäerin zu sein. Ich habe in Frankreich und Österreich studiert. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich jetzt nicht mehr ganz so stolz, auch Britin zu sein.

Wird das Referendum Auswirkungen auf Ihr ganz persönliches Leben haben?

Warham: Ja, sehr konkrete. Ich selbst kann als Britin zwar auf jeden Fall in London bleiben. Aber mein Freund, er ist Deutscher, hat schon vor dem Referendum klargestellt, dass er im Fall eines Votums für den Brexit nicht mehr hier bleiben möchte, weil er sich in Großbritannien nicht mehr willkommen fühlt. Es gibt noch so viele andere schöne Länder auf der Welt. Ich habe Verständnis für ihn, und dementsprechend werde auch ich das Land verlassen, bevor der Austritt tatsächlich vollzogen wird.

Haben Sie die Hoffnung, dass Großbritannien entgegen dem Referendumsergebnis trotzdem in der EU bleibt?

Warham: Ich würde es mir wünschen, aber ich glaube nicht daran. Wenn die Politiker jetzt das Referendum ignorieren, verlieren sie noch mehr an Glaubwürdigkeit und ziehen jedes Referendum ins Lächerliche. Insofern wäre es keine weise Entscheidung.

In einer Online-Petition fordern jetzt Millionen Briten eine Wiederholung des Referendums. Haben Sie auch unterschrieben?

Warham: Ja. Im Bewusstsein um die Schwierigkeiten. Von meiner Seite ist das vor allem eine Protestmaßnahme.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

„Grenzen sind nur da,wo wir sie zulassen“
Bestes Wetter und Konzerte auf allerhöchstem Niveau: Beim vierten Knabenchorfestival präsentierte sich Bad Tölz den Gästen von seiner allerbesten Seite. Allein die Zahl …
„Grenzen sind nur da,wo wir sie zulassen“
Brand: Verkehrsbehinderungen auf der B472
Brand: Verkehrsbehinderungen auf der B472
Heute Antik- und Sammlermarkt im Kloster Benediktbeuern
Heute Antik- und Sammlermarkt im Kloster Benediktbeuern

Kommentare